Manipulation bei Intensivbetten? Medizin-Verbände weisen Vorwürfe von Internist Schrappe zurück

© AFP 2022 / INA FASSBENDEREin Schild am Eingang einer Intensivstation des Bethlehem-Krankenhauses Stolberg in Westdeutschland, Februar 2021
Ein Schild am Eingang einer Intensivstation des Bethlehem-Krankenhauses Stolberg in Westdeutschland, Februar 2021 - SNA, 1920, 18.05.2021
Nach dem kritischen Interview von Internist Prof. Dr. Matthias Schrappe in der „Welt“ zu der Zahl der Intensivstationen haben sich die Verbände, gegen die Schrappe seine Vorwürfe erhebt, gegen die Vorwürfe gewehrt.
Das Thema hat am Montag für viel Aufsehen gesorgt und unter dem Hashtag „#Divigate“ auf Twitter eine heftige Debatte über die Zahl der Intensivbetten ausgelöst. Das liegt am Thesenpapier des Internisten und des ehemaligen Beraters der Bundesregierung, Prof. Dr. Matthias Schrappe. Darin meint Schrappe, die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) habe Zahlen manipuliert und es gebe zu viele Betten auf Intensivstationen in Deutschland. Eine Überlastung durch Corona-Patientinnen und -Patienten habe ebenfalls nie gedroht. Im Übrigen hat Schrappe laut dem „Welt“-Artikel Manipulationen in offiziellen Statistiken, Subventionsbetrug und zweifelhafte Verwendung von Fördermitteln vermutet.
Die betroffenen Verbände haben sich die Vorwürfe allerdings nicht gefallen lassen und meldeten sich auf der Divi-Seite zu Wort. Die Vereinigung, der Bundesverband des Marburger Bundes und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) e.V. haben eine Mitteilung verfasst. Dort weisen sie die irreführenden Vorwürfe vom Spiel mit der Angst, der Manipulationen offizieller Statistiken und sogar die Unterstellung, rein aus finanziellem Interesse Patienten intensivmedizinisch zu behandeln, aufs Schärfste zurück. Auch die Behauptung, die Krankenhäuser hätten zu Unrecht Fördergeld für nie aufgebaute Intensivbetten kassiert, sei nicht haltbar. Viele der Anwürfe Schrappes würden auf Fehleinschätzungen und mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Lage in Kliniken basieren, so die Verbände weiter.
Krankenpfleger in einem Berliner Krankenhaus - SNA, 1920, 17.05.2021
Brisantes Thesenpapier: Umgang der Krankenhäuser mit Intensivbetten und Fördermitteln
Mit dem ein Vorwurf, es sei Angst geschürt worden, verkenne Schrappe die Situation des Frühjahrs 2020. Man habe damals mit Blick auf Norditalien und Frankreich so viele Intensivstationen wie möglich ausgebaut. Dass diese Intensivplätze nicht flächendeckend mit hochqualifiziertem Pflegepersonal betrieben werden konnten, war allen bewusst. „Tatsächlich haben aber in allen Bundesländern Kurzlehrgänge stattgefunden, in denen Pflegekräfte auch ohne Intensivpflegefortbildung auf die Versorgung von Beatmungspatienten vorbereitet wurden“, wird weiter argumentiert.

„Ein wirklicher Schlag ins Gesicht der Ärztinnen und Ärzte...“

Den Vorwurf, offizielle Statistiken im Nachhinein manipuliert zu haben, entkräftet die Divi mit Hinweis auf die Kinderintensivstationen. Das Divi-Intensivregister habe im Verlauf der Pandemie die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl der betreibbaren Betten herausgerechnet, so die Argumentierung, nämlich die Betten auf der Frühchenstation und schwerstkranke Kleinkinder. Diese würden für die Versorgung von Covid-19-Patienten keine Rolle spielen. Nicht zuletzt verteidigten die Verbände auch das medizinische Personal vor den Vorwürfen.
„Ein wirklicher Schlag ins Gesicht der Ärztinnen und Ärzte und der Pflegekräfte in den Krankenhäusern ist deshalb Schrappes Vorwurf, dass Patientinnen und Patienten ohne Not auf Intensivstationen gelegt worden wären“, heißt es. Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte hätten in den vergangenen Monaten unter höchster Belastung große Leistungen vollbracht und viele Leben gerettet.

Gesundheitsministerium will Belege

Das Thema wurde am Montag auf der Bundespressekonferenz angesprochen. „Das Papier kennen wir“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) zu der entsprechenden Frage. Die Experten behaupteten darin, dass Krankenhäuser sich Fördermittel erschlichen hätten. „Dafür haben sie aber keinen Beleg. Zumindest keinen, den ich in dem Papier erkennen würde“, so der BMG-Sprecher.
Bundeskanzlerin Angela Merkel lacht, nachdem sie ihre Gesichtsmaske auf dem Rednerpult im Bundestag vergessen hatte, den 11. Februar 2021 in Berlin. - SNA, 1920, 16.02.2021
„Hat sich in einen Tunnel vergraben“ – Mediziner greift Merkels „inadäquaten Lockdown“ an
Haben sich die Wellen um Schrappes Papier etwas gelegt, wird der einer Antwort auf die FDP-Anfrage zufolge mangelnde Kenntnisstand der Bundesregierung über die Anzahl Intensivpflegekräfte in Deutschland weiter thematisiert. Darunter fragt etwa die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht auf Twitter, warum die elf Milliarden, die die Krankenhäuser in der Pandemie zusätzlich bekommen hätten, nicht für die Rückgewinnung von Personal eingesetzt worden wären.
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