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Jerusalem - Zankapfel für die Ewigkeit

© REUTERS / AMMAR AWADUnruhen in Jerusalem
Unruhen in Jerusalem - SNA, 1920, 11.05.2021
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Gewaltausbrüche in Jerusalem zwischen Palästinensern und israelischen Polizei- und Armeekräften, gegenseitiger Raketenbeschuss zwischen Gazastreifen und israelischem Staatsgebiet halten aktuell die Staatengemeinschaft in Atem. Der wiederaufgeflammte Nahost-Konflikt und der Streit um den Status von Jerusalem beschäftigt auch unsere Gastautorin.
Jerusalem lässt niemanden kalt. In der Bibel ist die 3000 Jahre alte Stadt genauso umkämpft, wie sie auch im Koran ihre historischen Spuren hinterlassen hat. Dabei soll der hebräische Name „Yerushalayim“ das Wort Frieden enthalten. Auf Arabisch heißt sie „Al-Quds“, was „Die Heilige“ bedeutet. Von hier aus soll der Prophet Mohammed in den Himmel geritten sein. Für das Imperium Romanum war sie allerdings nicht mehr als ein Provinznest, das nur Kopfzerbrechen bereitete. Denn Yeshayahu, der Rabbi von Nazareth, war einer von vielen Wanderpredigern, der die römische Verwaltung in Atem hielt. Seine Kreuzigung auf dem Hügel Golgatha sollte zur Zeitenwende werden, wenn auch mit Jahrhunderten Verzögerung. Aus dem jüdischen Prediger, der gekommen war, das Gesetz mit Liebe zu erfüllen, wurde fortan der hellenistische Christos, der Gesalbte.

Der Mythos und die Sehnsucht

Mit der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die Römer, einige Jahrzehnte nach dieser Hinrichtung, und der neuerlichen Vertreibung des jüdischen Volkes begann eine weitere Zeitenwende, jene des jüdischen Exils, die dann wiederum für manche mit der Gründung des jüdischen Staates Israel im Frühjahr 1948 enden sollte. 1967 wurde der östliche Teil von Jerusalem, zuvor unter jordanischer Verwaltung bzw. Okkupation, von der israelischen Armee eingenommen. Am 10. Mai jährte sich mit viel Gewalt zum 54.Mal dieser Jerusalem Tag, der in Israel als ein Tag der Einigung gilt.
1980 wurde Jerusalem in Verletzung des Völkerrechts annektiert und zur Hauptstadt Israels erklärt. Die USA verlegten im Mai 2018 ihre Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem und kamen damit einem alten israelischen Anliegen nach. Für die sogenannten „Reborn Christians“, eine einflussreiche Bewegung in den USA, wird am Tag des Jüngsten Gerichts der Messias in Jerusalem erscheinen und alle Juden werden Christen… Eben diese religiös verbrämte Außenpolitik eines christlich fundamentalistischen Zionismus gewann unter George W. Bush und später unter Trumps Vizepräsident Michael Pence großen Einfluss.
Israels Raketenabwehr Eisenkuppel im Einsatz (Archivfoto) - SNA, 1920, 10.05.2021
Israel begeht Jerusalem-Tag – Erneut Raketenangriffe aus Gazastreifen
Zu Pessach wünschen sich Juden, wo auch immer auf der Welt, „L'Shana Haba'ah B'Yerushalayim“ – Nächstes Jahr in Jerusalem. Die ewige Sehnsucht der Rückkehr aus der Diaspora in ein mythisches Jerusalem, ein irdisches oder doch unwirkliches Zuhause, wurde auch für den von Theodor Herzl begründeten jüdischen Nationalismus zum Motor. Hatte der säkulare Herzl, geprägt vom deutschen bürgerlichen Nationalismus des 19. Jahrhunderts, anfänglich mit der Religion nichts zu tun, setzten sich in den Zionistenkongressen dann doch die „Hovevei Zion“ oder auch „Chibbat Zion“ genannt durch. Es waren jene Stimmen, die meinten, eine jüdische Heimstätte könne nicht in Südamerika oder auf Madagaskar entstehen, wo Landkauf geplant war, vielmehr müsse eine Rückkehr in das biblische Israel und damit nach Jerusalem erfolgen.

Gewalt und Siedlungsbau

Die Chronologie der Gewalt um und in Jerusalem ist lang. Für das 20. Jahrhundert lässt sich die Liste mit dem Jahr 1929 beginnen. Die Briten hatten mit der Auflösung des Osmanischen Reiches unter anderem das Mandat Palästina übernommen. Die Konflikte zwischen der einheimischen arabischen Bevölkerung und den neuen jüdischen Immigranten, anfänglich zionistische Utopisten, aber bald jüdische Europäer, dem Nationalsozialismus entflohen, spitzten sich zu. Im Jahr 1937 beauftragte das britische Parlament eine Fact-finding-Kommission, deren Bericht bis heute nichts an Substanz und Aktualität eingebüßt hat. Unter dem Vorsitz von Lord Peel befand die Kommission, dass alle Siedlungsaktivitäten auf jüdischer Seite und alle Gewalt einzustellen sind. Diese beiden Forderungen werden seither in sämtlichen UNO-Resolutionen wiederholt.
Mahmud Abbas  - SNA, 1920, 30.04.2021
Wegen Konflikt um Jerusalem: Palästinenser-Wahlen verschoben
In meinem ersten Gespräch als österreichische Außenministerin, im Dezember 2017, mit dem damaligen britischen Außenminister Boris Johnson, war die Lage im Nahen Osten Teil unseres Gedankenaustausches. Ich meinte ihm gegenüber, dass der Bericht von Lord Peel aus dem Jahre 1937 alles enthalte, er müsse nur endlich umgesetzt werden. Johnson schrieb mir einige Tage später, dass er sich das Dokument aus den Londoner Archiven hatte bringen lassen und dass es Pflichtlektüre sein sollte. Diese rasche und so sympathische Reaktion von Johnson freute mich angesichts der inflationären Beschlüsse rund um diese alten Dilemmas namens Palästina-Konflikt und Jerusalem-Frage. Genau daran sollten letztlich auch die Vereinbarungen von Oslo von 1993 scheitern. Indem das heiße Eisen Jerusalem – aber auch die Grenzen und das Rückkehrrecht der Palästinenser – ausgeklammert wurden, hofften die Vermittler auf Entspannung. Doch der Fahrplan von Oslo stockte mit der Ermordung des Premiers Jitzchak Rabin 1995.

Von der orientalischen Stadt zum Freilichtmuseum

Als ich zwischen 1984 und 1988 in Jerusalem immer wieder arbeitete, so in einem französischen Hospiz, wo ich unter anderem Leichen wusch, bewegte ich mich noch in einer bunten, nahöstlichen Stadt mit orientalischem Charakter. Ich lernte mit meinen palästinensischen Kollegen Arabisch, wie ich am Campus der Hebräischen Universität am Skopusberg das moderne Ivrit studierte (Anmerk.d.Red.: Ivrit ist ein anderer Begriff für Hebräisch). Es war eine Stadt der vielen Gerüche und vielen Gesichter. Vierbeiner warteten am Jaffa Tor, um nicht nur Touristen durch die Gegend zu transportieren. Die Esel, Pferde und Kamele waren Teil des palästinensischen Alltags, wie auch die Israelis aus dem Westen der Stadt am Schabbes in den Osten zum Coiffeur gingen, wie wir damals Teenager im Innenhof der griechisch-orthodoxen Schule Basketball spielten und relativ sorglos in den frühen Morgenstunden bis Betlehem wanderten oder auf der Festung Masada mit dem Schlafsack übernachteten.
Beerdigung des iranischen Nuklearphysikers Mohsen Fakhrizadeh in Teheran am 30. November 2020 - SNA, 1920, 02.12.2020
Das iranische Atomprogramm und ein weiteres Attentat
Der Blick zurück in jene Jugendjahre in Jerusalem erscheint mir wie eine untergegangene Welt. Denn dieses Jerusalem existiert nicht mehr. Heute ist die Altstadt mehr eine Art Freilichtmuseum, zweifellos aufgeputzt und organisiert, inclusive Straßenbahn, die zum Gegenstand von Literatur und Ausstellungen wurde. Aber wo ist das menschliche Maß geblieben, das einst die Sanftmut dieser Stadt ausmachte? Jerusalem ist zubetoniert wie manch andere Stadt. Vieles ist damit verloren gegangen. Urbanisiert wurde einiges, aber gelöst im alten Konflikt um die vielen Ansprüche wurde gar nichts. Die neuen Friedensverträge Israels mit einigen arabischen Golfstaaten basieren vor allem auf wirtschaftlicher Kooperation. Ähnliches plante Premier Benjamin Netanyahu seit Jahren mit den Palästinensern. Doch nicht alles lässt sich mit Geld lösen.

Ratlosigkeit und die Ohnmacht der Gewalt

Viele Jahre meines Lebens verbrachte ich mit der Lektüre zum Nahostkonflikt, aber auch mit dem Erleben des komplizierten Alltags der Menschen. Denn 1984 blieb ich auf meinem Weg nach Beirut in Jerusalem für eine kleine Weile hängen. Die Stadt sollte fortan einen wichtigen Platz in meinem Leben einnehmen, ich organisierte mir ein Stipendium an der Hebräischen Universität, verfasste dort die Recherchen für meine Dissertation, stand stundenlang bei den Checkpoints und durfte aber mein Leben danach auch in anderen Teilen der Welt führen, war nicht, wie meine israelischen und palästinensischen Studienkollegen, dem Konflikt zwischen Militärdienst und Repression täglich ausgeliefert.
Saudische Aktivistin Loujain al-Hathloul (Archivbild) - SNA, 1920, 14.01.2021
Die tapferen Frauen in Saudi-Arabien
Seit Wochen demonstrieren junge Palästinenser zwischen der Al-Aqsa-Moschee und anderen Teilen von Jerusalem. Neue Delogierungen und Siedlungsbau bestimmen diesmal die Unruhen. Im September 2000 spazierte der damalige Oppositionsführer und spätere Premier Ariel Scharon auf dem Tempelberg umher und provozierte damit die zweite Intifada, die mit Waffengewalt und nicht nur Steinen erfolgte. Die Zerstörung von Aleppo im Sommer 2012 durch Islamisten mit EU-Pässen regte die Staatengemeinschaft nicht so auf. Jerusalem und Israel stehen zweifellos unter besonderer Beobachtung. Es wird sich am Zankapfel der heiligen Stätten von Jerusalem immer wieder aufs Neue die Gewalt entladen. Zermürbt gab die britische Kolonialverwaltung 1947 auf, übertrug das Thema der noch jungen UNO.
Den Empfehlungen von Lord Peel von 1937 – allen Siedlungsbau einstellen und die Gewalt beenden – folgte bis heute niemand. Dafür bedürfte es auch mehr als UNO-Resolutionen zur allgemeinen Empörung oder Beruhigung. Nötig wäre, das Unrecht, das schwer wiegt, als solches zu benennen und den Menschen ein würdevolles Miteinander zu ermöglichen.
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