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„Covidiot“, „Impfneid“, „Spuckschutz“ – Eintagsfliegen oder Spuren in der Sprache?

© REUTERS / Pool / Arne DedertVor einem Impfzentrum in Darmstadt
Vor einem Impfzentrum in Darmstadt - SNA, 1920, 14.05.2021
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Zehntausende Tote, finanzielle und wirtschaftliche Verluste, die auf zwölfstellige Summen geschätzt werden, zerstörte Existenzen, deren genauer Umfang erst erfasst werden soll – die Folgen der Pandemie sind verheerend. In einem Bereich hat sich der deutschsprachige Raum in der Zeit jedoch in beachtlicher Weise erweitert.
Zu Beginn der Corona-Zeit haben viele Politiker die Krise und deren Auswirkungen gern mit dem letzten Weltkrieg und der Nachkriegszeit verglichen. Sicherlich war dieser Vergleich „polemisch zugespitzt“ und in ethischer Hinsicht zweifelhaft. In einem Bereich ist er aber überaus berechtigt. Lange und wahrscheinlich vergeblich müsste man nach einem Zeitraum nach 1945 suchen, in dem so viele neue Wörter entstanden sind.

Ein Rekord bei Wortschöpfungen

An und für sich ist dies eine typische Erscheinung für jede Krise – als lebendiger Organismus muss die Sprache auf derartige Umwälzungen im Leben eines Soziums reagieren. Zahlreiche Wortschöpfungen haben die deutsche Wiedervereinigung oder auch die jüngste Flüchtlingskrise begleitet. Die meisten dieser Neuschöpfungen (Neologismen) sterben dann mit dem Abebben der Krise ab, ein paar davon leben höchstens als sprachliche „Historismen“ weiter.
Der deutschsprachige Raum erwies sich in der Corona-Zeit in dieser Hinsicht als ausgesprochen kreativ. Außerdem sind die Deutschen auch emsig – jedenfalls rühmen sie sich dafür. Mit eben dieser Eigenschaft begnadete Mitarbeiter des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim haben das sprachliche Phänomen erkannt und sind rechtzeitig ans Werk gegangen, um dieses zu registrieren und wissenschaftlich zu dokumentieren. Mittlerweile haben sie rund 1.400 Wortschöpfungen zusammengetragen – im Unterschied zu höchstens 200, die in einem „normalen“ Jahr registriert werden.
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„Impfneid“, „Spuckschutz“, „Quarantini“ und mehr

Wenig überraschend und durch die globale Corona-Krise leicht erklärbar: Ein beachtlicher Teil der in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommenen Wörter stammen aus dem Englischen. Begriffe wie Lockdown, Shutdown, Corona-Hotspot, Superspreader, Homeoffice, oder Drive-In-Test wurden entweder direkt übernommen oder eins-zu-eins übersetzt („social distance“ = „soziale Distanz“). Dem Englischen wurde auch das Schimpfwort „Covidiot“ entnommen. Einige Neologismen kamen als deutsch-englische Mischlinge zur Welt – etwa „überzoomt“ (jemand, der in seinem Homeoffice von zu vielen Video-Schalten überfordert ist).
Die letztere Wortschöpfung gibt Anlass, auf eine Besonderheit in der Pandemie-Epoche hinzuweisen, die ebenfalls einen Vergleich mit der (Nach-)Kriegsepoche deplatziert erscheinen lässt: Viele Neologismen enthalten eine Prise Humor, Ironie bzw. Selbstironie. So zum Beispiel: „Corona-Frisur“, „Abstandsbier“, „Fuß-Gruß“, „Impfneid“, „Abstandshochzeit“, „Spuckschutz“. Einige Vokabeln dieser Art haben zwar keinen allzu weiten Gebrauch erfahren, sind aber vom Mannheimer Institut – auch als Einzelerscheinung – registriert worden. In einem „Focus“-Interview erwähnte Dr. Christine Möhrs aus dem Mannheimer Institut das Wort „Quarantini“, eine Hybride aus „Quarantäne“ und „Martini“, das für einen Drink steht, den Menschen Quarantäne-bedingt alleine genießen sollen.

Corona-Wortschatz in der Politik

Beachtenswert war auch die politische Komponente der Wortschöpfungen in der Pandemie-Zeit. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CDU), der sich im zurückliegenden Jahr mehr als Mahner und Warner profiliert hat, sprach etwa von einem „Öffnungsblindflug“. Armin Laschet (CDU), sein Amtskollege aus Nordrhein-Westfalen, setzte den Begriff „Brücken-Lockdown“ in Umlauf: Neben dem dramatischen Wort „Lockdown“ enthielt er das Wort „Brücke“, das immerhin etwas Optimistisches und Zukunftsweisendes bedeutet.
An Dramatik fehlte es im neuen Vokabular natürlich auch nicht: Die Zusammensetzungen wie „Risiko-Rückkehrer“ oder „Kontakt-Nachverfolgung“ wirken wie einem Krimi oder einem Spionagefilm entnommen.
Mittlerweile sind genügend Fälle bekannt, wo sich einzelne Personen und ganze Branchen dank Corona bereichert haben. Die Corona-Zeit hat aber (bei allen Verlusten und Entbehrungen im sozialen Leben) in der Sprache für gewisse Bereicherung gesorgt. Schade nur, dass sich diese Bereicherung schwer „kapitalisieren“ lässt.
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