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Bei „Anne Will“: Das alte „Fernsehspiel Corona“ und ein bisschen Wahlkampf

CC BY 3.0 / Wikipedia/Martin Kraft / Anne WillLeiterin der politischen Talkshow Anne Will
Leiterin der politischen Talkshow Anne Will - SNA, 1920, 17.05.2021
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Weder der sich anbahnende neue Krieg im Nahen Osten noch die pro- beziehungsweise anti-israelischen Demos in ganz Europa und auch in Deutschland können die TV-Talks vom Lieblingsthema des letzten Jahres abbringen: Corona. Bei „Anne Will“ kam es zum üblichen Kampf zwischen dem „Team Vorsicht“ und dem „Team Öffnung“ – angehaucht vom Wahlkampf.
Bei der vorangegangenen „Anne Will“-Sendung in der ARD am Sonntag trat der Kampf um das Kanzleramt allerdings viel deutlicher an den Tag: Immerhin musste damals der Kanzlerschaft-Anwärter der Union, Armin Laschet, sich mit der Grünen-Aktivistin Luisa Neubauer duellieren, die als eine Art „Double“ der Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock agierte. Diesmal tratenVertreter der „zweiten Liga“ an – SPD, FDP und Linke. Deren Vertreter haben zwar wenig Chancen auf das höchste Amt der bundesdeutschen Exekutive. Sie müssen jedoch jede Gelegenheit wahrnehmen, um sich im Vorfeld der Wahlen zu profilieren.

„Man gibt keine Grundrechte zurück“

Besonders spannend war das auch deshalb nicht, weil die längst bekannten Akteure im „Fernsehspiel Corona“ ihre üblichen Texte vortrugen. Peter Tschentscher (SPD), der Erste Bürgermeister von Hamburg, wurde von der Moderatorin als Top-Vertreter des „Teams Vorsicht“ vorgestellt. Er warb rollengemäß für vorsichtige Öffnungsschritte und mahnte: „Leichtigkeit und Leichtsinn – da ist ein sehr schmaler Grat.“
Mit seiner Behauptung: „Wer Grundrechte zurückgeben will, der sollte darauf achten, dass wir die Inzidenzen niedrig halten“ provozierte er in der Sendung den FDP-Vizevorsitzenden Wolfgang Kubicki. Der wird von einigen Medien als „Kettenhund“ des eher umgänglichen Parteichefs Christian Lindner gesehen.
„Man gibt keine Grundrechte zurück“, schlug der rabiate Jurist zu.
Denn alle Bundesbürger seien Grundrechtsträger. „Was Sie in Hamburg machen, halte ich für rechtswidrig.“ Mit steinerner Miene erwiderte Tschentscher: „Das ist ein ziemlich schwerer Vorwurf, Herr Kubicki.“
Beide wussten sicherlich, dass dieses Geplänkel um das längst abgedroschene Thema „Corona-bedingte Ausgangssperren“ obsolet ist. Sie wussten ebenso, dass sie ihre Rollen – der Top-Vorsichtige gegen den Top-Liberalen – in diesem Fernsehspiel weiter spielen müssen.
ARD-Show Anne Will (Archivbild) - SNA, 1920, 03.05.2021
Grundrecht Kneipe: Bei „Anne Will“ ging es um „Sprengstoff für die Gesellschaft“

„Nun, wenn Herr Bartsch das sagt …“

Dietmar Bartsch, Fraktionschef der Linken im Bundestag, musste sich ebenfalls kritisch zeigen gegenüber einem Vertreter der Regierungspartei. Gegenstand seiner Kritik war die nach seiner Ansicht längst nutzlose Impfpriorisierung. Diese führe dazu, dass „flächendeckend Impfstoff vernichtet“ werde – darunter auch in Hamburg.
„Ich weiß nicht, woher Sie diese Information haben“, entgegnete Hamburgs Erster Bürgermeister.
„Das ist eine Recherche des ‚Spiegel‘“, bestätigte die Moderatorin, „die gesagt haben, das liegt eigentlich an der sehr komplizierten Weise, wie man sich in Hamburg um einen Termin bewerben muss.“ Tschentscher blieb jedoch bei seiner Überzeugung: „Es wird keine einzige Impfdose vernichtet!“ Um herauszufinden, wer da Recht hat, dazu fehlt bei „Anne Will“ die Sendezeit.
Ganz nebenbei kam es zu einer überraschenden Annäherung zwischen der Linken und der FDP. Auf einmal lobte der Top-Politiker der Linken den Liberalen Kubicki: „Niemand, glaube ich, ist in dem Land für Leichtsinn, selbst Herr Kubicki nicht – und der ist schon mal sehr mutig. Aber für Leichtsinn wäre der auch nicht.“ Der letztere lachte geschmeichelt: „Nun, wenn Herr Bartsch das sagt …“
Rollengemäß griff der FDP-Politiker das Bundeskabinett auch beim Thema „Impfpriorisierung“ an und diagnostizierte einen „Super-GAU“ in der Kommunikation bei deren Aufhebung: Nun würden sehr viele glauben, sie könnten sofort geimpft werden – in Wirklichkeit müssten viele angesichts des Impfstoff-Defizits weiterhin monatelang auf einen Impftermin warten.
Ein Obdachloser vor dem gesperrten Theater in Hamburger Reeperbahn-Viertel - SNA, 1920, 30.04.2021
Darf man noch alles sagen? – Bei „Maybrit Illner“ ging es um Meinungsfreiheit in Corona-Zeiten

„Ich bleibe mit meinem Hintern zu Hause“

Konkret zum Thema der Sendung: „Inzidenz wieder unter 100 – beginnt jetzt die große Leichtigkeit oder der große Leichtsinn?“ äußerte sich eigentlich nur eine Teilnehmerin der Runde. Die Kölner Medizinerin Carola Holzner, auch als Bloggerin „Doc Caro“ bekannt, plädierte rollengemäß für Vorsicht:

„Es ist noch nicht Zeit, jetzt alles fallen zu lassen, die Konfettikanonen zu zünden und zu sagen: Die Pandemie ist vorbei.“

Unter anderem sollte die indische Mutante nicht auf die leichte Schulter genommen werden, die bereits auf dem Vormarsch sei, meinte die Ärztin.

„Ich bleibe mit meinem Hintern zu Hause“, versprach sie – was wohl als Aufruf an alle Bundesbürgerinnen und -bürger sowie deren Hintern gelten sollte.

Für gewisse Aufheiterung in der sonst eher unspannenden „Fernsehspiel-Serie“ sorgte eine weitere Teilnehmerin der Diskussionsrunde ganz am Schluss, als die Moderatorin bereits auf die Uhr guckte. Ingrid Hartges, Chefin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga, die rollengemäß auf den kläglichen Zustand ihrer Branche hingewiesen hatte, wollte da noch etwas hinzufügen.
„Liebe Frau Illner“, fing sie an, „ich bin heute das erste Mal da, und ich vertrete ...“ „‘Will‘ ist mein Name“, merkte die Moderatorin an. Das Versprechen der 62-Jährigen wirkte ziemlich symptomatisch: Ob bei Will, bei Illner oder bei jemand sonst – das „Fernsehspiel Corona“ wird wohl noch eine Weile weiter laufen. Mit weitgehend den gleichen Akteuren.
„Nicht schlimm“, akzeptierte Anne Will die Entschuldigung der Teilnehmerin für die Namenverwechslung. „Wir sehen ja so ähnlich aus.“ Fürwahr.
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