„Es geht um mich!“: Kanzlerkandidat Laschet zeigt sich siegessicher – trotz mieser Umfragen

© REUTERS / ANNEGRET HILSECDU-Chef Armin Laschet
CDU-Chef Armin Laschet - SNA, 1920, 10.05.2021
Nach der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock war nun Armin Laschet als Kandidat der Union am Sonntagabend bei „Anne Will“ dran. Mit seinem Auftritt hat er kaum viele neue Sympathisanten gewonnen, mit dem beachtlichen Stehvermögen dürfte er aber so manche Zuschauer beeindruckt haben.
Seit Armin Laschet (CDU) zum Kanzlerkandidaten der Union gekürt wurde, befinden sich die Umfragewerte der Union in schier unaufhaltbarem Sturzflug. Die Parteibasis und das Wahlvolk fühlen sich vom Unionsvorstand betrogen, der Laschet dem populären „Kandidaten der Herzen“ Markus Söder (CSU) vorgezogen hatte. Auf einmal sind die Grünen mit der 40-jährigen Kandidatin Baerbock die Spitzenreiter auf der Zielgeraden zum Wahltermin im September.

„Freude an Markus Söder“

Auch die Talkmasterin Anne Will, die zu Beginn der Sendung in der ARD Armin Laschet eine knappe Viertelstunde lang „verhört“ hat, gab ihm deutlich zu verstehen, dass ihr gegenüber an diesem Abend ein anderer Unionskandidat hätte sitzen sollen: Mindestens dreimal hat sie dabei den Namen des bayerischen Ministerpräsidenten erwähnt. Laschet musste sich nahezu erniedrigende Fragen gefallen lassen wie etwa diese:

„Erweist es sich als Fehler, dass die Union mit Ihnen und nicht mit Markus Söder antritt?“

Oder:

„Warum sind gerade Sie geeignet als Bundeskanzler?“

Laschet, der nun seit Wochen immer wieder danach gefragt wird, hat sich mittlerweile ein ironisches Lächeln angelernt, mit der er solche Fragen pariert. So ging es anfangs auch am Sonntagabend im Ersten, als der NRW-Präsident mit dem antrainierten Lächeln entgegnete:

„Ich verstehe, dass Sie Freude an Markus Söder haben.“

Oder, eine Minute später:

„Ich bin jetzt mit Annalena Baerbock und Olaf Scholz im Wettbewerb, nicht mehr mit Markus Söder.“

Natürlich weiß Laschet, dass er auch bei den persönlichen Zustimmungswerten hinter Söder und Baerbock liegt, mittlerweile schon gleichauf mit Scholz. Deshalb wollte er weg von der personenbezogenen Diskussion und schlug vor: „Lassen Sie uns in den Wettstreit der Ideen eintreten.“

Kanzlerkandidat ohne Wahlprogramm

Aber auch bei den „Ideen“ wirkte der Kanzlerkandidat nicht gerade überzeugend. Im Unterschied zu den Konkurrenten habe die Union immer noch kein Wahlprogramm vorgelegt, stellte die Moderatorin fest. Laschet vertröstete sie auf den Juni, dann werde ein gemeinsames Programm von CDU und CSU vorgestellt. Insofern begnügte er sich bei „Anne Will“ mit ein paar generellen Losungen wie „Europa zusammenhalten, finanziell und politisch“, „Gerechtigkeit und sozialen Aufstieg für jeden möglich machen“ oder „Kindern aus Hartz IV heraushelfen“.
Als aber Anne Will dazu anmerkte, in diesen Losungen merke sie „keine Unterschiede zu den Grünen oder der SPD“, kam vom CDU-Spitzenpolitiker etwas wie ein hilfloser Aufschrei:

„Es geht nicht um Unterschiede, es geht um mich!“

Nachdem die Moderatorin mit dem „Grillen“ fertig war, durften auch andere Studio-Gäste ran. Politikwissenschaftlerin Ursula Münch wollte etwa wissen, warum die Aufgaben, die Laschet als möglicher zukünftiger Kanzler anpacken will, nicht in den zurückliegenden 16 Jahren CDU-Herrschaft gelöst worden seien. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der noch-Kanzlerin Angela Merkel ließ sich Laschet jedoch nicht provozieren: Die habe während ihrer Amtszeit „vier große Weltkrisen zu bewältigen“ gehabt, für die Modernisierung habe es deshalb zu wenig Zeit gegeben.
Grünen-Chefin Annalena Baerbock - SNA, 1920, 26.04.2021
Bei „Anne Will“: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und andere wenig erfreuliche Aussichten

Ist Maaßen ein Antisemit?

Luisa Neubauer, Fridays-for-Future-Aktivistin und Grünen-Mitglied, agierte an dem Abend quasi als „Baerbock-Double“ und ging noch viel härter ins Wahlgefecht gegen Laschet. Im Hinblick darauf, dass der ehemalige Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen nun in Südthüringen für die CDU kandidiert, fuhr sie den CDU-Chef frontal an:

„Sie legitimieren rassistische, antisemitische, identitäre und übrigens auch wissenschaftsleugnerische Inhalte, verkörpert durch Hans-Georg Maaßen. Das hätten Sie ganz klar verurteilen müssen, Herr Laschet!“

Diesen leidenschaftlichen Angriff wehrte der CDU-Chef allerdings gekonnt und kaltschnäuzig ab, indem er Beweise für Maaßens Antisemitismus forderte, die die 25-jährige Aktivistin eben nicht vorlegen konnte. Für die Bundestagswahl im Osten sei Maaßen, so Laschet sinngemäß, der Richtige. Denn:

„Die größte Herausforderung im Osten ist die AfD. Wir müssen alles tun, damit sie klein bleibt und möglichst aus den Parlamenten verschwindet.“

Viel stärker kam er allerdings ins Schwitzen, als es um die Klimapolitik der bisherigen Regierung ging: In den 16 Jahren CDU-Dominanz sei viel zu wenig für die Klima-Neutralität geschaffen worden, der Kohleausstieg sei beispielsweise „systematisch verschleppt“ worden, behauptete Neubauer.
Immerhin: Auf Drängen der jungen Leute wie sie hatte das Verfassungsschutzgericht kürzlich das Ende 2019 verabschiedete Klimaschutzgesetz gekippt. Laschet entgegnete: „Die Grünen haben zwar ein Programm, das sie aber nicht machen müssen“. Er als Realpolitiker müsse aber darauf hinweisen, dass Deutschland in den letzten Jahren gleichzeitig aus der Atomenergie und aus der Kohle aussteigen musste. Und da müssten die Akzente doch anders gesetzt werden, als es die Grünen gerne möchten.

„Ich habe schon viele Umfragen erlebt“

Die gegenwärtigen, für ihn wenig schmeichelhaften Umfragewerte nehme Laschet auf die leichte Schulter: „Ich habe schon viele Umfragen erlebt.“ 2017 habe er gegen die damalige NRW-Präsidentin Hannelore Kraft (SPD) gewonnen – trotz der für ihn damals unerfreulichen Umfragen. Auch die Wahlen des CDU-Chefs hätte er laut Umfragen gegen Friedrich Merz verlieren sollen. Heute ist aber der geschlagene Rivale Merz lediglich Mitglied von Laschets Wahl-Team.
„Was ist Ihr Wahlziel, Herr Laschet: 30 oder 35 Prozent?“, fragte Anne Will am Schluss. „Je mehr, desto besser“, lautete Laschets Antwort.
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