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Weißrussischer Staatssender strahlt Geständnis von inhaftiertem Protassewitsch aus

© REUTERS / ONT TV CHANNELDer inhaftierte oppositionelle weißrussische Blogger Roman Protassewitsch
Der inhaftierte oppositionelle weißrussische Blogger Roman Protassewitsch - SNA, 1920, 04.06.2021
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Der oppositionelle Blogger und Mitbegründer des Telegram-Accounts Nexta, Roman Protassewitsch, hat in einem Interview mit dem weißrussischen Staatssender ONT über sein Geständnis in Bezug auf die Organisation von Massenunruhen in Minsk und einige Aspekten der Arbeit der weißrussischen Opposition gesprochen.
„Ich gestehe offen, dass ich zu den Leuten gehörte, die am 9. (August 2020 – Anm. d. Red.) Aufrufe veröffentlicht haben, auf die Straße zu gehen“, sagte er bei einem Interview mit dem staatlichen Sender ONT, das am Donnerstag ausgestrahlt wurde. „Sobald mir Dokumente vorgelegt wurden und eine Anklage gegen mich erhoben wurde (…), bekannte ich mich schuldig nach Artikel 342 (Organisation von Aktionen, die grob gegen die öffentliche Ordnung verstoßen – Anm. d. Red.), Organisierung von massenhaften nicht genehmigten Aktionen“, fügte er hinzu.
Er sei sich über die möglichen Auswirkungen seiner Handlungen im Klaren gewesen, die zu Unruhen in der weißrussischen Hauptstadt beigetragen hätten, betonte der 26-Jährige.
„Minsk hat tatsächlich drei Tage lang im Chaos gelebt“, gab Protassewitsch zu.
Mit dem als extremistisch eingestuften Telegram-Account, der persönliche Daten der Sicherheitskräfte publik machte, habe er nichts zu tun gehabt, hob er hervor.
Auf den Vorschlag, ein Interview mit dem Staatsfernsehen abzuhalten, sei er freiwillig eingegangen, betonte der Blogger. Zudem wies er die Vermutungen zurück, dass er geschminkt worden sei, um mögliche Verletzungen zu verbergen, wie von Internet-Nutzern behauptet. Er fühlte sich gut und habe sich bloß ein wenig erkältet.
Er begreife auch, welche Konsequenzen sein Interview haben könnte, so Protassewitsch: „Ich bin mir fast sicher, dass viele Leute mich öffentlich verurteilen werden. Ich bin sicher, dass einige Unterstützungsaktionen allmählich aufhören“.

Bundesregierung verurteilt Vorführung von Protassewitsch

Die Bundesregierung hat nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur die erneute Vorführung des inhaftierten belarussischen Bloggers Roman Protassewitsch vor laufender Kamera „auf das Schärfste“ verurteilt.
„Da wird ein unliebsamer oppositioneller Journalist nach einer wohl unter falschen Vorwänden zustande gekommenen Zwangslandung zusammen mit seiner Lebensgefährtin aus einem Flugzeug verschleppt, wird hinter Gitter gebracht und wird dort so weit psychisch und möglicherweise auch physisch bearbeitet, dass er dieses vollkommen unwürdige und unglaubwürdige Geständnis-Interview gibt“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin.
Seibert bezeichnete das Interview als „eine Schande für den Sender, der es ausstrahlt und für die belarussische Führung“.

„Es gibt wahrscheinlich noch einige schlafende Zellen“

In dem Interview ging der inhaftierte Blogger unter anderem auf die Situation in der weißrussischen Opposition: Es gebe viel Gezänk und interne Konflikte; einige von Lukaschenkos Gegnern seien eher auf das Geld als auf einen Kampf um die Macht aus.
Protassewitsch schilderte unter anderem, wie er an einer Videokonferenz von Verschwörern teilgenommen habe, die einen Staatsstreich und die Tötung von Lukaschenko geplant haben sollen. Die Details ihres Plans habe er jedoch nicht besprochen: Seine Rolle habe nur darin bestanden, die Kommunikation zwischen den Verschwörern und dem Wahlstab von Swetlana Tichanowskaja aufrechtzuerhalten, so Protassewitsch.
„Es gibt wahrscheinlich noch einige schlafende Zellen in Weißrussland. Ich weiß nicht, inwieweit diese Informationen der Wirklichkeit entsprechen, aber ich glaube, dass zumindest einige der Verstecke definitiv noch nicht entdeckt wurden“, fügte er hinzu.

Darum unterstützen Polen und Litauen die weißrussische Opposition

Insbesondere ging der Blogger auf die Unterstützung der flüchtigen weißrussischen Oppositionellen durch Polen und Litauen ein:

„Im Grunde genommen ist es für Polen und Litauen vorteilhaft, die Proteste in Weißrussland und die oppositionellen flüchtigen Politiker zu unterstützen, weil es ihnen in der Zukunft, wie wir das selbst am Beispiel Litauens sehen können, ermöglicht, einige sehr laute Äußerungen zu machen und zustimmende Aufrufe des kollektiven Westens entgegenkommen zu lassen“, so Protassewitsch weiter.

So unterhalte Litauen den Stab der weißrussischen Oppositionsanführerin Swetlana Tichanowskaja, während Vilnius politische Dividenden von dem kollektiven Westen bekomme.
Zudem verwies Protassewitsch auf die undurchsichtige Finanzierung der oppositionellen Telegram-Kanäle und deren Verbindungen zu verschiedenen Stiftungen. Seit Herbst 2020 gebe es keine Werbung mehr in den oppositionellen Accounts in den sozialen Netzen. Es seien ausländische Geheimdienste, die hinter der weißrussischen Opposition stecken, vermutete Protassewitsch, lieferte jedoch keine genauere Angaben auf die Frage, von welchen Ländern hier die Rede sein könnte.
„Oft hatte selbst ich, als einer der Hauptkämpfer des Informationskrieges, nicht einmal Zugang zu irgendwelchen Treffen, bei denen Entscheidungen gefallen sind“, betonte er.
Der Blogger ging auch auf finanzielle Fördermittel ein, die die weißrussische Opposition von den westlichen Ländern bekommt: So habe die Stiftung „Das weißrussische Haus in Warschau“ finanzielle Hilfe von Polen erhalten. Der polnische Premierminister habe diese Stiftung bereits vor dem Anfang der Proteste in Weißrussland besucht.

Respekt vor Lukaschenko

In Bezug auf den weißrussischen Staatschef sagte Protassewitsch, trotz der geäußerten Kritik respektiere er den Präsidenten Lukaschenko:
„Ich habe Alexander Grigorjewitsch viel kritisiert. Wie ich mir dachte, gab es dafür Gründe. Aber ich wurde immer mehr nicht in die journalistische, sondern in die politische Arbeit hineingezogen – und umso mehr wollte ich von dort fliehen. Und umso mehr begriff ich, dass viele der Dinge, wegen derer Alexander Grigorjewitsch kritisiert wurde, bloß Versuche waren, Druck auf ihn auszuüben“, sagte Protassewitsch.
Lukaschenko habe zwar manchmal falsche Entscheidungen getroffen, betonte der Blogger. Er empfinde jedoch „zweifellos“ Respekt für den Präsidenten.
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Teilnehmer oppositioneller Proteste begeht Selbstmordversuch im Gerichtssaal in Minsk

Druck auf Angehörige und Mitstreiter?

Protassewitschs Mutter nannte das Interview ein Ergebnis von Folter, forderte, unabhängige Ärzte zu ihrem Sohn zu lassen, und zeigte sich überzeugt, dass der weißrussische Machtapparat Druck auf Familie, Freunde und Mitstreiter ausüben wolle.

Festnahme von Protassewitsch

Der Gründer des Telegram-Accounts Nexta, der in Weißrussland als extremistisch eingestuft worden ist, Roman Protassewitsch, war am 23. Mai 2021 von weißrussischen Behörden festgenommen worden, nachdem eine Maschine der irischen Fluggesellschaft Ryanair in der weißrussischen Hauptstadt Minsk hatte notlanden müssen – wegen einer angeblichen Bombendrohung. Das Flugzeug war auf dem Weg von Athen nach Vilnius. Nach EU-Angaben waren 171 Menschen an Bord.
Eine Boeing 777 (Symbolbild) - SNA, 1920, 04.06.2021
Offenbar Flugverbot über EU für weißrussische Fluggesellschaften genehmigt – Medien
Gegen den Blogger wurde ein Strafverfahren eingeleitet, unter anderem wegen der Organisation von Massenunruhen. Ihm drohen 15 Jahre Haft. Auch seine Freundin Sofia Sapega wurde verhaftet.
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