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Intensivpfleger nimmt vor Spahn kein Blatt vor den Mund – und wird „als absoluter Held“ gefeiert

© REUTERS / Pool / John MacdougallMitarbeiter der Intensivstation Ricardo Lange in der Bundespressekonferenz, 29. April 2021
Mitarbeiter der Intensivstation Ricardo Lange in der Bundespressekonferenz, 29. April 2021 - SNA, 1920, 30.04.2021
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Ricardo Lange, Intensivpfleger in Berlin, durfte auf der Bundespressekonferenz am Donnerstag für Gesundheitsminister Jens Spahn schildern, wie schlimm die Lage auf den Intensivstationen wirklich ist. Mit seinem Auftritt ist er jedoch weit darüber hinausgegangen und hat an Spahn kein gutes Haar gelassen.
Nachdem Spahn sich öffentlich mit dem Schauspieler Jan Josef Liefers über die Aktion #allesdichtmachen gestritten hatte, meldete sich Lange selbst zu der Pressekonferenz des Robert Koch-Instituts (RKI) an – und wurde eingeladen. Sein Punkt: Die Lage auf den Intensivstationen müsse bei der Debatte, ob die Corona-Maßnahmen zu hart seien, auch berücksichtigt werden. Spahn stimmte zu. Die Intensivstationen seien „in vielen Städten zu voll“ und die Zahlen müssten deshalb runter.
Doch dabei ist es nicht geblieben. Lange nutzte seine Einladung und erzählte weiter über seinen Arbeitsalltag und wie die Kollegen seit einem Jahr an der Belastungsgrenze und darüber hinaus arbeiten würden. Über die Covid-19-Patienten, die noch wach und ansprechbar eingeliefert werden würden und die Nacht nicht überlebten. Und hier wurde es eng für Spahn. Denn wenn schon nicht für die pandemische, dann wenigstens für die organisatorische Situation sei der Gesundheitsminister mitverantwortlich.

Lange beklagt Personalmangel – Spahn wehrt sich

„Intensivstationen waren vor der Pandemie schon deutlich überlastet aufgrund von Personalmangel“, meinte Lange. „Betten gibt es mehr als genügend. Diese Debatte hätten wir vor fünf Jahren führen sollen, dann hätten wir heute eine entspannte Situation.“
Spahn wusste sich zu verteidigen. „Viele, viele Jahre“ sei es in der Pflege in die falsche Richtung gegangen, so Spahn. Weder in zwölf noch in 24 Monaten lasse sich das umkehren. Man habe in den letzten drei Jahren aber die Tariferhöhungen besser finanziert, die Ausbildung reformiert und Personal-Untergrenzen auf Stationen eingeführt, argumentierte Spahn.
Den Pflegebonus hat Lange nach eigenen Angaben nicht bekommen, weil er bei einer Zeitarbeitsfirma ist. „Ich bin raus aus der Bonusdebatte“, merkte Lange an, und dieser Bonus habe die Kollegenschaft ohnehin eher gespalten. „Erst wird man beklatscht und bejubelt.“ Dann habe niemand mehr hingeschaut, als im Sommer die Infektionszahlen sanken. Nichts habe sich geändert. Erst im Herbst, mit der zweiten Welle, sei wieder das fehlende Pflegepersonal aufgefallen. Dieser Bonus habe also seinen „Sinn nicht erfüllt“. Wichtiger als Boni wären ihm bessere Arbeitsbedingungen. Bisher fehle ein schlüssiges Konzept, um Überlastung zu verhindern und Pflegekräfte zu unterstützen.

Viele Patienten sterben alleine...

Nicht zuletzt sprach Lange auch die einsamen Tode der Patienten an. Es sei besonders hart mitanzusehen, wie Menschen sich von ihren Angehörigen verabschieden müssten, die sie ohnehin nur in den letzten Minuten sehen dürften.

„Wegen des Infektionsschutzgesetzes stehen die Angehörigen mit Maske und Kittel vor den Sterbenden. Das letzte, was diese Menschen noch sehen, wenn sie noch etwas sehen, sind Masken und Kittel.“

Ricardo Lange
Berliner Intensivpfleger
Ihnen dürfe dabei nicht einmal die Hand gehalten werden. Lange selbst könne den Leichnam nur noch in den schwarzen Plastiksack legen und den Reißverschluss zuziehen. Kein Waschen, kein Aufbahren in einem Abschiedsraum des Krankenhauses, kein Aussegnen, nichts.
Für seinen mutigen Auftritt findet Lange gerade im Netz breite Unterstützung. Einige Twitter-Nutzer weisen dabei auf die Kündigungen unter den überlasteten Intensivpflegern hin.
„Würde man Leuten wie Lange wirklich zuhören und danach handeln“, meint eine andere Nutzerin, „dann wären wir vielleicht gerade an einem anderen Punkt in der Pandemie.“
Für andere Nutzer ist Lange „ein absoluter Held“, ein Sprachrohr der Intensivpfleger, der die Fakten auf den Punkt bringe.
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