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Der Wahlsieger, die Möchte-gern-Volkspartei und die Zwerge bei „Anne Will“

© AP Photo / MIGUEL VILLAGRANARD-Show Anne Will (Archivbild)
ARD-Show Anne Will (Archivbild) - SNA, 1920, 07.06.2021
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Bei der Analyse zur Wahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag war bei „Anne Will“ im „Ersten“ niemand aus diesem Bundesland präsent. Dafür gab es einen selbstsicheren Vertreter der „neuen Volkspartei“ und zwei „Zwerge“. Geredet wurde über „Diktatursozialisierte“ sowie über jene, die den TV-Talk in der ARD gar nicht gucken wollen.
Um es gleich vorauszuschicken: Um das für die ARD-Sendung am Sonntag angekündigte Thema – ob die Wahlen in Sachsen-Anhalt ein „Stimmungstest für die Bundestagswahl“ seien – ging es nur am Rande. Genauer gesagt: Es galt von vornherein als eine Selbstverständlichkeit, dass diese Wahlen keinesfalls das bundesweite Kräfteverhältnis widerspiegeln würden. Die Spezifik der Abstimmung in Sachsen-Anhalt wurde dabei unter dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit die dortige Wählerschaft „diktatursozialisiert“ sei.

Sind die „Ossis“ zurückgeblieben?

Diesen Begriff hatte der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), kürzlich in Umlauf gesetzt.

„Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursoziaisiert sind, dass sie auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind“, behauptete er Ende Mai in einem „FAZ“-Podcast. „Wir haben es mit einem erheblichen Teil der Bevölkerung zu tun, die gefestigte rechtsradikale, nicht demokratische Ansichten haben.“

Wanderwitz stammt eigentlich aus Sachsen und sollte schon deshalb wissen, wovon er redet. Der 45-Jährige sei zwar ein „sehr talentierter Politiker der jungen Generation“, meinte CDU-Vizechef Volker Bouffier am Sonntagabend bei „Anne Will“. Trotzdem würde er diese Auffassung von ihm „nicht teilen“.

„Ich halte es für falsch, wenn wir davon reden würden, dass sie (die „Ossis“ eben – Anm. A. I.) irgendwie ein bisschen zurückgeblieben sind“, betonte Bouffier. „Zumal wenn man die heutigen Zahlen ansieht …“

Und die Zahlen belegten nämlich, dass die AfD in Sachsen-Anhalt vor allem dank den Stimmen der Wählerschaft zwischen 25 und 44 Jahren auf ihre soliden 21 Prozent gekommen ist – Menschen also, die, genauso wie Wanderwitz selbst, eher „Merkel-sozialisiert“ sind.
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Ist die AfD eine neue Volkspartei?

„Ich finde es eine absolute Demütigung, dass wir 31 Jahre nach der Wiedervereinigung einen Ostbeauftragten brauchen“, hakte der AfD-Ko-Vorsitzende Tino Chrupalla in der Runde ein.

Wanderwitz‘ Begriff „diktatursozialisiert“ ist für den AfD-Politiker eine „unsägliche Wählerbeschimpfung“. Er fügte hinzu:

„Wenn wir uns die Wahlergebnisse anschauen, dann gibt es nur zwei Volksparteien in Sachsen-Anhalt: die CDU und die AfD. Der Rest sind fast ‚die Sonstigen‘.“

Daraus zog Chrupalla den seiner Ansicht nach logischen Schluss, dass die Bürger „eine Regierung zwischen CDU und AfD wollen würden“. Logisch sei deshalb, dass seine Partei der CDU Gespräche über eine Koalition angeboten hatte.
In der Talk-Runde saß die „Deutschlandradio“-Journalistin Nadine Lindner, die bis 2015 Sachsen-Korrespondentin war und deshalb als „Ossi“-Kennerin auftreten sollte. Sie erklärte zu Beginn der Sendung, dass die SPD, die FDP, die Grünen und die Linke angesichts ihrer Wahlresultate in Sachsen-Anhalt als „Zwerge“ einzustufen wären – natürlich zur Freude des AfD-Chefs.
Die Linkspartei war mit ihrem „Minus fünf Prozent“-Resultat der größte Verlierer der Sonntagswahlen. Sahra Wagenknecht, eine der schillerndsten Figuren dieser Partei, erklärte es unter anderem damit, dass „das Label ‚links‘ nicht mehr für das Streben nach mehr sozialer Gerechtigkeit steht, sondern für mehr Selbstgerechtigkeit“.
Damit wiederholte sie die These aus ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“, mit der sie für große Unzufriedenheit bei ihren Parteigenossen gesorgt hatte. Dies sei eine „sehr fatale Entwicklung“, meinte Wagenknecht, die allerdings „dem Bundestrend“ entspreche, wonach ihre Partei auch bei der Bundestagswahl im September kaum aus der „Zwerg“-Größe herauswachsen würde.

Markus Söder ist „out“

„Hat Armin Laschet mit dem Ergebnis in Sachsen-Anhalt überhaupt etwas zu tun?“, wollte die Moderatorin wissen.

Immerhin hatte sich der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, für Laschets Rivalen im Gerangel um die Kanzlerkandidatur der Union, Markus Söder (CSU), stark gemacht. CDU-Vize Bouffier sah darin keinen Widerspruch und meinte, Laschet würde von Haseloffs Wahlerfolg ohne weiteres profitieren. „Hätten wir heute verloren, hätten Sie mich gefragt, warum ist Armin Laschet daran schuld“, erwiderte er.
Damit wäre wohl auch die Frage erledigt, ob Söder im letzten Moment den CDU-Vorsitzenden als Kanzlerkandidat ersetzen könnte. Davon ganz zu schweigen, dass Bayerns Ministerpräsident seine bisherige Popularität in erster Linie seinem regelmäßigen Erscheinen bei den TV-Talks zum Thema Corona zu verdanken hatte. Seit die Pandemie nicht mehr die Talkshows dominiert, muss sich auch Söder von seiner Rolle als der große Wahlfavorit verabschieden.
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Krimis statt „Anne Will“

Apropos Fernsehen: Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), dessen Partei sich mit 6,2 Prozent der Stimmen zu den „Zwergen“ in Sachsen-Anhalt zählen könnte, verwies darauf, dass bei der dortigen Wahlbeteiligung von 60 Prozent etwa zehn Prozent der Wählenden für die „sonstigen Parteien“ gestimmt hatten. Dies würde nach seiner Ansicht bedeuten, dass die „Leitmedien“, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen, an der Hälfte der Wahlberechtigten vorbeireden. Dieses Problem formulierte er mit einer rhetorischen Frage:

„Wie schaffen wir es, dass nicht nur 50 Prozent gut finden, was wir bei ‚Anne Will‘ diskutieren, sondern alle anderen reinholen?“

Was Moderatorin Will konkret anbelangt, so steigt sie aus dem Diskurs vorerst aus: Ihre Sendung pausiert jetzt bis Ende August und wird die Wahlkampagne kaum beeinflussen. Die Sendezeit am Sonntagabend wird nun mit frischen Krimis ausgefüllt. Sicherlich eine erfreuliche Nachricht für viele Leserinnen und Leser der SNA-News-Webseite, die all die Talkshows bei ARD und ZDF laut ihren Kommentaren im Leserforum ohnehin überflüssig beziehungsweise schädlich finden.
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