Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

„Mitmach-Fallen“ bei der Berliner Obdachlosen-Konferenz: „Rederecht zu haben ist zu wenig“

© CC0 / lannyboy89 / PixabayArbeitslosigkeit (Symbolbild)
Arbeitslosigkeit (Symbolbild) - SNA, 1920, 02.06.2021
Abonnieren
Der Berliner Senat organisiert eine Online-Konferenz für Menschen ohne Wohnung. Dabei sollen Lösungen für das Problem der Obdachlosigkeit gefunden werden. Kritische Sozial-Experten sprechen gegenüber SNA von „fehlender Teilhabe“ direkt betroffener Menschen. Nur ein ehemaliger Wohnungsloser wird eingeladen.
„Auffällig ist, dass an den insgesamt elf Veranstaltungen nur bei einer (!) die Teilnahme eines (ehemals) wohnungslosen Menschen vorgesehen ist. Von insgesamt 45 Referierenden ist also genau ein Mensch ehemals wohnungslos. Das entspricht einem Anteil von genau 2,2 Prozent.“ Insgesamt sei dies „eher eine Veranstaltung über wohnungslose Menschen und nicht mit ihnen.“ Offensichtlich sei, dass „es zur angemessenen Beteiligung wohnungsloser Menschen nicht ausreichend ist, nur einen einzelnen Menschen von der Selbstvertretung für die Mitarbeit im Beirat anzusprechen.“
Das kritisierte Stefan Schneider von der „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen/ Wohnungslosentreffen“, ansässig in Freistatt (Niedersachsen), vor Beginn der Online-Konferenz laut einer Pressemitteilung, die der SNA-Redaktion vorliegt.
„Es wird also sehr stark darauf ankommen, ob sich wohnungslose Menschen und Menschen in Wohnungsnot an dieser Konferenz aktiv beteiligen und ob die Moderierenden der einzelnen Veranstaltungen auch in der Lage sind, Wortbeiträge angemessen zu berücksichtigen“, so Schneider mit Blick auf die Veranstaltung der Berliner Senatsverwaltung.

„Knappes Gut“ Wohnung und „sichere Orte“ für Obdachlose

Am Montag startete die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales ihre „5. Berliner Strategiekonferenz zur Wohnungslosenhilfe“. Noch bis zum kommenden Dienstag wird sie in digitaler Form stattfinden und kann dabei per Internet geschaut werden. Dort diskutieren der Senat und Wohlfahrtsverbände sowie Sozialarbeiterinnen und -arbeiter mögliche Lösungen für wohnungslose Menschen. Außerdem soll die Wohnungslosen-Zählung in Form der „Nacht der Solidarität“ im nächsten Jahr vorbereitet werden. 2020 wurden in Berlin etwa 2000 Menschen ohne Wohnung gezählt. Laut kritischen Beobachtern liege die Dunkelziffer weitaus höher und sie sprechen von rund 10.000 Obdachlosen in der Hauptstadt.
Weitere Fragen der Konferenz lauten: Wie können und sollen obdachlose Menschen vor Covid-19 geschützt werden? Was tun beim „knappen Gut“ Wohnung, speziell in der Hauptstadt? Könnten sogenannte „sichere Orte“ (safe Places) als Modellprojekt für Obdachlose die Lösung sein? Wie und in welcher Form können obdachlose Familien mit minderjährigen Kindern unterstützt werden?
Jugendlicher (Symbolbild) - SNA, 1920, 04.04.2021
Mehr Kinder in Deutschland wegen Pandemie von Obdachlosigkeit bedroht – Stiftung

„Für mich klingt das nach Kindergarten“ – Kritik von NAK-Sprecher

Im SNA-Gespräch erklärte der sozial aktive Robert Trettin, Vize-Sprecher der „Nationalen Armutskonferenz“ (NAK), wie er das Ganze einschätzt. Zuletzt hatte er für den „SKM Bundesverband“ über das Thema gesprochen.
Teilhabe und Partizipation könne aus seiner persönlichen Erfahrung vieles bedeuten: Beteiligung, Teilnahme, Mitbestimmung, Mitsprache oder Einbeziehung.

„Für mich klingt das alles so ein bisschen nach Kindergarten. Besonders in den letzten circa zehn Jahren – so mein Eindruck – hat sich in unserer Gesellschaft eine Mitmachkultur breitgemacht: Wir dürfen mitreden, so ein wenig mitspielen! Es gibt Mieterbeiräte, Seniorenvertretungen, in der NAK werden Betroffene eigebunden. Wenn es aber um Mitarbeiten und Mitbestimmung und dann noch gleichberechtigt auf Augenhöhe geht, dann wird es schon mal eigenartig komisch – die absurdesten Reaktionen habe ich schon erlebt. Deshalb ist der Modebegriff ‚Partizipation‘ genauso wie Teilhabe für mich schlicht Geschwurbel aus der Trickkiste der sozialen Arbeit oder Sozialpädagogik und dient u. a. dazu, finanzielle Mittel zu akquirieren, um dann das Ganze in eine bestimmte Richtung zu lenken.“

Den eigenen Standpunkt „zu vertreten und die eigene Meinung auch öffentlich zu äußern ist schwierig, dann ist oft Ende mit Mitmachen dürfen, dann wird man auch schon mal als untragbar bezeichnet oder sogar in die rechte oder linksextreme Ecke gestellt.“

„Gut, dass wir darüber gesprochen haben“

Er und Gleichgesinnte wie eine ihm bekannte Journalistin einer Straßenzeitung warnen dabei vor „Mitmach-Fallen“:

„Wir dürfen diskutieren und appellieren, aber an der politischen Gestaltung haben wir keinen Anteil. Alles bleibt wie es ist – aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.“

Trettin erinnerte im Gespräch an die Anfänge seiner sozialen Arbeit, früher war er etwa für „Concept Social“ tätig. „Ich engagiere mich seit Anfang der 1980er Jahre und spreche lieber von Zusammenarbeit, von Verantwortung übernehmen. Ich mache das nie selbstlos, etwas Anerkennung sollte es schon sein. Mitmachen reicht mir nicht, lediglich ein Rederecht zu haben ist zu wenig.“
Wie er selbst das Thema Partizipation als Mitglied im Beraterkreis des sechsten Armuts- und Reichtumsberichts (ARB) der Bundesregierung erlebte, schilderte er wie folgt. „Da tut sich etwas, ich war schon zum fünften ARB im Beraterkreis.“
Menschen protestieren am 1. Mai gegen hohe Mietpreisen in Berlin - SNA, 1920, 22.05.2021
„Dumm und dämlich verdient“ – Kritik des deutschen Wohnungsmarkts nach gekipptem Mietendeckel

„Armutsbericht“ der Bundesregierung

Dort hatte sich Trettin im ersten Symposium zu Wort gemeldet und gefragt:
„Warum werden Menschen mit Armutserfahrung nicht angehört? Die Antwort, diese Betroffenen werden doch durch die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege vertreten, hat mich nicht sonderlich überrascht. Deshalb betreiben wir Lobbyarbeit und haben in einem Workshop, den ich mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gestaltet habe, eben die Menschen angehört, um die es dabei geht und das wurde auch im Anhang zum ARB veröffentlicht.“
Inzwischen habe er den Eindruck, Politiker und Mitarbeiter des BMAS würden „ganz genau wissen, dass die sogenannten Betroffenen in Wirklichkeit gerne als Akzeptanzverstärker der jeweiligen Positionen politisch instrumentalisiert werden. Schauen wir mal, wer nach den Bundestagswahlen im Ministerium sitzt. Ich bin da recht optimistisch, dass wir zum siebten ARB etwas mehr hinbekommen als jetzt.“
Der NAK-Sprecher glaube, „wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen und uns nicht von Menschen dirigieren lassen, die die Welt in Helfende und Hilfesuchende einteilen. Wobei auch nicht immer so genau deutlich wird, wer was ist. Reden wir stattdessen über gemeinsame Ziele, etwas zusammen gestalten und bewegen. Das kann, und das ist ein Erfahrungswert, nur gelingen, wenn wir uns nicht gegenseitig instrumentalisieren, wenn wir uns nicht gegenseitig zu Objekte der eigenen Vorstellungen, Erwartungen, Ziele und Absichten machen.“
Proteste gegen hohe Mietpreise in Berlin (Archivbild) - SNA, 1920, 24.05.2021
Nach Mietendeckel-Aus: Reicht das Geld? – „Hartz-IV-Abgehängte werden Bundesregierung Druck machen“

Wir können zum Mond fliegen – aber den Menschen nicht helfen?

„Wir können inzwischen auf den Mond und womöglich bald auch auf den Mars fliegen. Aber wir schauen rat- und tatenlos zu, wie jeden Tag unvorstellbar viele Menschen verhungern und Kriege angezettelt werden – das alles und noch viele andere lebensbedrohliche Entwicklungen verdanken wir dem Einsatz der kognitiven Fähigkeiten von Menschen. Offenbar hat uns die Vorstellung, mit dem nackten Verstand ließen sich alle Probleme dieser Welt lösen, in eine fatale Sackgasse geführt. Statt mit unseren festen Überzeugungen und Vorstellungen davon, worauf es im Leben ankommt, müssten wir uns wieder mit unserer eigenen Lebendigkeit verbinden, mit unserer Entdeckerfreude und Gestaltungslust, auch mit unserem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit im Zusammenleben mit anderen.“
Sein fast 40jähriges Engagement habe ihm gezeigt: „Wenn ich etwas verändern will, muss ich bei mir selber anfangen. Aber genau das ist manchmal auch unheimlich schwierig.“
Menschen in prekären Lebenslagen müssen ihm zufolge „die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen.“ Aber von Politik und Gesellschaft auch die Möglichkeit dazu erhalten.
„Dass Jugendliche keine Lehrstelle finden, liegt doch daran, dass immer weniger Betriebe ausbilden. Dass Langzeitarbeitslose keine Arbeit bekommen, liegt daran, dass es zu wenig Arbeit gibt“, kritisierte Trettin abschließend. „Also mein Wunsch ist, dass wir uns wieder da kratzen, wo es auch juckt.“
Wie die Partei Die Linke im Bundestag jüngst aus dem BMAS erfahren hat, sind „nur drei Prozent der Arbeitslosen in Deutschland im vergangenen Jahr mit einer Weiterbildung gefördert worden.“ Das berichtete der „Deutschlandfunk“ Ende Mai. Besonders selten war demnach die Teilnahme von Hartz-IV-Empfängern an solchen Fördermaßnahmen.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала