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Anne, Maybrit, Sandra und Corona: Boomen Talkshows auch nach der Pandemie?

CC BY-SA 2.0 / www.metropolico.org / Wikimedia CommonsMaybrit Illner (Archivbild)
Maybrit Illner (Archivbild) - SNA, 1920, 27.05.2021
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Oft genug wurde das Format der politischen Talks bei ARD und ZDF als „überholt“ und „altmodisch“ kritisiert. Dann kam die Pandemie – und die Einschaltquoten stiegen rasant an. Im Vorfeld der Bundestagswahlen basteln auch Privatsender an ihren politischen Talkshows. Bleibt das vorhergesagte Ende des Polittalk-Booms aus?
Ein Vergleich der Einschaltquoten im Februar 2020 und ein Jahr danach sowohl bei der ARD-Talkshow „Anne Will" als auch beim TV-Talk „Maischberger" zeigt eine „deutliche Steigerung der realen Zahlen und der Marktanteile". Das stellte einem Medienbericht zufolge ein ARD-Sprecher kürzlich mit Genugtuung fest. Bei der wohl renommiertesten Talkshow, die Anne Will traditionell am Sonntagabend moderiert, wuchs der Marktanteil zwischen März 2020 und März 2021 von 12,2 auf 14,6 Prozent. Das heißt, die Zuschauerzahl stieg von durchschnittlich 3,26 auf 4,14 Millionen. Als sich Kanzlerin Angela Merkel Ende März von Will interviewen ließ, schauten gut fünf Millionen Menschen zu.
Die Mittwochabend-Sendung der Talkmasterin Sandra Maischberger hatte kurz vor dem Pandemie-Ausbruch ihr Format und ihren Namen geändert, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. Nun gab es drei Studiogäste, meist Journalisten, die sich über die vermeintlichen Höhepunkte der zurückliegenden Woche unterhielten, plus ein Exklusiv-Interview mit einem „Stargast“ und ein Streitgespräch zwischen zwei „Antipoden“. Ob es an der späten Sendezeit mitten in der Arbeitswoche lag oder an diesem neuen, für manche Zuschauer wahrscheinlich übermäßig „abwechslungsreichen“ neuen Format – jedenfalls fielen das Wachstum bei dieser Talkshow innerhalb des Pandemie-Jahres bescheidener aus: von 1,21 auf 1,44 Millionen Zuschauer.
Grünen-Chefin Annalena Baerbock (Archivbild) - SNA, 1920, 21.05.2021
Wer hat Angst vor Annalena Baerbock? – „Öko-Diktatur“ und Klima-Krise als neue Plage

Immer das gleiche Thema und die gleichen Gäste

Als Spitzenreiter unter den Polit-Talks erwies sich zugleich die „Maybrit Illner“-Sendung am Donnerstagabend im ZDF, bei der der Marktanteil von ursprünglich 11,7 auf 15,4 Prozent im März 2021 gewachsen ist. Sicherlich bedarf es einer speziellen Untersuchung, dank welchen Vorzügen gerade diese Show die anderen hinter sich gelassen hat. Jedenfalls liegt es nicht an der Themenauswahl, denn alle politischen Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen galten im zurückliegenden Jahr nahezu ausschließlich einem Thema – der Pandemie.
Auch bei der Auswahl der eingeladenen Show-Gäste waren die Talks einander bis zur Peinlichkeit ähnlich. Die Virologen bzw. Epidemiologen wie Hendrik Streek oder Melanie Brinkmann wanderten Woche für Woche von einer Sendung zur anderen und wiederholten Woche für Woche überaus ähnliche Texte. Den absoluten Rekord stellte dabei der SPD-Politiker Karl Lauterbach auf, der als „Gesundheitsexperte“ eingeladen wird. Der Mediziner und Bundestagsabgeordnete war so gut wie in jedem zweiten Talk dabei und avancierte mittlerweile zu einem richtigen Fernsehstar. Dabei spielte er praktisch in jeder Sendung mit seinen Mahnungen und Warnungen immer die gleiche Rolle.
Leiterin der politischen Talkshow Anne Will - SNA, 1920, 17.05.2021
Bei „Anne Will“: Das alte „Fernsehspiel Corona“ und ein bisschen Wahlkampf

Söders Sprungbrett: Talkshow

Politiker diversen Ranges fehlten selbstverständlich auch nicht. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) waren besonders gefragt. Während aber das Ansehen und die Umfragewerte des Ministers von Sendung zur Sendung sanken, wurde Söder mit jedem TV-Auftritt immer populärer.
Heute lässt sich aus gutem Grund behaupten: In erster Linie dank seiner Teilnahme an den Pandemie-Talkshows erstürmte Bayerns Regierungschef die politischen Popularitätslisten und sah sich „am Ende des Tages“ sogar berechtigt, Anspruch auf die Kanzlerschaft zu erheben.
Jetzt, wo das Wahlrennen in Deutschland an Schwung gewinnt und immer spannender wird und die Pandemie abklingt, wird Corona aus den Talks verdrängt. Nun reißen sich Politiker um Talkshow-Einladungen. Zugleich stellen sich die Sender von Virologen auf Spitzenkandidaten der Parteien um – diese versprechen nun mal momentan höhere Einschaltquoten.
Maischberger-Studio (Archivbild) - SNA, 1920, 29.04.2021
Bei „Maischberger“: Fleischfresser, Maulkörbe und Söders Comeback

Auf einmal sind Polit-Talkshows „trendy“

Mittlerweile scheinen auch Privatsender und regionale öffentlich-rechtliche TV-Anstalten Lust auf Polittalks bekommen zu haben. So hat der Sender „ProSieben“ die bisherige „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis für eine neue Polit-Sendung gewonnen: Zusammen mit Matthias Opdenhövel interviewt sie der Reihe nach die aussichtsreichsten Kanzler-Kandidaten bzw. Kandidatinnen. Auch RTL will da mitziehen und plant mit dem ausgedienten „Tagesschau“-Sprecher Jan Hofer ein neues Nachrichtenformat. Und beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) lief kürzlich bereits das erste Kandidaten-Fernsehduell zwischen Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne).
Bemerkenswert dabei: Einladungen zu TV-Shows an Vertreter der größten oppositionellen Bundestagsfraktion, der AfD, blieben bisher weitgehend aus – egal, ob es um Pandemie oder um die Wahlen geht. So viel zum Pluralismus in den „Leitmedien“.
Sicherlich haben auch die Lockdowns und das erzwungene Homeoffice eine Rolle bei den gewachsenen Einschaltquoten gespielt – so konnten mehr Menschen „bis in die Puppen“ vor der Glotze herumhocken. Sollten diese Pandemie-Faktoren demnächst wegfallen und die Bundestagswahlen vorbei sein, wird voraussichtlich wieder von einer Krise der Talkshows gesprochen. In den nächsten Monaten werden aber die Anne, die Maybrit und die Sandra trotz aller Kritik an ihren Sendungen die ersehnten Einschaltquoten fleißig einscheffeln.
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