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Was geschah vor 80 Jahren? Erinnerung an Zweiten Weltkrieg als Zukunftsgestaltung in Europa

© SNA / Boris LossinMenschen in Leningrad hören die Ankündigung über den Hitlers Übergriff an, 22. Juni 1941
Menschen in Leningrad hören die Ankündigung über den Hitlers Übergriff an, 22. Juni 1941 - SNA, 1920, 14.05.2021
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Am 22. Juni 2021 jährt sich zum 80. Mal der Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion. Woran wollen und sollten sich die Deutschen und die Russen nach 80 Jahren erinnern und mit welchem Ziel? Welche Erinnerungskultur kann in Europa eine friedvolle Zukunft festigen? Deutsche und russische Experten diskutieren dazu beim „Moskauer Gespräch“.
Schrecken, Schmerz und Leid des Zweiten Weltkrieges verschwinden nicht aus dem Gedächtnis der Völker, sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Doch in Zeiten wachsender internationaler Interessenkonflikte, nationalistischer Strömungen und populistischer Meinungsbildung drohen wichtige Erinnerungen zu verblassen, historische Ereignisse werden neu bewertet.
Laut dem deutschen Botschafter in Russland, Geza von Geyer, ist der Zweite Weltkrieg in unzähligen Details erforscht, trotzdem bleibt „vieles kaum verständlich wegen der einzigartigen Dimension des Leids, der unermesslichen Opfer, die vor allem die Völker der damaligen Sowjetunion tragen mussten“. Deswegen sei die Beschäftigung mit dem Thema so wichtig. Der Diplomat merkte an, man müsse weiterhin festhalten an dem Prinzip, aus Quellen die Fakten darzustellen, auch wenn es schmerzt. „Der Überfall war ein Überfall der damaligen Wehrmacht auf die damalige Sowjetunion. Da kann und wird nichts relativiert werden, das gilt für unsere Verantwortung“, so Geza von Geyer. Seinen Worten zufolge muss die Erinnerung von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dabei müsse man die Erinnerung fruchtbar machen, wie der Historiker Professor Fleckenstein sagte, betonte der Botschafter.
Matthias Platzeck, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums und Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident, machte in seiner Videoansprache darauf aufmerksam, dass „die Rolle der Roten Armee in den letzten Jahren zunehmend marginalisiert wurde. Ihre Leistung wurde entwertet. Die Völker im Osten sollten vernichtet werden, um Lebensraum für die Deutschen zu schaffen. Die Rote Armee stoppte diese Vernichtung.“ Seinen Worten zufolge ist heute die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu einem „geschichtspolitischen Hickhack“ verkommen. Platzeck wies darauf hin, dass Verständnis, Vergebung und Versöhnung stets fruchtbare Konzepte für eine gemeinsame friedliche Zukunft in Europa waren.
Die 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Schriftstellerin Swetlana Aleksijewitsch beteiligte sich ebenfalls an der Diskussion. Ihr Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ über russische Frauen im Zweiten Weltkrieg zeigt die Gefühle von Menschen im Krieg. Ihre Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet, auch in Deutschland. Die Schriftstellerin stammt aus Minsk (Belarus), lebt heute in Berlin. Am 9. Mai saß sie an ihrem Tisch und weinte. „Ich weine an diesem Tag, weil viele meine Verwandten im Krieg umgekommen sind, in den Dörfern verbrannt worden sind zusammen mit ihren Kindern. Wir wissen doch nicht alles über den Krieg in Belarus, über die Partisanenbewegung. Die Menschen brauchen aber die Wahrheit. Man darf auch nicht den GULAG (Netz von Straf- und Arbeitslagern in der Sowjetunion während des Stalin-Regimes) vergessen. Wir haben Angst vor der Vergangenheit, und darum macht sie unsere Zukunft unvorhersehbar“, so Aleksijewitsch.
Die Geschichte ist nicht nur schwarz und weiß. Der russische Historiker und Politikwissenschaftler Alexej Gromyko ist nicht damit einverstanden, dass die Menschen in Russland nicht die Wahrheit über den Zweiten Weltkrieg kennen und nicht verstehen, was passiert ist. „Ich glaube, das ist in Russland nicht möglich. In jeder Familie war irgendjemand da, der entweder selber gekämpft hat oder jemanden verloren hat. Es gibt ja Familientradition, es gibt mündliche Überlieferungen von Kriegserfahrung, von Kriegserlebnissen innerhalb der Familien. Die Russen kennen deswegen diese Ereignisse nicht aus Filmen oder aus Büchern, sondern aus ihrem eigenen Familienerbe. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Russlands glaubt nicht nur, sondern weiß in den Genen, dass für unser Land dieser Krieg ein Heiliger Krieg war.“
Man kann von 1945 aus in die Zukunft schauen, aber auch in die Vergangenheit. In Deutschland und in anderen europäischen Staaten spielt die europäische Integration in dieser Interpretation eine Rolle. „Man nimmt das Ende des Krieges als Anfang von etwas Neuem, man bringt es mit dem Beginn der europäischen Integration zusammen. Man kann aber dieses historische Datum als Ausgangspunkt nehmen, um zurückzuschauen. Es geht dabei nicht um den Kriegsbeginn, sondern um 1933. Und die Frage ist nicht, wie konnte es zur Niederlage kommen, sondern, wie konnte es überhaupt zu diesem nationalsozialistischen Krieg kommen, in dem eben die Würde des Menschen sehr wohl antastbar war“, merkte der deutsche Historiker Jörg Echternkamp an.
Die Reihe „Moskauer Gespräche“ ist eine Kooperationsveranstaltung des Deutsch-Russischen Forums e.V. mit der „Moskauer Deutschen Zeitung“ (MDZ) und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa).
Kriegsveteran Jewgenij Snamenski - SNA, 1920, 09.05.2021
Die Deutschen sind nicht mehr diejenigen, die die UdSSR vor 80 Jahren überfielen – Kriegsveteranen
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