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Darf man noch alles sagen? – Bei „Maybrit Illner“ ging es um Meinungsfreiheit in Corona-Zeiten

© REUTERS / FABIAN BIMMEREin Obdachloser vor dem gesperrten Theater in Hamburger Reeperbahn-Viertel
Ein Obdachloser vor dem gesperrten Theater in Hamburger Reeperbahn-Viertel - SNA, 1920, 30.04.2021
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Die Pandemie will nicht weg, bei TV-Talks immer wieder über Corona zu reden ist längst müßig. Deshalb wurde neulich bei „Maybrit Illner“ nicht über Corona diskutiert, sondern darüber, wie über Corona diskutiert werden soll beziehungsweise darf.
Der Ausgangspunkt des Gesprächs war die Aktion #allesdichtmachen: Etliche Künstler, darunter auch echte Stars, hatten Kurz-Videos gepostet, in denen sie die Corona-Regeln kritisch-ironisch durch den Kakao zogen. Das Echo im Netz war immens stark und äußerst gespalten.
„Freiheit, Solidarität, Widerspruch – Spaltet Corona das Land?“ lautete der Titel der „Maybrit Illner“-Talkshow am Donnerstagabend. Ganz bewusst wurden Studiogäste eingeladen, die diese Spaltung verbildlichen sollten – und zwar möglichst emotional und kontrovers, damit es wirklich eine Show ist.

„Es gibt eine Homogenisierung im Journalismus“

Zunächst musste allerdings Jan Josef Liefers, TV-Star und einer der Protagonisten der Aktion, mehr als zehn Minuten Rede und Antwort stehen (sitzend), wozu das Ganze gut war. Ziemlich bald wurde klar, dass der Schauspieler einen geschriebenen und gelernten Text fließender rüberbringen kann. Mitunter verlor er sogar den Faden, und die Moderatorin musste ihm unter die Arme greifen.
Langer Rede kurzer Sinn: Liefers habe die Corona-Berichterstattung in den „Mainstream“-Medien langsam zu stark gleichgeschaltet gefunden. „Es gibt eine Homogenisierung im Journalismus“, stellte er fest. Deshalb habe er sich denen angeschlossen, die die von der Regierung beschlossenen pauschalen Corona-Einschränkungen falsch fänden.
Gewisse Reflexe aus seiner DDR-Jugend dürften dabei auch eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls habe der Schauspieler diese nach eigenen Worten bei vielen Gesprächspartnern festgestellt, die ebenfalls von all den Restriktionen empört waren, im gleichen Atemzug aber flüsternd hinzufügten: „Aber das darf man jetzt ja nicht mehr sagen.“
Liefers‘ Kommentar dazu: „Klar darf man alles sagen – aber ungestraft nicht.“
Mit der „Strafe“ meinte er wohl den Shitstorm, den die Aktion geerntet hat. Verständnis habe er insofern für die Kolleginnen und Kollegen, die ihre Videos dann schnell wieder gelöscht haben:
„Man wird so unter Druck gesetzt, bis man nicht mehr zu dem steht, was man gesagt hat.“

Gibt es denn in der Pandemie-Zeit keine Meinungsfreiheit mehr?

Die Talkmasterin widersprach vehement: In ihren Sendungen, aber auch sonst, seien sehr wohl kritische Stimmen zur Geltung gekommen. Was natürlich nur die halbe Wahrheit ist: Die wirklich radikalen Kritiker, die sogenannten Querdenker, waren und sind für die Öffentlich-Rechtlichen in der Tat nicht salonfähig genug.
Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim war in die Sendung eingeladen worden, um #allesdichtmachen zu kritisieren. Das tat sie auch mit dem Hauptargument, die Aktion „bedient Narrative, die bei den Querdenkern ähnlich hallen“.
„Wir belohnen momentan medial diejenigen, die am lautesten schreien“, behauptete sie. Hauptsache, diese Schreie sollen empört klingen, weil die heutigen Medien davon leben: „Empörung gleich Klicks gleich Einnahmen.“
Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sah in Liefers und seinen Gesinnungsgenossen richtige Brandstifter:
„Diese aufgeheizte, emotionale Stimmung, die wir ja alle jetzt haben nach einem Jahr Corona-Pandemie, die war wie benzinhaltige Luft – und Sie machen da ein Streichholz an.“

„Ich habe ja nicht gesagt, wir stürmen jetzt den Reichstag“

Als Revoluzzer wollte der längst etablierte Star nicht abgestempelt werden: „Ich habe ja nicht gesagt, wir stürmen jetzt den Reichstag.“ Und: „Wir können doch nicht das, was wir sagen und wie wir darüber sprechen, definieren lassen von denen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen… Ich finde es schade, dass es diese falschen Reaktionen gibt.“ Aber: „Hätte es bei dieser Aktion nicht einen großen Knall gegeben, säße ich jetzt nicht hier.“
Ob Herr Liefers es wirklich allein schon als Showman genoss, bei diesem TV-Talk zu „sitzen“, sei dahingestellt. Jedenfalls musste er nahezu die gesamte zweite Hälfte der Sendung eben stumm herumsitzen. Dafür kam der zugeschaltete FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki, der am Anfang – für ihn sichtbar unerträglich lange – schweigen musste, endlich zu Wort und polemisierte heftig mit Tschentscher und Mai Thi Nguyen-Kim. Natürlich setzte er sich für Liefers und seine Kollegen, vor allem aber für die Grundrechte ein, die durch die „undifferenzierten“ Corona-Maßnahmen verletzt werden würden.

FDP in Überzahl

Überhaupt war die politisch eher kleine FDP-Fraktion an dem Donnerstagabend im ZDF in Überzahl: Der ebenfalls zugeschaltete Tübinger Bürgermeister Boris Palmer solidarisierte sich mit seinem älteren Partei-Kameraden Kubicki und mit Liefers. Mit dem Letzteren übrigens nicht ganz uneigennützig: Wie Maybrit Illner zwischendurch einwarf, finanzierte der Schauspieler das berühmte Öffnungs-Modell in Tübingen mit, das nach Palmers Überzeugung für die gesamte Bundesrepublik zukunftsweisend war und nur wegen der neuesten pauschalen Corona-Regelungen gestoppt werden musste.
Als „Widerstandskämpfer“ rühmte sich der Tübinger Bürgermeister selbst, ohne Bescheidenheit vorzutäuschen: „Ich mache die Erfahrungen, die Liefers jetzt macht, seit Jahren, aber ich wurde nicht stiller“, erklärte Palmer.
„Man wird so unter Druck gesetzt, damit man das nicht mehr sagt, was man will.“
Und, auf den Titel der Sendung zurückgreifend, postulierte der Liberale: „Was Liefers gemacht hat, war nicht spaltend, sondern Demokratie!“
Zusammenfassend: Die FDP konnte an dem Abend im Vorfeld der Wahlen ein paar Pluspunkte sammeln, der TV-Star konnte sich halbwegs als Andersdenker profilieren, ohne als Querdenker abgestempelt zu werden, und die Zuschauer durften in der Überzeugung zu Bett gehen, Deutschland sei weiterhin demokratisch.
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