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„Wenn Krieg ausbricht“ – Fazit des Corona-Jahres bei „Maybrit Illner“

© REUTERS / SANDRA SANDERSCoronavirus (Symbolbild)
Coronavirus (Symbolbild) - SNA, 1920, 11.06.2021
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G7, Fußball-EM, Wahlrennen – es gibt genug Themen, die momentan aktueller sind als Corona. Dennoch holte „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend im ZDF diesen alten Hut wieder hervor und lud die üblichen Gäste ein, um ein Fazit des Pandemie-Jahres zu ziehen und einen Blick auf zukünftige Plagen zu wagen. Ergiebig war das nicht.
Mehr als ein Jahr lang war Corona nahezu das einzige Thema aller TV-Talkshows. Ihren Teilnehmern wie dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit oder dem Kanzleramtsminister Helge Braun begegneten die Talk-Zuschauer mittlerweile viel häufiger als ihren Nachbarn oder Tanten. Jetzt aber, wo sich die sogenannten Inzidenzzahlen in einem schier unaufhaltsamen Sinkflug befinden, will kaum jemand an den Leidensweg der zurückliegenden 15 Monate erinnert werden oder sich neue Pandemie-Leiden für die Zukunft ausmalen. Dennoch wurde für den ZDF-Talk am Donnerstagabend bei „Maybrit Illner“ das Thema „Der Sommer wird gut – wird die Corona-Politik besser?“ vorgeschlagen.
Eigentlich hätte man nach „gut“ den Punkt setzen und andere, wesentlich lustigere Gäste einladen können. Denn zu der Frage „Wird die Corona-Politik besser?“ äußerten die Gäste herzlich wenig Konstruktives. Sie konnten es ja kaum: Wenn im Herbst eine neue Corona-Welle kommen sollte, wird Deutschland eine neue Regierung haben, deren Zusammensetzung noch niemand kennt. Das heißt: Neue Politiker und dementsprechend eine neue Politik, die niemand voraussagen kann.
Genauso überraschend wie die Covid-19-Pandemie ausbrach, könnte auch eine neue Plage beginnen. Insofern erinnerte die Talkrunde bei der Moderatorin Maybrit Illner an den alten Spruch: „Alle Generäle neigen dazu, sich auf den vergangenen Krieg vorzubereiten.“
Maybrit Illner (Archivbild) - SNA, 1920, 27.05.2021
Anne, Maybrit, Sandra und Corona: Boomen Talkshows auch nach der Pandemie?

Nicht die letzte Pandemie

„Dies wird nicht die letzte Pandemie bleiben“, prophezeite Lauterbach, der mit der Pandemie einen neuen Lebensinhalt zu gewonnen haben schien und der er seinen neuen Status als „Medienstar“ zu verdanken hat. „Wir brauchen eine unabhängige Impfstoff-Forschung und Produktkapazitäten für Impfstoffe, die vorgehalten werden.“ Da muss man bei Gott kein Epidemiologie-Professor sein, um auf solche Gedanken zu kommen.
Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit nannte die Datenerhebung in Deutschland „eine Katastrophe“ und fügte hinzu: „Das sind uns andere Länder weit voraus … Wir sollten bessere Daten erheben, damit zielgerichtet Maßnahmen ergriffen werden können.“ Für Kanzleramtschef Braun klang dies nicht patriotisch genug. „Wir sind im europäischen Vergleich relativ gut durchgekommen“, entgegnete er. „Viele andere Länder hatten Inzidenzen von über 800 und sogar 1000 und dementsprechend auch eine deutlich höhere Sterblichkeit als wir.“
„Wir haben einen ganz speziellen deutschen Weg“, betonte der Minister und das klang natürlich überaus patriotisch und staatspolitisch.
Der „Welt“-Journalist Robin Alexander relativierte allerdings die Liebe zum Vaterland mit der Bemerkung, dass sich die Bundesrepublik während der Pandemie bei weitem nicht immer als internationales Musterbeispiel rühmen konnte:
„Da gab es das Bild, unsere Kanzlerin ist so rational, und Herr Trump, Herr Johnson und Herr Bolsonaro sind alle so verrückt. Dieses Bild hat aber deutliche Schrammen bekommen.“
Und fügte hinzu:
„Unser Staat war sehr gut im Ermahnen. Anderes hat nicht so gut funktioniert.“
Vor einem Impfzentrum in Darmstadt - SNA, 1920, 14.05.2021
„Covidiot“, „Impfneid“, „Spuckschutz“ – Eintagsfliegen oder Spuren in der Sprache?

„Wir haben sehr viele Rechte delegiert“

Einig waren der Journalist und der hohe Regierungsbeamte allerdings darin, dass es kein guter Einfall gewesen war, so viele Befugnisse bei der Corona-Bekämpfung an die Bundesländer abzutreten und all die Maßnahmen per Ministerpräsidentenkonferenzen bei der Kanzlerin zu behandeln und zu beschließen.
„Wir haben sehr viele Rechte im Hinblick auf das Corona-Management an die Bundesländer delegiert“, bedauerte Braun nachträglich. „Als wir gemerkt haben, dass dieser Weg nicht mehr funktioniert, haben wir die Notbremse gemacht … Ich hätte die Bundesnotbremse gerne früher gemacht.“
„Das Regieren über diese eigentlich doch seltsame Runde der Ministerpräsidenten“ sei angesichts der Gefahren und Herausforderungen der Pandemie fehl am Platz gewesen, sagte Alexander. „Man sollte eine Pandemie-Lage behandeln wie einen Krieg“, fügte er hinzu. „Wenn Krieg ausbricht, gibt es den Fall, dass die Bundesregierung entscheiden kann über viele Grenzen hinweg … Man sollte so eine Pandemie-Lage ähnlich bearbeiten.“
Hausärztin Birgid Puhl zeigte sich als die einzige Frau in der Talkrunde (von der Moderatorin abgesehen) weniger kriegslüstern. „Wegsperren und Panikmachen war nicht der richtige Weg“, äußerte sie. Die Medizinerin wünschte sich „mehr Pragmatismus und weniger Bürokratie“. Jetzt, nach der Aufhebung der Priorisierung, habe sie eine Liste von etwa 2000 Impfwilligen: „Wenn wir die durchtelefonieren wollten, würden wir einen Arzt für vier Wochen binden.“
Sie war auch die einzige, die dazu mahnte, „die Kollateralschäden nicht aus dem Blick zu verlieren“. Auf diese Pandemie-Schäden – ob wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und sonstiger Art – gingen die „kriegslüsternen“ Männer in der Talkrunde jedoch gar nicht ein.
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