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#allesdichtmachen: Mit-Initiator Dietrich Brüggemann wehrt sich gegen Kontaktschuld-Trigger

CC BY-SA 3.0 / Paul Katzenberger / Wikimedia CommonsDietrich Brüggemann (Archivbild)
Dietrich Brüggemann (Archivbild) - SNA, 1920, 05.05.2021
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In einem leidenschaftlich geführten Interview mit der Internetplattform buchkomplizen.de nimmt Regisseur Dietrich Brüggemann Stellung auf kritische Fragen zu der von ihm mitbegründeten Aktion #allesdichtmachen. Bedauern über die Aktion zeigt er nicht.
Nach den „Enthüllungen“ des Online-Portals netzpolitik.org, wonach „Babylon Berlin“-Hauptdarsteller Volker Bruch, Mit-Initiator der Aktion #allesdichtmachen, einen Mitgliedsantrag bei der Partei „Die Basis“ gestellt haben soll, ist nun offenbar sein Gesinnungsgenosse Dietrich Brüggemann dran. Der preisgekrönte Regisseur gehört neben Bruch und Jan Josef Liefers zu den Initiatoren von #allesdichtmachen und hat sich mit Autor Marcel Malachowski vom Blog buchkomplizen.de unterhalten.

Interviewer grillt Interviewgast gleich am Beginn mit Vorwürfen

Nachdem eingangs aufgezählt wird, wofür der bayerische Spielfilm-, Theater- und TV-Regisseur Brüggemann bekannt ist, und der betont, dass er bisher Interviewanfragen zu #allesdichtmachen abgelehnt hatte, wird schon im Vorwort zum Interview mächtig ausgeteilt.

So unterhalte Brüggemann „freundschaftlichen Kontakt zu einem Aktivisten der judenfeindlichen Querdenker-Bewegung: dem umstrittenen Arzt Paul Brandenburg, der von Szene-Kennern der 'Neuen Rechten' und dem AfD-Milieu in Verbindung mit Neo-Nazis, Holocaust-Leugnern und Judenhassern gebracht wird“.

Marcel Malachowski
Autor auf buchkomplizen.de
Nach drei Absätzen dieser „Einstiegshilfe“ für die Leser fragt Malachowski dann überraschend zahm, ob die Aktion #allesdichtmachen denn überhaupt „den ganzen Ärger“ wert gewesen sei, schließlich habe sie ja nichts verändert. Dieser Einschätzung schließt sich Brüggemann nicht an. Die Botschaft der satirischen Videos von den 53 Schauspielern sickere allmählich durch:
„Gutsituierte, gutaussehende, medial bekannte Testimonials verkaufen dem Volk den Lockdown als etwas Nettes und Harmloses. Diesen Mechanismus haben wir abgebildet. Ganz einfach.“
Dietrich Brüggemann
Regisseur, Mitinitiator von #allesdichtmachen
Seitdem bekämen er und seine Kollegen eine Flut an Dankesbriefen und herzzerreißenden Schilderungen der Menschen, wie die aktuelle Situation sie fertigmache.

Aktion habe gezeigt, dass Kunst ungeheure Wirkung haben kann

Auf die Nachfrage, ob er die Wirksamkeit der Kunst nicht überschätze, ähnlich, wie Politiker ihre Handlungsfähigkeit überschätzen würden, antwortet Brüggemann, man könne die Wirksamkeit von Narrativen gar nicht überschätzen, wenn man den geschichtlichen Einfluss von Religion, Kino, Musik, Medien und Propaganda betrachte. Menschen folgten Ideen und Emotionen, die ihnen mittels Kommunikation zugänglich gemacht werden würden. „Dass Kunst hier eine ungeheure Wirkung haben kann, hat unsere Aktion ja gezeigt.“
Kino in Gelsenkirchen - SNA, 1920, 23.04.2021
„Alles dicht machen“: Schauspieler sorgen mit Aktion gegen Corona-Politik für Aufsehen
Der Politik stellt der Regisseur hingegen Selbstüberschätzung aus. In Zeiten der Pandemie versuche sie, „einerseits mit detailwütigen, widersprüchlichen Regelwerken, andererseits mit wohlmeinender Kommunikation“ in jede Wohnung hinein zu regieren, doch im Endeffekt machten sowohl das Virus als auch die Menschen ja doch, was sie wollten. „Politiker sollten hier ihre Machtlosigkeit bekennen, und dann könnten wir als Gesellschaft gemeinsam über einen fundamental anderen Ansatz nachdenken“, findet Brüggemann. Inspiration für neue Ansätze sieht er beispielsweise in den Niederlanden. Dort gebe es Modellstädte, wo sämtliche Verkehrsschilder entfernt und die Verkehrsteilnehmer angehalten worden seien, das Richtige zu tun. Das funktioniere unglaublich gut, und dasselbe wünsche er sich im Umgang mit Corona.

„Jeder macht, was er will. Wenn ich gestern in einer Kneipe ohne Hygienekonzept war, sage ich das heute meiner Oma, und sie entscheidet, ob sie mich ohne Maske sehen will. Ich glaube, dieses Modell hätte eine nicht zu unterschätzende Kraft. Es würde den Leuten die Handlungsmacht über ihr Leben zurückgeben, und das ist bitter notwendig.“

Dietrich Brüggemann
Regisseur, Mitinitiator von #allesdichtmachen

Ist Kritik an den Kritikern von #allesdichtmachen überzogen?

Dass diese Meinung nicht von allen geteilt wird, ist klar. Aber sei es nicht trotzdem übertrieben, die Kritiker auf Twitter als „faschistoid“ und „Lynchmob“ zu bezeichnen, will der Interviewer wissen. Natürlich sei Twitter eine Plattform des Lynchmobs, gibt Brüggemann zurück. „Oder wie soll man das sonst nennen, wenn hunderttausende Leute im Schutz der Meute den Tod einer Schriftstellerin fordern?“ Der soziale Tod sei im emotionalen System des Menschen gleichbedeutend mit dem realen Tod, stellt der Regisseur fest. Und „faschistoid“ sei ein Begriff, der seit Jahrzehnten von links gegen alles Mögliche in Stellung gebracht werde Er sei selbst immer links gewesen, aber er finde die Linke in den letzten Jahren immer „diktatorischer und autoritärer“, fügt Brüggemann hinzu. Später im Interview sagt der Regisseur, er möge Sahra Wagenknecht, weil sie eine Wahrheit ausspreche.
Künstlerdemo in Berlin am 1. Mai - SNA, 1920, 02.05.2021
Video: „Lasst uns wieder spielen!“ – Demo für die Kunst am 1. Mai in Berlin
Corona sei, wie so vieles, hauptsächlich eine Krankheit der Armen, beeilt sich der Interviewer einzuwenden. Weshalb würden also die Querdenker nicht genau diese Ungleichheit zum Thema machen? Und seien nicht einige derer, die Brüggemann zugejubelt hätten, genau die falschen Partner für den Kampf gegen den vermeidbaren Tod durch gesellschaftliche und materielle Umstände, den er anprangere? Er wisse nicht, warum die Querdenker etwas machten oder nicht machten, entgegnet Brüggemann trocken, und er verstehe nicht, weswegen er über einen unklaren Kampfbegriff, statt über das eigentliche Problem reden müsse. Natürlich würden Pandemien die Armenviertel am heftigsten treffen, wo arme Leute mit schlechter Gesundheit eng aufeinander säßen. In solchen Vierteln solle man auf Aufklärung und Sozialarbeit setzen statt auf autoritären Lockdown und Polizeieinsätze.
„Der Tunnelblick, mit dem fast die gesamte Medienwelt aus ihrer privilegierten Position den immer härteren Lockdown fordert und diese Seite komplett ausblendet, erscheint mir das viel größere Problem.“
Dietrich Brüggemann
Regisseur, Mitinitiator von #allesdichtmachen

Brüggemann: Wer vom rechten Rand zujubelt, ist nicht Partner, sondern Gegner

Wer ihm vom rechten Rand zujuble, sei deswegen aber nicht sein Partner, sondern sein Gegner, stellt Brüggemann klar. Man müsse diesem seine Themen wegnehmen. Als große gesellschaftliche Probleme unserer Zeit identifiziert er Macht und Konsum.
Warum in den Videos denn nicht explizit Armut, Tod durch Armut und existenzielle Verzweiflung thematisiert worden seien, lässt Malachowski nicht locker. Das Thema stecke in vielen der Videos, entgegnet Brüggemann, jedoch hätten die Schauspieler sie bewusst moderat gehalten, statt auf maximale Drastik zu setzen, um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen, sondern zum Denken anzuregen.
Auf der Zielgeraden will es der Interviewer noch einmal wissen und spricht Brüggemann auf seine „zumindest indirekte“ Sympathie für die Querdenker an.

Es gebe ja inzwischen Beweise dafür, dass „sich die Initiatoren mit judenfeindlichen Reichsbürgern und Selbstverwaltern und auch Neo-Nazis trafen zur gemeinsamen Planung und dass die Telegram-Mobilisierung über Personen läuft, die persönlich engen Kontakt etwa zur Nazi-Partei Der III. Weg haben“. Ob Brüggemann denn kein Problem damit habe?

Marcel Malachowski
Autor auf buchkomplizen.de

Warum wird von Veganern nicht permanent Abgrenzung von Attila Hildmann verlangt?

Der Regisseur lässt sich auch in diesem Fall nicht zu heftigen Reaktionen hinreißen, sondern kontert gelassen, die ständigen Abgrenzungsversuche und Kontaktschuld-Trigger würden niemanden weiterbringen. Genauso gut müssten sich Veganer von Fernsehkoch Attila Hildmann abgrenzen. Wem es tatsächlich um Inhalte ginge, dessen Ziel sollte es vielleicht sein, Hildmann den Veganismus wegzunehmen.
„Bei Lockdown-Kritik bin ich mir felsenfest sicher, dass hier ein sehr großer Teil der deutschen Bevölkerung sehr viele Fragen hat. Laut repräsentativen Umfragen fanden 30 Prozent der Deutschen unsere Aktion gut bis sehr gut. Wenn das wirklich 25 Millionen Neonazis sind, dann kann man nur noch auswandern. Aber ich halte das für unwahrscheinlich“, so Brüggemann.
Dietrich Brüggemann
Regisseur, Mitinitiator von #allesdichtmachen
Ob er im Nachhinein an den Videos von #allesdichtmachen etwas ändern würde, könne er nicht sagen, denn sie seien im Kollektiv entstanden und etwaige Änderungen müssten von der Gruppe beschlossen werden. In jedem Fall solidarisiere er sich mit allen Beteiligten, sagt der Regisseur. Um seine Zukunft bei der ARD mache er sich keine Sorgen. Aus seiner jahrelangen Erfahrung mit den Redakteurinnen und Programmgestaltern könne er sagen, dass es allesamt kluge, integre Menschen seien, die in der Lage seien, ihren eigenen Kopf zu benutzen, keiner Meute zu folgen, und die Kunst gerade auch in der Kontroverse zu schätzen.
Schauspieler Volker Bruch - SNA, 1920, 04.05.2021
Wegen Nähe zu „Querdenken“: Aufregung um „Babylon Berlin“-Star Volker Bruch
Im Hinblick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen sagt Brüggemann, es müsse nun darum gehen, die Anliegen breiter Bevölkerungsschichten wieder in die bestehenden Parteien hineinzutragen. Man sollte nicht nur wählen gehen, sondern sich auch engagieren.

„Vielleicht führt Corona ja zu einer Repolitisierung des Einzelnen. Und das fände ich schön.“

Dietrich Brüggemann
Regisseur, Mitinitiator von #allesdichtmachen
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