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Wie sinnvoll ist Fisch aus Aquakultur?

© SNA / Ilja NaimuschinFischfarm
Fischfarm - SNA, 1920, 08.05.2021
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Fisch aus Wildfang ist in der Regel umwelt- und klimafreundlicher als solcher aus Aquakultur – wenn die Transportwege nicht zu groß sind. Auch verbindet man mit Aquakultur gerne Antibiotika und Tierleid. Das muss nicht so sein, sagt Fischereiexperte Alexander Brinker und erklärt, wie eine nachhaltige Aquakultur aussehen sollte.
Fisch ist gesund und weniger CO2-intensiv als andere tierische Produkte. Damit ergänzt das Lebensmittel wie ein Puzzlestück die nachhaltige Welternährung. Doch die weltweite Wildfischerei lässt nicht mehr viel Spielraum zu – ein großflächiger Zubau von Aquakultur wäre nötig. Aber die steht immer wieder in der Kritik wegen Antibiotikabelastung der Umwelt, Parasitenbefalls, verstümmelter Fische. Ist mehr Aquakultur eine Option?
Ja, sie muss nur richtig betrieben werden, findet Alexander Brinker. Brinker ist Mitarbeiter der Fischereiforschungsstelle Langenargen in Baden-Württemberg, die die Verantwortung für die Fischerei im Bundesland trägt. Dazu gehört eine der bedeutendsten Binnenfischereien Europas, die Fischerei am Bodensee. In der Forschungsstelle geht es um die Umsetzung von EU-weiten Richtlinien und den ökologischen Zustand von Gewässern. „Wir haben auch aktuelle Themen auf dem Tisch, beispielsweise: Wie sieht die Belastung des Fischfleisches mit Mikroplastik aus?“, so Brinker. Dazu gehört ebenfalls das Thema Aquakultur.

Tierleid – ein notwendiges Übel der Aquakultur?

Verstümmelte Tiere und Antibiotika-Resistenzen müssen laut Brinker nicht zur modernen Aquakultur gehören – schon gar nicht im europäischen Raum.

„Antibiotika werden in Europa in der Fischzucht eigentlich nur in ganz geringen Mengen eingesetzt. Ich kann das nicht für die ganze Welt sagen. Aber im Verhältnis zu anderen Formen der tierischen Lebensmittelerzeugung sind das vernachlässigbare Werte, da hier in aller Regel über entsprechende Impfungen gearbeitet wird und so die Krankheitsprophylaxe vorangetrieben wird.“

Alexander Brinker
Fischerei-Forscher
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Im Gegensatz zu Landtieren: Fische fühlen sich im Schwarm wohl

Die enge Haltung von Fischen ist laut Brinker nicht vergleichbar mit der Massentierhaltung:
„Man muss wissen, dass die Fische, wenn sie eine gewisse Besatzdichte überschreiten, in ein Schwarmverhalten gehen und sich dort auch ziemlich wohl fühlen. Wir können sie nicht nach ihrer Gefühlswelt befragen, aber wir können Stresshormone und Stressmarker messen und die zeigen uns, dass die Fische auch in sehr hohen Besatzdichten sich extrem gut fühlen – solange die Wasserwerte in einem guten Zustand sind.“

Gute Wasserqualität ist entscheidend

Entscheidend für die Wasserqualität sei ausreichend Sauerstoff und wenig Stoffe, die den Fischen nicht guttun. Dazu gehören eine zu hohe Konzentration der Ausscheidung der Fische, Chemikalien wie Nitrit, Futterreste oder abgestorbene Pflanzenteile. Im offenen Meer ist zudem der Standort des Netzgeheges entscheidend, damit dieses gut durchströmt wird. Auch Quallen können in großen Mengen die Netze verstopfen. Daneben sei hochwertiges Futter wichtig, und dass die Fische möglichst selten nach Größen sortiert oder umgesetzt werden.
Dagegen extra große Becken in der Süßwasser-Aquakultur können sogar das Zusammenleben der Tiere negativ beeinflussen:

„Man erreicht dadurch in der Regel eine schlechtere Situation, indem man Plätze findet, die für die Fische besonders erstrebenswert erscheinen und wo sie dann anfangen, territorial zu werden und sich um diese Plätze zu streiten.“

Wie CO2-intensiv sind Aquakulturen?

„Vor allem im Kontext Klimaschutz spricht für die Fische als Kaltblüter ein sehr starkes Argument: Sie verbrauchen keine Futter- oder Nahrungsenergie, um die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Sie können das Futter wesentlich effizienter in Zuwachs umsetzen. Zudem schwimmen sie in einem dichten Medium und brauchen deswegen auch relativ wenige Skelettstrukturen. So können wir bei Fisch bis zu 70 Prozent als gutes Lebensmittel nutzen“, erläutert der Fischereiforscher.

Fischfutter als CO2-Quelle

Ausgehend von der ursprünglichen Ernährung von Fischen dürfte die Graskarpfen-Aquakultur am klimafreundlichsten sein. Sie werden aber nicht sehr nachgefragt. Allerdings hat sich laut Brinker auch bei anderen Fischarten etwas getan: „Wir hatten in der Vergangenheit eine Diskussion, dass die gerade in Europa bevorzugt gegessenen räuberischen Fischarten wie Forelle oder Lachs relativ viel Fisch benötigen in Form von Fischmehl und Fischöl, um überhaupt zu wachsen“, so Brinker. Die Fische für das Mehl und Öl müssen gezüchtet oder gefangen, transportiert, verarbeitet und in Form von Fischfutter wieder transportiert werden und bei allen diesen Schritten fällt CO2 an.
„Das stimmt aber heutzutage nicht mehr, denn auch bei diesen Fischen ist der Großteil des Futters, das man einsetzt, vegetarischen Ursprungs. Entsprechend unterscheiden sie sich auch in der trophischen Position kaum noch von Allesfressern oder pflanzenfressenden Fischen wie Karpfen“, so der Experte.
Aber auch hier ist entscheidend, wie das Futter hergestellt wird und woher die Bestandteile kommen. „Wir arbeiten heute überwiegend mit Pflanzenbestandteilen und die muss man in bestimmten Schritten so weit aufbereiten, dass sie sich für den Verzehr durch den Fisch gut eignen. Diese Schritte kosten auch Energie und technischen Aufwand. Teilweise müssen die Rohmaterialien aus entfernten Gegenden zusammengebracht werden. Hier muss man zusehen, dass man diese Erzeugungsketten weiter optimiert, als das der Fall ist“, bemerkt Brinker.
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Vollkreislaufsysteme vermeiden

„Wenn man Anlagen hat, die nicht mehr auf externes Wasser angewiesen sind, sondern die Wasser nur zum Ausgleich des verdunsteten Wassers einsetzen, muss man das Wasser im Kreis pumpen und mit entsprechender Technik reinigen. Das kostet natürlich Energie“, erläutert der Forscher einen weiteren CO2-Treiber. „Wenn die Energie, die man hier einsetzt, nicht aus erneuerbaren Quellen stammt, sondern aus fossilen Quellen, dann ist die Energie zum Produkt dazuzurechnen. Und das ist es, was die hohen Umweltkosten verursacht.“ Mit anderen Worten: wenn Vollkreislauf, dann an erneuerbare Energien gekoppelt. Ansonsten besser Aquakulturen, deren Wasserzufuhr aus umgebenden Gewässern erfolgt.

Auf regionalen Fisch setzen, statt ihn einmal um die Welt zu schicken

„Ich denke, dass man schon heute bei den heimischen Fischzuchten direkt vor Ort ein ökologisch sehr gut verträgliches und schmackhaftes Lebensmittel erwerben kann. Man könnte das in Zukunft noch weiter ausbauen, denn die naturräumlichen Gegebenheiten dafür sind da“, sagt Brinker.
Die gegenwärtige Praxis dagegen, den Eigenbedarf durch große Importe abzudecken, hält er für keine nachhaltige Lösung. „Der Preis von regionalem Fisch ist sicher ein bisschen teurer, als wenn man sich den billigsten Fisch auf dem Weltmarkt einkauft. Aber da sind die Umweltkosten und soziale Aspekte bei der Herstellung nicht mitberücksichtigt und nicht mit eingepreist. Ich denke, dass dieser geringe Mehrkostenbereich es wirklich wert ist, um hier vor Ort unter kontrollierten und nachvollziehbaren Bedingungen Fisch zu erzeugen.“
Das Interview mit Alexander Brinker zum Nachhören:
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