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Rettet Russland den „Green Deal“ der EU?

© SNA / Vladimir SergeevFlagge Russlands und der EU
Flagge Russlands und der EU - SNA, 1920, 26.05.2021
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Ausgerechnet Russland, das eher für die Versorgung Europas mit fossilen Energieträgern wie Öl und Gas bekannt ist, könnte eine Schlüsselrolle bei der EU-Umstellung auf erneuerbare Energien spielen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie mit prominenten Auftraggebern.
Auf das immense Potential Russlands, die von der Europäischen Union (EU) anvisierten Klimaziele des sogenannten „Green Deals“ zu unterstützen, macht eine aktuelle Studie aufmerksam. Danach könnte das große Land die nötigen Ressourcen liefern, um eine ausreichende Menge an erneuerbaren Energien zu erzeugen. Damit könnten Wirtschaft und Leben fortan „grün“ am Laufen gehalten werden, schreiben die Autoren der Studie. Ein Schlüsselelement könnte aus ihrer Sicht Wasserstoff sein. Dieser könnte auch über die umstrittene Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 aus Russland nach Deutschland und damit in die EU gelangen.

Viel Prominenz

Zu diesem Ergebnis kommt die Studie der Unternehmensberatung „Bingmann Pflüger International“, an der unter anderem der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger mitgearbeitet hat. In Auftrag gegeben wurde die Studie von der Organisation „Dialog Europe Russia“ (DER), in deren Vorstand unter anderem der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, sitzen.
Schüssel, der von 2000 bis 2007 österreichischer Kanzler war, schreibt im Vorwort der Studie:

„Beide, Russland und die Union, wollen bei der Erzeugung von Wasserstoff ganz vorne dabei sein; mit geeinten Kräften wäre dies auch zu schaffen. Sowohl eine drohende Energieversorgungslücke in Europa als auch ein Zurückfallen Russlands könnte dadurch abgewendet werden. Übrigens kann gerade dabei die vielfach kritisierte Nord Stream 2 Pipeline einen entscheidenden Beitrag leisten und künftig auch große Mengen dringend benötigten Wasserstoffs in die EU bringen.“

Hohe Ziele

Die EU verfolgt mit dem „European Green Deal“ das übergeordnete Ziel, Europa bis 2050 in den ersten „klimaneutralen“ Kontinent zu verwandeln. Zu den weitreichenden geplanten Maßnahmen gehört, den Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen zu erhöhen, einen europäischen Markt für emissionsfreien Wasserstoff aufzubauen und die Energieeffizienz in allen Bereichen zu steigern. Ausgangspunkt ist das Pariser Klimaabkommen mit dem Ziel, den Anstieg der Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen.
Genau hierbei soll Russland helfen. Die EU stößt beim Thema Umweltschutz und Erneuerbare Energien inzwischen in Moskau auf offene Ohren. Nicht nur, weil dort das wirtschaftliche Potential erkannt wird. Auch die Folgen des Klimawandels werden in Russland durch das Auftauen der Permafrostböden oder durch verheerende Waldbrände in Sibirien besonders deutlich.
Wie die EU-Mitgliedsstaaten hat auch Russland das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet und bekennt sich zum Ziel der reduzierten Treibhausgase: Am 4. November 2020 hat der russische Präsident Wladimir Putin per Präsidialdekret die Regierung angewiesen, bis 2030 den Ausstoß von Treibhausgasemissionen auf 70 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken.
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„Klimaerwärmung“ auch in der Politik?

Nun könnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Einerseits wird beim Umweltschutz an einem Strang gezogen, andererseits bleibt Russland Hauptversorger der EU mit Energie – nur wird diese nun schrittweise „grün“. Die Infrastruktur zum Transport der „grünen“ Energiestoffe wäre mit den Ostsee-Leitungen Nord Stream und bald Nord Stream 2 bereits vorhanden.
Auch politisch könnte dies wieder zu mehr Fokus auf Gemeinsamkeiten, anstelle von Unterschieden führen. Schon vor einem halben Jahrhundert war es die Energiepolitik, die in Zeiten des Kalten Krieges den Weg zu einer Entspannung ebnete. Das Erdgas-Röhrengeschäft, das die Regierung Brandt gemeinsam mit der deutschen Wirtschaft einfädelte, ebnete den Weg zu friedlicher Koexistenz und Friedenssicherung. Auch jetzt könnte die Energie- und vor allem die Klimapolitik den Weg für einen Neustart der Beziehungen ebnen.

Russland als idealer Partner

Die Autoren der Studie fordern, „die EU sollte aus diesen Gründen Russland ein Angebot im Rahmen des –‚European Green Deal‘ unterbreiten“. Das wird so begründet:

„Die ambitionierten Emissions-Einsparziele des ‚European Green Deal‘ werden die europäische Nachfrage nach Strom aus erneuerbaren Quellen drastisch erhöhen. Innerhalb der EU allein wird die hierfür notwendige Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Stromproduktion wegen technischer wie politischer Herausforderungen kaum möglich sein.“

Hier kommt laut der Autoren der Studie Russland ins Spiel:
„Aufgrund seiner natürlichen geografischen Bedingungen und riesigen Fläche hat Russland enorme, noch nicht erschlossene Potenziale für Wind und Solarenergie sowie Biomasse und ist somit ein idealer Partner.“

Schlüsselelement Wasserstoff

Ein Schlüsselelement der Zusammenarbeit von EU und Russland soll Wasserstoff werden. Sowohl Russland als auch die EU möchten sich als Vorreiter bei Wasserstoff-Technologien etablieren. Aber auch dem Erdgas aus Russland erteilen die Autoren der Studie vorläufig noch keine Absage:

„Kurz- und mittelfristig werden Erdgasimporte, vor allem aus Russland, wegen deutlich sinkender einheimischer Gas-Produktion und der Abwendung vom Energieträger Kohle einen entscheidenden Baustein der europäischen Energiewende darstellen.“

Die wahrscheinlich Ende dieses Jahres fertiggestellte neue Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 könnte vorerst wie ursprünglich geplant Erdgas, in der Zukunft jedoch vorwiegend Wasserstoff transportieren. Technisch sei dies kein Problem, heißt es in der Studie.
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Auch Kernkraft noch nicht abschreiben

Überraschenderweise bricht die Studie ebenfalls eine Lanze für die in Deutschland oftmals verpönte Kernkraft. Die Autoren unterstreichen die „nahezu emissionsfreie Stromproduktion“ von Kernkraft, was sie durchaus für den „Green Deal“ qualifizieren würde. Beim Hauptproblem, der Endlagerung hochradioaktiver Reststoffe gebe es große Fortschritte, vor allem dank „neuer Verfahren der Wiederaufbereitung“. Russlands Kernforschung sei „auf diesem Gebiet weltweit führend.“
Deshalb werben die Autoren für „eine enge europäisch-russische nukleare Zusammenarbeit“, um „die Kernkraft als CO2-arme Technologie im Sinne der Nachhaltigkeitsziele des European Green Deal zu etablieren.
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