Ein ewiger Fall? Eine Chronik des Schweizer Systemsprengers „Carlos“

CC BY-SA 4.0 / Nofnof / Wikimedia Commons (cropped)Justizvollzugsanstalt Pöschwies (Archivbild)
Justizvollzugsanstalt Pöschwies (Archivbild) - SNA, 1920, 28.04.2021
„Fall Carlos“ – ein Skandal, der in den Schweizer Medien bereits seit Jahren behandelt wird. Der damals 15-jährige „Carlos“ hat 2011 einen jungen Mann mit einem Messer schwer verletzt.
Was er nicht wusste: Ein Jahrzehnt später würde er als berühmtester Systemsprenger des Landes bekannt sein. Für ihn wurden gesonderte Hafteinrichtungen gebaut, die er momentan nicht verlassen darf.
In den neuesten Entwicklungen des sogenannten „Fall Carlos“ hat das Bundesgericht entschieden, dass der 25-jährige „Carlos“ (Brian) seine Strafe weiterhin in Pöschwies absitzen muss. Zuvor habe er versucht, eine Beschwerde beim Bundesgericht einzureichen. Der junge Erwachsene muss demzufolge 23 Stunden am Tag eingeschlossen werden. Bei seinem täglichen Spaziergang treffe „Carlos“ ebenfalls keine Mithäftlinge. Gemäß dem Bundesgericht seien solche Auflagen momentan notwendig, denn von dem jungen Mann gehe eine Gefahr für andere aus.
In der Strafanstalt Pöschwies mussten personelle und konzeptionelle Anpassungen vorgenommen werden, um „Carlos´“ Sicherheitshaft vollziehen zu können. Sogar am Bau mussten Änderungen vorgenommen werden, wie die Verstärkung der Zellen und ein separater Hofzugang, schreibt das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Grund für diese strenge Sicherheitshaft, welche nach Angaben des SRF einem Arrest gleiche, sei die Vergangenheit des jungen Erwachsenen. Versuchte schwere Körperverletzung, mehrfache einfache Körperverletzung und weitere Straftaten waren Grund für die vier Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe, die Carlos nun absitzen muss.
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Die Geschichte von „Carlos“

Der junge Mann steht sinnbildlich für all diejenigen, welche wegen ihres Verhaltens nicht in das gesellschaftliche System der Schweiz eingegliedert werden können. „Carlos´“ Geschichte fing vor fast zehn Jahren an, doch war im September 2011 noch nicht klar, welches Ausmaß seine Taten für das gesamte Land haben und welche mediale Aufmerksamkeit seinen Fall verfolgen würde. „Carlos“, dessen Name in Wirklichkeit Brian ist, wird heutzutage immer wieder groß in den Schlagzeilen erwähnt. Die Geschichte von Brian ist die eines Vorzeige-Systemsprengers, die leider für mehr als nur einen Einzelfall steht.

Die Anfänge

IIm Jahr 2011 rammte Brian einem 18-jährigen jungen Mann in Schwamendingen (einer Ortschaft im Kanton Zürich) ein Messer in den Rücken. Er wurde daraufhin wegen schwerer Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung verurteilt. Schon davor hatte Brian immer wieder mal Konflikte mit der Justiz. Bereits als Zehnjähriger wurde er zum ersten Mal inhaftiert – als fälschlicherweise verdächtigter Brandstifter. Mit neun beging er seine erste Straftat und viele weitere folgten – von Sachbeschädigung über Drogenmissbrauch, Gewalttaten, Raub und schließlich Körperverletzung schien alles dabei zu sein.
Als er nach der Messerstecherei in Untersuchungshaft kam, versuchte Brian Suizid zu begehen. In der psychiatrischen Universitätsklinik wurde er anschließend von den Ärzten an Beinen und Armen fixiert. In dieser Zwangsfixierung verblieb er 13 Tage – so verbrachte Brian auch seinen 16. Geburtstag. Aufgrund dieser Umstände wird fast zehn Jahre später eine Anklage gegen die drei Ärzte von der Zürcher Staatsanwaltschaft eingereicht.

Aus „Carlos“ wird ein Skandal

Die mediale Aufmerksamkeit erhielt Brian jedoch erst zwei Jahre später. Im Jahr 2013 wurde in einer Dokumentation vom SRF der „Fall Carlos“ erstmalig aufgegriffen. Dabei wurde dieser anonymisiert gezeigt – falscher Name, weißes T-Shirt, verschwommenes Gesicht. Schon dort wird den Zuschauern bewusst gemacht, dass sich der dort genannte „Carlos“ nicht im Gefängnis aufhält, sondern in einem sogenannten Sondersetting – und das schon seit 13 Monaten.
Kurz nach der Ausstrahlung dieser Dokumentation greift erstmals ein Schweizer Medium den Vorfall auf. Dieses Medium war die Boulevardzeitung „Blick“. Bei „Blick“ steht der Fall Carlos nun groß in den Schlagzeilen, betitelt mit „Sozial-Wahn! – Zürcher Jugendanwalt zahlt Messerstecher (17) Privatlehrer, 4,5-Zimmer-Wohnung und Thaibox-Lehrer“. Dies greifen auch andere Zeitungen wie beispielsweise „20 Minuten“ oder „Schweiz am Sonntag“ auf. Bald schon ist der Begriff „Sozial-Wahn“ fest in der Schweizer Medienlandschaft etabliert. Das Sondersetting, in welchem sich der Junge befand, kostete monatlich 29.000 Franken (27.035 Euro) – laut dem Nachrichtenportal „Watson“ ist dies immer noch weniger als das, was Brian in einem Gefängnis oder einer Anstalt gekostet hätte.
Es folgt ein gewisser „Medienhype“, wie es das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (Fög) nennt. Denn auch seriösere Blätter seien auf einen gewissen „Skandalisierungszug“ aufgesprungen und machten aus dem Fall Carlos eine riesige Geschichte. Alleine 2000 Einträge finde man am Ende des Jahres 2019 in der Schweizer Mediendatenbank (smd) zum Suchbegriff „Fall Carlos“.

Die Wirkung des „Hypes“

Der Medienskandal bleibt jedoch nicht lange nur eine Geschichte – schon bald hinterlässt er auch Spuren im Leben von Brian. Er wird plötzlich aus seinem Sondersetting entlassen und in das sogenannte Maßnahmenzentrum in Uitikon (Kanton Zürich) eingeliefert. Dieses ist als Institution für junge, männliche Straftäter im Alter zwischen 16 und 25 verantwortlich; seine Aufgabe ist es, diesen zu einem selbstständigen Leben zu verhelfen. Doch auch aus diesem wird er nach einem halben Jahr wieder herausgenommen. Ein Gericht in Lausanne ordnet seine sofortige Freilassung an, da die Aufhebung der Maßnahmen unter Druck der Öffentlichkeit erfolgt sei.
Es beginnt ein immer wiederkehrendes Muster für den Jugendlichen. Immer wieder muss Brian in Untersuchungshaft oder ins Gefängnis. Laut „Watson“ war es für Brian „ein mit wenigen Unterbrüchen bis heute andauernder Irrweg durch Gefängnisse dieses Landes“. Dabei wurde der junge Erwachsene teilweise mit unmenschlichen Bedingungen konfrontiert– so beispielsweise im Gefängnis Pfäffikon.

„Carlos“ als Opfer: Klage gegen behandelnde Ärzte

Auch galt Brian schon als Opfer und nicht als Täter: Die Zürcher Staatsanwaltschaft habe die Ärzte laut SRF wegen Freiheitsberaubung angeklagt. Dabei nahm sie Bezug auf den Fakt, dass der Jugendliche 13 Tage an ein Bett zwangsfixiert wurde.
Schon Brians Schwester habe in der Vergangenheit aus genau diesen Gründen gegen die Ärzte wegen Freiheitsberaubung geklagt. Die Staatsanwaltschaft solle das Verfahren jedoch vier Jahre später eingestellt haben. Eine Beschwerde des Rechtsanwalts auf Anweisung des Obergerichts habe darauf verwiesen, dass eine Untersuchung gefehlt habe. Ein Gutachter stellte schließlich fest, so das SRF: „Einen Jugendlichen 13 Tage ans Bett zu fesseln, ist nicht angemessen.“
Bereits im August letzten Jahres sprach das Bezirksgericht Zürich die drei Ärzte vom Vorwurf der Freiheitsberaubung frei. Es habe in dem Moment kein milderes Mittel gegeben. Aufgrund seiner Suizidalität sei ein Isolationszimmer nicht in Frage gekommen, genauso hätten auch stärkere Medikamente keine Lösung bieten können. Der Freispruch sei ein schwacher Entscheid für die Staatsanwaltschaft, die mit einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten gerechnet habe. Das Urteil ist jedoch noch nicht komplett rechtskräftig, da dieses noch beim Obergericht angefochten werden kann.
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