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„Es gab große Verärgerung“: Ende der Priorisierung als „Augenwischerei“ entlarvt

© REUTERS / LEON KUEGELERImpfstelle in Bonn
Impfstelle in Bonn - SNA, 1920, 28.05.2021
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„Wann ist die Pandemie zu Ende?“, lautete das Thema des „Maybrit Illner“-Talks am Donnerstag. Zu Beginn wurde ein Zitat von Weltärztebund-Chef Montgomery eingeblendet: „Sie wird in meinen Augen nie beendet sein.“ Damit hätte man die Sendung gleich beenden können. Dennoch wurde eine Stunde geredet. Vor allem über das Versagen der Politik.
Dabei gab es nur einen Politiker in der ZDF-Runde – den Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), der wenige Stunden zuvor an einem Impfgipfel von Bund und Ländern teilgenommen hatte. „Es gab eine große Verärgerung bei den Ministerpräsidenten“, berichtete Müller über seine Eindrücke von der hohen Versammlung, „weil in den letzten Wochen der Eindruck erweckt wurde, als ob wir mit zusätzlichem Impfstoff eine Extrakampagne für die Kinder und Jugendlichen machen können.“

„Jens Spahn hat zu viel versprochen“

Der giftige Pfeil galt dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der mit seiner Ankündigung, Kinder ab zwölf Jahren in die Impfkampagne einzubeziehen, die deutsche Bevölkerung faktisch irregeführt habe. „Heute in der Beratung ist es deutlich geworden, dass das Bundesgesundheitsministerium da zu viel versprochen hat. Es gibt nicht mehr Impfstoff“, stellte Müller fest. „Diese Klarstellung musste heute erfolgen, weil sonst Hoffnungen geweckt werden, die zum Schluss nicht gehalten werden können.“
Die Moderatorin, deren Job unter anderem darin besteht, die Diskussion feuriger zu gestalten, warf gleich ein:

„Es gibt eine irrsinnige Erwartungshaltung, die wir noch viel weniger befriedigen können!“

Der zugeschaltete Fernsehjournalist Ranga Yogeshwar haute in die gleiche Kerbe: „Junge Menschen und junge Familien zu mobilisieren vor dem Hintergrund, dass wir tatsächlich noch nicht genug Impfstoff haben, ist nicht sehr klug.“
Für diese Dummheit hatte er aber gleich eine plausible Erklärung:

„Aber wir haben ein Wahljahr …“

Ebenfalls zugeschaltet wurde ein neues Talkshow-Gesicht – Mirko Drotschmann, Moderator der ZDF-Forschungssendung „Terra X“ und Betreiber des Youtube-Kanals „MrWissen200“. Der trat aber nicht in der Rolle eines Wissenschaftsjournalisten auf, sondern als 35-jähriger Vater von zwei kleinen Töchtern, der durch falsche Impf-Versprechungen irregeführt wurde.
„Ich finde, dass man damit von politischer Seite einen Generationenkonflikt schürt, weil die 80-Jährige sich mit dem 18-Jährigen um einen Impftermin bekriegen muss“, behauptete er. Insofern sei die ganze Werbekampagne um die baldige Aufhebung der Impfpriorisierung nichts anderes als „Augenwischerei“.
Maybrit Illner (Archivbild) - SNA, 1920, 27.05.2021
Anne, Maybrit, Sandra und Corona: Boomen Talkshows auch nach der Pandemie?

„Nach der Pandemie ist vor der Pandemie“

Ob aber in Deutschland derartige gesellschaftliche Spannungen wirklich aufkommen, ist zu bezweifeln. Immerhin gebe es „ein soziales Ende einer Pandemie“, bei dem die Menschen die Gefahr einfach verdrängten und „nicht mehr bereit sind, diesen Ausnahmezustand noch fortzusetzen“, meinte Yogashwar. Dabei sei in Deutschland noch wesentlich weniger als die Hälfte der Bevölkerung geimpft. Jeder zweite im Alter von 60 plus warte immer noch auf einen Impftermin. Von einer Herdenimmunität also noch keine Rede.
Sollte aber diese in Deutschland einmal erreicht werden, würde das nicht heißen, dass der Spuk vorbei ist: In den meisten ärmeren Ländern liegt der Prozentsatz der Geimpften bei einstelligen Zahlen und sogar darunter. Solange dies der Fall ist, würden dort immer neue Mutanten entstehen, die die jetzigen Impfstoffe unter Umständen würden überlisten können.
Wäre Deutschland bereit, da etwas zu unternehmen? Immerhin hat China bereits 17 Millionen Dosen Impfstoff an die Ärmeren gespendet, Indien zehn Millionen und Russland knapp eine Million. Es wäre „ein kluger Egoismus“, wenn auch die Bundesrepublik „globale Empathie“ an den Tag legen und ebenfalls Impfstoff spenden würde, betonte Yogashwar: „Man wird traurig, wenn man sieht, dass sich die ärmeren Länder weltweit – wenn auch aus politischen Motiven – mehr engagieren als wir." Der Berliner Bürgermeister Müller teilte aber diese Traurigkeit offenbar nicht: „Wir haben Impfstoffmangel und keinen Überfluss, den wir verteilen können."
Am Donnerstag erfuhr man, dass die Kanzlerin Angela Merkel trotz der rapide sinkenden Inzidenzzahlen die „Corona-Notbremse“ weiter gelten lassen möchte, getreu ihrem einige Tage zuvor geprägten, nicht gerade optimistisch klingenden Slogan: „Nach der Pandemie ist vor der Pandemie.“ Im Fall Deutschland haben wir aber eine in vieler Hinsicht „hausgemachte Epidemie“, die zu einem großen Teil durch ein inkompetentes und chaotisches Management verschärft wurde. Deshalb werden wir auch in naher Zukunft noch ähnliche TV-Talkrunden erleben müssen.
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