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Alles Bio und pestizidfrei? Ein Fluch für die Schweiz – Abstimmung am Sonntag

© REUTERS / ARND WIEGMANNEin Poster steht an einem Acker in der Nähe von Ellikon an der Thur vor der Volksabstimmung über die Agrar-Initiativen, 27. Mai 2021
Ein Poster steht an einem Acker in der Nähe von Ellikon an der Thur vor der Volksabstimmung über die Agrar-Initiativen, 27. Mai 2021 - SNA, 1920, 12.06.2021
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Zwei Initiativen wollen aus der Schweiz das erste pestizidfreie Land Europas machen. Am 13. Juni wird darüber abgestimmt. Im Kern geht es darum, ob das kleine Land nur noch Bio-Lebensmittel herstellen und importieren will. SNA hat mit einem Befürworter und einem Gegner der Initiativen gesprochen.
Sandra Helfenstein ist Sprecherin des Schweizer Bauernverbands. Der Verband vertritt die Interessen der Landwirtschaft in der Schweiz und gilt als eine der einflussreichsten Organisationen des Landes. Er lehnt die beiden Initiativen ab.
Das Interview mit Mathias Forster von der Schweizer Bio-Stiftung gibt es hier:
Ein Bauer presst Heu in Ballen im schweizerischen Penthaz. 31. Mai 2021 - SNA, 1920, 12.06.2021
Alles Bio und pestizidfrei? Ein Segen für die Schweiz – Abstimmung am Sonntag
Frau Helfenstein, in Deutschland war die Nitratbelastung des Grundwassers lange ein Problem. Die EU hat 2016 sogar ein Verfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil die Bundesrepublik gegen die europäische Nitratrichtlinie verstoßen hatte. Wie ist denn die Situation in der Schweiz?
Wir haben auch gewisse Regionen, wo wir Probleme mit Nitrat haben. Wir sind daran, mit der Produktionstechnik, der Anbautechnik, diese Nitratauswaschungen ins Wasser zu verringern. Das ist bei uns auch ein Thema, aber es ist jetzt nicht so, dass die Situation besorgniserregend ist und dass man wirklich um die nationale Gesundheit fürchten muss.
Viele Studien belegen den dramatischen Insektenrückgang in der letzten Zeit. Ein Hauptgrund dafür soll die Nutzung von Pestiziden sein. Wäre ein Weniger von Pestiziden nicht wünschenswert für eine Artenreiche Vielfalt in unserer Umwelt?
Ein Weniger von Pestiziden ist auf jeden Fall wünschenswert. Es ist einfach ein Abwägen zwischen verschiedenen Gütern. Die Bauernfamilien brauchen ja die Pestizide nicht um der Pestiziden willen, sondern um ihre Kulturen vor Krankheiten und Schädlingen zu schützen. Wir brauchen irgendeine Schutzmöglichkeit, damit wir uns täglich Brot sichern können. Die Frage ist: Kann man optimieren und wo gibt es Alternativen?
Bei uns ist ja gerade die Pflanzenschutzgeschichte mit den Abstimmungen extrem aktuell und der Druck entsprechend hoch. Vielleicht wird da jetzt etwas mehr in die Forschung investiert, dass man versucht einen „Effort“ zu machen und zum Beispiel Züchtungen zu bekommen, die viel resistenter sind. Das ist auch ein langwieriger Prozess. Bis zu einem Erfolg kann es zehn Jahre oder mehr dauern.
Das Bewusstsein ist gestiegen und auf jeden Fall gibt es hier noch Potential. Aber diese krasse Idee, wie wir sie jetzt in der Schweiz haben, vollständig auszusteigen und auf sämtliche Pflanzenschutzmittel zu verzichten, das ist nicht die Realität. Für die Schweiz könnten wir das vielleicht noch realisieren, aber dann müssten wir noch viel mehr Essen importieren. Deshalb ist das keine globale Lösung.
In der Schweiz wird nun gleich zweimal über Landwirtschaft und die Umwelt abgestimmt. Ist das denn ein Gegensatz?
Nein. Die Landwirtschaft arbeitet ja in und mit der Natur. Es gibt doch keine Branche die naturnäher ist Es geht darum, dass die Landwirtschaft Nahrungsmittel produziert und das so umweltschonend wie möglich. Allerdings, Landwirtschaft zu betreiben ist ein Eingriff in die Natur. Aber wir müssen den Eingriff und die negativen Folgen so gering wie möglich halten. Das ist die Herausforderung und die Kunst der Landwirtschaft.
Da sind die Bauern auch überhaupt nicht dagegen. Die Bauernfamilien sind darauf angewiesen, dass sie ihren Boden gesund halten. Sie haben Betriebe, die sie über Generationen übergeben und niemand hat daran ein Interesse, seinen Kindern und Enkeln etwas zu hinterlassen, dass nicht benutzbar oder kaputt ist.
Vielleicht war bisher auch das Wissen zu klein, man wusste gar nicht so genau, wo die Problempunkte sind. Ich bin sehr zuversichtlich, dass weitere Optimierungen möglich sind und alle daran Interesse haben, diese umzusetzen.
Eine Frage zur Tierhaltung in der Schweiz: In Deutschland ist die Massentierhaltung immer mehr im Fokus, da gibt es durchaus Handlungsbedarf, was das Wohl der Tiere angeht. Wie ist im Vergleich die Situation in der Schweiz?
Wir sagen immer, wir haben keine Massentierhaltung in der Schweiz. Wir sind weltweit das einzige Land was eine Limitierung der Tierbestände hat. Bei Geflügel ist das Limit 18.000 Stück pro Betrieb. 18.000 ist verhältnismäßig wenig. In Deutschland gibt es Betriebe mit 600.000 Hühnern. Da sind wir ja eine Zwergenproduktion.
Wenn die Leute aber Nachbars Hühnergarten im Kopf haben, wo zehn Hühner ein bisschen draußen rumspringen, und sie dann in einen Stall mit 18.000 Hühner schauen, dann ist das ein anderes Bild. Das kann man dann auch als Massentierhaltung bezeichnen.
Das hat damit zu tun, was man selbst für ein Bild vor Augen hat und was man für Wertvorstellungen hat. Es gibt auch extreme Tierschützer und Veganer, die sind sowieso gegen die Nutztierhaltung. Für die ist wahrscheinlich schon Nachbars Garten nicht mehr tolerierbar.
Nun wird aber in der Schweiz erstmal über die eidgenössische Volksinitiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ abgestimmt. Grob gesagt geht es darum, dass in der Schweiz nur noch Bio-Landwirtschaft betrieben werden soll. Was halten Sie von dem Vorhaben?
Von diesem Vorhaben sind die Stimmbürgerinnen und -bürger selbst fast gleichstark betroffen wie die Landwirtschaft selbst. Es geht darum, dass keine synthetischen Pestizide mehr zugelassen werden, das ist der heutige Standard des Biolandbaus bei uns. Das würde dann einfach heißen, dass die gesamte Landwirtschaft auf Bio-Landbau umstellt und weil es auch die Importe betrifft, dürften wir auch nur noch Bio importieren. In unseren Läden wären dann nur noch pflanzliche Bio-Lebensmittel erhältlich.
Hier ist die Frage: Wollen wir keine Auswahlmöglichkeiten haben? Wir müssen dann auch den entsprechenden Mehrpreis zahlen. Wenn die Menschen das wollen, dann macht die Landwirtschaft das. Das ist insofern eine konsequentere Initiative als die andere, weil sie den gesamten Markt anschaut und auch die Importe in die Pflicht nimmt.
Ist das aber für die Schweiz überhaupt durchsetzbar? Wir haben auch die Verträge der Welthandelsorganisation (WTO) unterschrieben. Sind solche Auflagen überhaupt WTO-tauglich? Außerdem sind wir ein kleines Land und haben die Grenzen fast überall um die Ecke. Wie viele Leute kaufen dann im Ausland ein? Wir haben auch heute schon relativ viel Einkaufstourismus. Grundsätzlich gilt: Es wäre machbar. Zwar sehr radikal, die Schweiz wäre dann ein Pionier, aber es wäre nicht der Untergang der Landwirtschaft.
Am selben Tag wird auch über die Eidgenössische Volksinitiative „Für sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrung – Keine Subventionen für den Pestizid- und den prophylaktischen Antibiotika-Einsatz“ abgestimmt. Sie sind gegen diese Initiative. Warum?
Diese Initiative ist im Gegensatz zu der anderen eine Mogelpackung. Sie hat einen super Namen, der sehr attraktiv klingt und niemand kann gegen gesundes Wasser und saubere Nahrung sein. Aber die bewirkt was anderes:
Die Direktzahlungen, also direkte Geldzahlungen des Staates an die Landwirte in der Schweiz sind an ökologische Auflagen geknüpft. Ein Beispiel: Jeder Betrieb muss sieben Prozent seiner Fläche für die ökologische Vielfalt, die Biodiversitätsförderung ausweisen. Nur dann bekommt er überhaupt die Direktzahlungen. Wenn man sie an zwei Kriterien knüpft, wie von der Initiative verlangt, die schwierig bis unmöglich einzuhalten wären, würden wir ganz viele Betriebe aus dem Direktzahlungssystem drängen. Es ist keine Verbotsinitiative, sondern sagt nur, wer Direktzahlungen bekommt und wer nicht. Viele Betriebe werden aufhören und damit dann auch diesen ökonomischen Leistungsnachweis, den man für Direktzahlungen einhalten muss, nicht mehr erfüllen.
Das mit dem prophylaktischen Antibiotikaeinsatz ist kein Problem. Das ist kein Killer-Kriterium. Das Killer-Kriterium ist das man keinerlei Pestizide einsetzen darf. Die Initianten haben anfänglich immer betont, dass sie damit auch die Bio-Mittel wie Kupfer, Schwefel oder Pyrethroide meinen.
Noch schwieriger zu erfüllen ist, dass die Betriebe nur so viele Tiere halten dürfen, wie sie vom betriebseigenen Futter ernähren können. In der Schweiz haben wir sehr viel Hügel- und Berggebiet, wo wir keinerlei Ackerbau betreiben können, das bedeutet, Schweine- und Geflügelhaltung wäre dann in diesen Regionen nicht mehr möglich. Die Initiative ist so extrem formuliert, dass die Betriebe, die Pflanzen schützen müssen oder Futter zukaufen, entweder diese Produktion aufgeben – was wahrscheinlich relativ wenig passieren wird – oder auf Direktzahlungen verzichten. Deshalb bringt sie ökologisch eigentlich gar nichts.
Das Initiativkomitee der Trinkwasser-Initiative weist darauf hin, dass dadurch Wasser und Nahrungsmittel frei von Arzneimitteln, antibiotikaresistenten Bakterien, Pestiziden, Nitrat und anderen Giftstoffen wären. Das wäre dann Standard und für alle erschwinglich. Das sehen Sie nicht so?
Das Problem ist, dass das Angebot nicht geschaffen wird. Was heute schon sehr ökologisch produziert werden kann, ist bei uns Fleisch vom Rindvieh und Milch. Wir sind ein Grasland und es ist sehr wohl möglich, extensiv, also großflächig, Rindfleisch und Milch zu produzieren. Das Nitrat kommt nicht aus der Tierhaltung.
Nitratauswaschungen kommen hauptsächlich aus dem Ackerbau und dort vor allem aus dem Gemüseanbau. Die extensive Tierhaltung hat heute keinen negativen Einfluss auf die Umwelt. Einen negativen Einfluss haben wir dort, wo wir viel Pflanzenschutzmittel brauchen – das ist Gemüse, Obst und Weinbau.
Diese Betriebe werden nicht umstellen. Die Verluste, die sie ohne Pflanzenschutz hätten, wären viel größer als die Direktzahlungen, die sie heute bekommen. Dort wo wir heute die negativen Auswirkungen haben, hätten wir sie morgen erst recht, weil der Hebel nur diese Direktzahlungsschiene ist. Das was heute noch ein bisschen reguliert wird, fällt dann weg.
Die Bauern hätten immerhin zehn Jahre, um sich auf die neuen Landwirtschaftsregeln einzustellen, reicht das nicht? Was käme da auf die Landwirte zu?
Zehn Jahre sind es bei der „Pestizidfrei-Initiative“. Bei der „Trinkwasser-Initiative“ sind es meines Wissens acht Jahre. Umstellung auf Biolandbau ist in zehn Jahren kein Problem. Das Problem ist die Nachfrage.
In der Schweiz hat Bio heute einen Anteil von elf Prozent am Gesamtmarkt. Jetzt stellen wir in zehn Jahren um auf 100 Prozent Bio. Ist die Bevölkerung dann auch soweit? Bei der Pestizid-Initiative ist anzunehmen, dass das Preisniveau für Bio-Produkte schon ein bisschen sinken würde. Wenn es nur noch das gibt, verliert es natürlich etwas die Exklusivität, aber es wird sicher teurer bleiben als heute die konventionellen Produkte.
Die Schweiz gilt schon heute ein bisschen als Hochpreisinsel. Die große Angst ist dann, dass die Leute das schlussendlich doch nicht kaufen und sich noch mehr im Ausland eindecken. Oder es wird doch nicht so einfach durchzusetzen und folglich gelten die Regeln nur für die Schweizer Landwirtschaft. Die muss dann Bio sein, aber bei den importierten Produkten gilt das nicht. Dann haben wir zwar eine schöne Welt in der Schweiz, alles schön Bio. Weil wir aber nicht genug produzieren, müssen wir umso mehr importieren. Wir würden einfach unseren ökologischen Fußabdruck noch weiter ins Ausland verlagern.
Wie viel weniger würde dann nur noch produziert, wenn in der Schweiz nur noch Bio hergestellt werden dürfte?
Normalerweise hat die Bio-Produktion etwa 30 Prozent niedrigere Erträge als die konventionelle.
Beide Räte lehnen die Initiativen ab. Wie schätzen Sie die Chancen am 13. Juni ein?
Wir sind recht zuversichtlich, dass wir zweimal „Nein“ erreichen, aber wir wissen erst am nächsten Sonntag, was wirklich rauskommt. Wir hoffen, dass es uns gelungen ist, zu zeigen, dass die „Trinkwasser-Initiative“ eine Mogelpackung ist und nicht das bringen wird, was die Leute sich davon erhoffen. Bei „Pestizidfrei“ haben wir einfach gesagt: ier ist es wirklich eine Frage, was die Bevölkerung kaufen will. Das ist fast wie ein Gesellschaftsentscheid und ob dann wirklich so viel mehr Leute als heute bereit sind Bio zu kaufen? Wir werden es sehen.
Das komplette Interview mit Sandra Helfenstein zum Nachhören gibt es hier:
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