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Claas Relotius zum „Spiegel“-Desaster: Die allerwenigsten Texte waren korrekt

© AP Photo / Joerg SarbachSpiegel-Standort in Hamburg (Archivbild)
Spiegel-Standort in Hamburg (Archivbild) - SNA, 1920, 01.06.2021
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Der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius hat erstmals nach dem Auffliegen des Fälschungsskandals ein Interview gegeben. Gegenüber der Schweizer Zeitschrift „Reportagen“ erklärt er, warum er betrogen hat. Er gesteht zudem, wie viele seiner Texte in seiner Zeit als Journalist korrekt waren.
„Nach allem, was ich heute über mich weiß, wahrscheinlich die allerwenigsten“, sagte Relotius gegenüber der Zeitung. Er habe „in der unverrückbaren Überzeugung geschrieben, es würde bei der Erzählform Reportage keinen Unterschied machen, ob alles eins zu eins der Realität entspricht oder nicht“, so der einstige „Spiegel“-Reporter.
Am Dienstag veröffentlichte das Magazin „Reportagen“ auf seiner Webseite ein langes Interview mit über 90 Fragen an den Journalisten, der durch seine Berichterstattung Ende 2018 den „Spiegel“ in eine tiefe Krise stürzte. Für das größte Nachrichtenmagazin Deutschlands hatte er dutzende Berichte verfasst, die fehlerhaft waren, und die zum Teil erfundenen Szenen, Gespräche und Ereignisse enthielten. Als preisgekrönter Journalist genoss er dabei ein hohes Ansehen.
Im Interview führt er detailliert ganz konkrete Fälle an. Zudem spricht er über sein Leben nach der Enttarnung und erzählt ausführlich von seiner Therapie.

„Mein Verhalten hat die Verschwörungstheorien bestätigt“

Auf die Frage, warum er sich zu einer öffentlichen Stellungnahme bereiterklärte, sagte Relotius wehmütig: „Ich habe als Journalist gearbeitet, aber über Jahre hinweg Dinge geschrieben, die nicht stimmten. Damit habe ich nicht nur einzelnen Menschen Unrecht getan, sondern auch Lesern, Kollegen und Redaktionen, die mir vertraut haben. Es gibt Leute, die an eine sogenannte Lügenpresse glauben oder daran, dass Journalisten arrogante Menschen seien. Mein Verhalten hat diese Verschwörungstheorien scheinbar bestätigt.“ Er könne das nicht wiedergutmachen, aber er könne versuchen zu erklären, dass sein Handeln nichts damit zu tun hatte, sondern mit seinen persönlichen Fehlern.
„Ich habe offensichtlich sehr viel Verantwortungsgefühl ausgeschaltet, am meisten gegenüber Kollegen, aber auch gegenüber realen Menschen, über die ich geschrieben habe. Ich hatte beim Schreiben nie niederträchtige Absichten und ich wollte auch niemanden verletzen, indem ich etwas Falsches schreibe. Dass ich das getan habe, bereue ich am meisten“, sagte er der Zeitung.
Sein damaliger Kollege Juan Moreno hatte den Skandal aufgedeckt, als er Fakten zu einer Relotius-Reportage nachrecherchiert und ihn damit schließlich enttarnt hatte. Moreno veröffentlichte im Jahr 2019 das Buch „Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus“. Die Produktionsfirma Ufa Fiction plant dazu, einen Film herauszubringen.
Alexej Nawalny (Archivfoto) - SNA, 1920, 14.12.2020
Claas Relotius schreibt wohl wieder für den „Spiegel“ – Haarsträubende Story über den Fall Nawalny

Je größer die Verunsicherung, desto perfekter die Texte

Relotius erzählt den „Reportagen“ auch über sein Leben bevor er Journalist wurde und wie er seine Zukunft sieht. Er habe sich zweieinhalb Jahre lang vor allem damit beschäftigt, die Vergangenheit zu verstehen, erklärte er. „Das hemmungslose Schreiben hatte für mich eine ganz egoistische Funktion. Es hat mir geholfen, Zustände, in denen ich den Bezug zur Realität verloren habe, zu bewältigen, zu kontrollieren und von mir fernzuhalten. Schon lange vor dem Journalismus“, so Relotius. Er habe diesen Beruf missbraucht.
An anderer Stelle gab der Autor zu, dass er „nie Angst, nie Zweifel, auch nie ein schlechtes Gewissen“ gehabt habe. „Ich habe das Schreiben benutzt, um wieder Klarheit zu bekommen. Später habe ich mich nicht gefragt, ob wirklich alles so gewesen ist. Ich habe meinen Text in der Zeitung gesehen, mich daran festgehalten und hochgezogen, mich normal gefühlt. Ich hatte es ja hinbekommen, einen Text zu schreiben, der in der Zeitung stand.“ Dabei bemerkte er: „Je größer meine Verunsicherung war, desto perfekter wurden die Texte.“

Ende der Karriere

Auf den Betrugsfall machte der „Spiegel“ selbst aufmerksam. Relotius war für das Gesellschaftsressort tätig und hatte laut „Spiegel“ die Fehler eingeräumt. Danach endete seine Karriere bei dem Nachrichtenmagazin. Das Magazin war gezwungen, seine redaktionellen Standards zu überarbeiten.
Auch für die Zeitschrift „Reportagen“, der Relotius das Interview gab, hatte er mehrere Texte als freier Autor geschrieben. Mit einem dieser Texte gewann er 2013 den Deutschen Reporterpreis, was ihm viel Aufmerksamkeit brachte.
Wie die Deutsche Presse-Agentur (DPA) berichtet, war der ehemalige „Spiegel“-Redakteur im Jahr 2010 auf freier Basis auch für den „DPA-Basisdienst“ tätig und hatte drei längere Korrespondentenberichte aus Israel verfasst. „Die Texte samt Fotos wurden in der DPA-Plattform gesperrt. Der dem Journalisten 2012 verliehene zweite Preis beim DPA-news-Talent-Wettbewerb wurde ihm aberkannt“, schreibt die Agentur.
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