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„Die Kurve steht nach oben“: Scholz zeigt Zweckoptimismus – bis ins Lächerliche

© REUTERS / POOLBundesfinanzminister Olaf Scholz
Bundesfinanzminister Olaf Scholz - SNA, 1920, 10.06.2021
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Nach Annalena Baerbock vor zwei Wochen und Armin Laschet eine Woche später hat der ARD-Talk „Maischberger“ am Mittwochabend mit Markus Söder und Olaf Scholz zwei weitere Alphatiere der deutschen Politik präsentiert. Söder zeigte sich devot und entspannt. Scholz bemühte sich, nicht lächerlich zu wirken.
Als Erster war der aus München zugeschaltete bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Talk „Maischberger“ in der ARD am Mittwoch dran. Er präsentierte sich mit einem üppigen, in Sonnenstrahlen badenden saftig-grünen Blattwerk im Hintergrund. Bei den Talk-Zuschaltungen in den zurückliegenden Monaten, bei denen es hauptsächlich um Söders Kampf gegen die Pandemie ging, waren stets düstere alte Festungen im Abendlicht hinter seinem Rücken zu sehen gewesen. Damit war die Botschaft klar erkennbar: Der schwere Kampf von damals ist so gut wie vorbei, nun können sich alle entspannen.

Söder sieht Scholz chancenlos

Vorbei sind allerdings auch Söders Kanzlerambitionen: Bayerns Chef zeigte sich nun devot, stellte sich als einen „treuen und braven Wahlkämpfer“ vor und versicherte „volle Rückendeckung“ für seinen ehemaligen Rivalen Armin Laschet (CDU).
„Ist also Armin Laschet jetzt der Kandidat der Herzen, auch für die Bayern?“, fragte ihn Moderatorin Sandra Maischberger mit klar erkennbarem ironischem Unterton. Söder ignorierte die Ironie und versicherte todernst: „Auf jeden Fall. Wieso zweifeln Sie daran?“
Höchstens beim Thema „Maskenskandal um Jens Spahn“ ließ sich der CSU-Politiker leicht aus der Reserve locken. Auf die neueste Forderung der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken, der Gesundheitsminister müsse nun deswegen zurücktreten, reagierte Söder mit einem Gegenschlag. Immerhin habe Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) Spahns Vorschlag akzeptiert, die angeblich untauglichen chinesischen Schutzmasken als „Notreserve“ zu lagern, stellte er fest. Dies bedeute, so Söder, dass der Arbeitsminister diese unschöne Geschichte zumindest in gleichem Maße zu verantworten habe. Insofern „müsste diskutiert werden, ob Hubertus Heil noch im Amt bleiben kann“, meinte der CSU-Mann.
„Ich wundere mich, was die SPD da macht“, betonte er. „Ich bin wirklich enttäuscht von der SPD.“ Und fügte zugleich „versöhnlich“ hinzu: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das der Stil von Olaf Scholz ist. Denn Olaf Scholz kenne ich als jemanden, der einen anderen Stil pflegt.“
Die letztere Bemerkung hinderte Söder allerdings nicht daran, dem SPD-Kanzlerkandidaten einen Seitenhieb zu verpassen: „Ich glaube nicht, dass Olaf Scholz wirklich die größten Chancen hat“, die Bundestagswahlen im September zu gewinnen.
Finanzminister Scholz spricht vor dem Ausschuss des Bundestags zum Fall Wirecard, 22. April 2021 - SNA, 1920, 19.05.2021
Baerbock und Scholz: Bahnt sich eine politische Vernunftsehe an?

Die Frage nach dem Joint

Wenige Minuten später tauchte SPD-Kanzlerkandidat Scholz persönlich im Studio auf – um über seine Wahlchancen zu reden. Hatte sich Maischberger mit Söder eine knappe Viertelstunde unterhalten, so wurden dem SPD-Politiker mehr als 20 Minuten Sendezeit geschenkt. Immerhin ist Scholz im Unterschied zu Söder ein aktueller Kanzlerkandidat.
Aus welchem Grund auch immer will die Moderatorin wissen, wie die Kanzlerkandidaten zum Joint-Rauchen stehen. Vor zwei Wochen fragte Maischberger die Grünen-Spitzenpolitikerin Annalena Baerbock, wann sie ihren ersten Joint geraucht hatte. Nun wurde Scholz danach gefragt. „Nein, das habe ich nie gemacht", beteuerte er.
Mag sein, dass der Hintergedanke der „Joint-Frage“ darin besteht, die Zuschauer auf den Gedanken zu bringen, dass sich Deutschlands Top-Politiker doch sehr wohl von irgendetwas berauschen lassen – wenn nicht von Marihuana, dann vielleicht von etwas sonst. Denn bei klarem Kopf würde ein Politiker, dessen Partei gerade bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt mit acht Prozent das historisch schlechteste Resultat erzielt hatte, wohl niemals behaupten, er würde in drei Monaten Bundeskanzler. Scholz tut das – mit einer Miene, die nicht daran zweifeln ließ, er meine das wirklich ernst.

Der talentierte Kandidat Olaf Scholz

Ungeniert bemühte sich Maischberger, diesen siegessicheren Ton ins Lächerliche zu ziehen. „Ab wann wird so ein Satz lächerlich: ‚Ich will Kanzler werden'", fragte sie und verwies dabei auf Diagramme, die den blamablen Niedergang der seinerzeit mächtigen Partei SPD illustrierten.
Völlig unbeirrt blieb deren Kandidat, zumindest verbal, bei seinem Siegeswillen und bekräftigte dies mit Phrasen wie „Es geht darum, dass wir jetzt das Ziel haben, die Regierung zu führen", „Die Kurve geht nach oben, ich glaube, dass wir diese Chance haben“ oder „Da ist alles drin und wir werden gemeinsam versuchen, das voranzubringen.“
Scholz kann zugestanden werden: Er hat wirklich Talent, viele Worte zu gebrauchen und komplizierte Satzgefügen aufzubauen, um dabei möglichst wenig zum Ausdruck zu bringen. Dieses Talent war auch gefragt, als die Talkmasterin von ihm eine klare Stellungnahme zum Masken-Konflikt mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hören wollte. Der Vizekanzler konnte nämlich weder die Forderung seiner Parteichefin nach Spahns Rücktritt unterstützen, was eine Koalitionskrise bedeutet hätte, noch diese Forderung für nichtig erklären, was einen Streit innerhalb der SPD-Spitze ausgelöst hätte.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn - SNA, 1920, 31.05.2021
Jens Spahn: „Egal, was ich entscheide oder nicht entscheide …“

„Ja oder Nein?“

Deshalb folgte auf die „strenge“ Frage der Moderatorin „Schließen Sie sich der Forderung an, Jens Spahn solle zurücktreten – Ja oder Nein?“ eine minutenlange Passage, die am Ende des Tages herzlich wenig Greifbares hervorbrachte:

„Das ist ein Thema, mit dem man sich jetzt gut auseinandersetzen muss … Ich sage, dass es jetzt Fragen zu beantworten gibt … Deshalb will ich noch mal dazu sagen, ist das eine Frage, die sich jetzt auch alle Beteiligten gut vorlegen müssen, wo sie sich prüfen müssen, indem sie die Frage beantworten … Hier ist Aufklärung notwendig, und das ist der Punkt, an dem wir uns jetzt befinden.“

Auch bei der Frage „Ja oder Nein“, ob die SPD, wenn sie „wider Erwarten“ die Wahlen im September verlieren sollte, in die Opposition gehen würde, bekam die Moderatorin eine ausweichende Antwort von Scholz: „Es geht darum, dass wir ein Ziel haben, die Regierung zu führen …“
Am Schluss musste die versierte Interviewerin Maischberger verzweifelt aufgeben: „Ich habe heute ein paar Antworten nicht bekommen, vielleicht geht es beim nächsten Mal besser …“ Das „nächste Mal“ wird sich allerdings frühestens Ende August ergeben: Bis dahin geht die „Maischberger“-Show in Urlaub, um der Fußball-Europameisterschaft Sendezeit zu bieten. Es bleibt zu hoffen, dass die Spiele mehr Spannung bieten werden.
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