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Baerbock und Scholz: Bahnt sich eine politische Vernunftsehe an?

© REUTERS / MICHELE TANTUSSIFinanzminister Scholz spricht vor dem Ausschuss des Bundestags zum Fall Wirecard, 22. April 2021
Finanzminister Scholz spricht vor dem Ausschuss des Bundestags zum Fall Wirecard, 22. April 2021 - SNA, 1920, 19.05.2021
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Bei seinem TV-Duell mit der Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock am Montagabend im RBB hat der SPD-Routinier Olaf Scholz gezeigt, dass es trotz seiner katastrophalen Umfragewerte zu früh wäre, ihn aus dem Wahlrennen zu verabschieden. Das Gespräch zwischen den beiden erinnerte mehr an einen Flirt als an einen Wettstreit.
Am Vortag des Sendetermins veröffentlichte die Tageszeitung „Die Welt“ einen Kommentar mit der Überschrift „Gehört die SPD noch in das TV-Duell der Kanzlerkandidaten?“ Angesichts der Umfragewerte des weit abgeschlagenen SPD-Kandidaten Olaf Scholz war die Fragestellung durchaus berechtigt. Die RBB-Sendung mit der Grünen-Favoritin Annalena Baerbock und dem SPD-Veteranen Scholz bestätigte allerdings, dass es auf jeden Fall langweiliger wäre, wenn man den Kandidaten der Sozialdemokraten nicht mehr zu den TV-Duellen einladen würde.

Baerbock muss noch einiges lernen

Immerhin haben Baerbock und die Grünen trotz anders lautender Umfrage-Ergebnisse einen Wahlsieg im Herbst noch längst nicht in der Tasche. Das erste TV-Duell der Grünen-Kanzlerkandidatin im Vorfeld der Wahlen hat gezeigt, dass sie in diesem Genre noch einiges lernen sollte. Scholz dagegen, der bereits Dutzende solcher Streitgespräche hinter sich hat, wirkte souverän und gelassen, ja nahezu vergnügt. Und: Er sprach während der Sendung um einiges länger als seine Rivalin und fiel ihr und den Moderatoren ungeniert ins Wort, wenn er dies für nötig und vorteilhaft für sich hielt. Nichts an seinem Auftreten sollte verraten, er sei ein Außenseiter des Wahlrennens.
Dabei hatte Baerbock wohl Glück, dass sie ihr Debüt als Duellantin gerade mit Scholz absolvieren musste. Diesem war nämlich deutlich anzumerken, dass er seine Rivalin keinesfalls vernichten will. Das wäre in der jetzigen Kräftekonstellation wohl auch unmöglich gewesen. Eher war der 62-jährige SPD-Kandidat bemüht, der 40-jährigen Grünen-Politikerin zu suggerieren, sie bräuchte ihn als Beschützer und Berater.
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„Es geht um mich!“: Kanzlerkandidat Laschet zeigt sich siegessicher – trotz mieser Umfragen

Ist „Grün-Rot“ bereits eine beschlossene Sache?

Zugleich machte Scholz keinen Hehl daraus, dass er nicht abgeneigt wäre, die politische Partnerin an seiner Seite auszutauschen. Kanzlerin Angela Merkel habe oft genug „anderes vorgehabt als ich“, stellte der Vizekanzler fest. Und:

„Weil ich was ändern will, will ich Kanzler werden.“

Das Problem dabei: Baerbock will ebenfalls Kanzlerin werden. Und das könnte sie wahrscheinlich nur in einem Gespann mit der SPD. Für Scholz scheint die Partnerschaft mit den Grünen in der künftigen Regierung mittlerweile schon eine beschlossene Sache zu sein.
„Dies können wir in den Koalitionsvertrag einbauen“, rutschte ihm an einer Stelle des Gesprächs heraus, wo von einer Koalition noch gar keine Rede war. Ob das absichtlich geschah?
Zur Grünen-Frontfrau ist Scholz so artig, wie er nur kann. Man merkt schon: Der spricht mit seiner künftigen Koalitionspartnerin“, hieß es in einem Zeitungskommentar zum TV-Duell.

Hat Baerbocks Ehemann bald Grund zur Eifersucht?

Zu Beginn des Gesprächs schien Baerbock mehr an sich selbst zu denken als an ihr Gegenüber. Aber schon mit der ersten Frage der Moderatoren wurde sie in diese Richtung gelenkt: „Was kann Olaf Scholz besser als Sie?“
„Richtig hamburgern, würde ich sagen“, erwiderte sie. Erst danach erwähnte sie Scholz‘ langjährige politische Erfahrung, um anschließend einen weiteren Scherz dranzuhängen:
„Wenn ich mir Tag und Nacht den Kopf über Olaf Scholz zerbrechen würde, würde mein Mann ein bisschen eifersüchtig werden.“
Eifersucht hin oder her – sollte es zu einer grün-roten Koalition kommen, wird Annalena Baerbock voraussichtlich in der Tat mehr an den Olaf von der SPD denken müssen.
Offen bleibt, ob Baerbock gegen Scholz an dem Abend wirklich punkten wollte. Richtig schmerzhafte Ausfälle gegen den Konkurrenten aus der SPD blieben jedenfalls aus. Vielleicht lag es zum Teil auch daran, dass Scholz bereits zu Beginn der Sendung seine Gesprächspartnerin vor den neuerlichen massiven und ungehemmten, zum Teil hämischen Netz-Attacken in Schutz nahm:
„Was da in den letzten Tagen an Vorwürfen gegen Annalena Baerbock im Netz zu lesen war, finde ich völlig unmöglich“, betonte er. „Das gehört sich nicht.“
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Ehemalige Trampolin-Sportlerin will neue Sprünge wagen

Scholz‘ Problem liegt allerdings unter anderem in der jetzigen Stimmung der Wählerschaft: Laut der jüngsten Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wollen rund zwei Drittel der Wähler einen Regierungs- und vor allem aber einen Politikwechsel. Egal in welche Richtung, Hauptsache neu. Baerbock nutzt die Gunst der Stunde beziehungsweise verkörpert diesen Drang nach dem Neuen und haut in die gleiche Kerbe:
„Jetzt ist so einer dieser historischen Momente, wo wir sagen: Jetzt schlagen wir ein neues Kapitel auf, mit einer neuen Art von Politik.“
Dazu gebrauchte die frühere Trampolin-Springerin auch eine Weisheit aus ihrer sportlichen Laufbahn:
„Man muss auch etwas Neues wagen, sonst kann man keine neuen Sprünge lernen.“
Scholz ist anzusehen, dass er längst kein „junger Hüpfer“ und für gewagte Sprünge nicht zu haben ist. Die RBB-Moderatoren wollten von ihm wissen, was er sich wünschte, wenn er noch einmal jung wäre. „Ich möchte keine Erfahrung missen“, lautete seine Antwort. Dezent belehrte er auch seine Gesprächspartnerin:

„Was ich wichtig finde, wenn es um die Zukunft geht: Dass wir sie nicht nur wünschen, sondern dass man das auch hinkriegen muss.“

„Baerbock und Scholz aufeinander angewiesen“

Natürlich wurde am Montagabend auch gestritten – darüber, wie man mit Geld umgehen soll. Ein übliches Thema übrigens nicht nur in der Politik, sondern auch in fast jeder Ehe. Es ging darum, wie die zukünftige Klimapolitik bezahlt werden müsste. Aber auch im Streit um Geld war Scholz bemüht, ein versöhnliches Fazit zu ziehen:

„Wir sind uns einig: Nur ein gerechtes Steuersystem ist in der Lage, die Zukunftsausgaben zu bewältigen“, erklärte er in den letzten Minuten der Sendung.

Zu der Baerbock-Scholz-Performance am Montagabend im Fernsehen schrieb „Der Spiegel“:
„Grüne und SPD sind sich jeweils politisch so nah wie wohl mit keiner anderen Partei. Am liebsten würden beide ein Zweierbündnis miteinander schmieden, wie damals, im Jahr 1998. Nur: Dafür wird es diesmal kaum reichen. Dennoch könnten am Ende Baerbock und Scholz aufeinander angewiesen sein.“
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