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Infektionsschutzgesetz: Trotz „funktionierendem“ Öffnungsmodell muss Tübingen in den Lockdown

Tübingen (Archivbild) - SNA, 1920, 27.04.2021
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Das Tübinger Öffnungsmodell sorgte bundesweit für Aufsehen. Nun muss die Stadt wie ganz Deutschland in den Lockdown. Die Inzidenz im Landkreis ist zu hoch. Carsten Köhler von der Uniklinik Tübingen hat das Projekt wissenschaftlich begleitet. Die Schließungen „bereiten ihm Bauchschmerzen“, erklärt er im SNA-Interview.
Menschen in Tübingen konnten sich seit dem 16. März an mehreren Stationen kostenlos testen lassen – mit den Bescheinigungen der Ergebnisse, den Tagestickets, konnten sie dann in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen gehen. Nun fällt das Projekt der sogenannten Notbremse des Bundes zum Opfer – obwohl die Inzidenz in der Stadt unter 100 liegt. Aber die Inzidenz im Landkreis ist zu hoch. Carsten Köhler ist Direktor im Kompetenzzentrum und Leiter der Fokusgruppe „Globale Gesundheit“ am Universitätsklinikum Tübingen. Er hat das Modellprojekt wissenschaftlich begleitet und bedauert das Ende sehr.
Menschen warten vor einem Testzentrum in der Stadtmitte von Tübingen (Archivbild) - SNA, 1920, 21.04.2021
Jan Josef Liefers für Fortsetzung des Tübinger Corona-Modells – Appell an Bundesregierung
Herr Köhler, als wir vor circa einer Woche den Termin für dieses Interview ausgemacht haben, hätte ich nicht gedacht, dass wir jetzt über das Ende des Tübinger Modells reden werden, aber ab Montag herrscht auch bei Ihnen der Lockdown, per Infektionsschutzgesetz. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?
Das ist sehr bedauerlich und erfüllt mich ein wenig mit Schmerz. Ich hatte gehofft, dass es doch eine Ausnahmeklausel gibt, für solche innovativen Projekte, wie wir sie hier in Tübingen probieren. Dem ist jetzt nicht so. Wir sind nicht am Anfang einer Pandemie, wir sind schon seit über einem Jahr in dieser Pandemie, und da muss es neue Wege geben. Dass diese neuen Wege durch dieses abgeänderte Infektionsschutzgesetz wieder ausgebremst werden, ist eine Tragödie. Ich hoffe, dass es doch irgendwie anders möglich sein wird, schnell weiterzumachen.
Wenn Sie also nach den sechs Wochen ein Resümee ziehen: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Modellprojekt?
Das Wichtigste ganz kurz zusammengefasst: Es funktioniert! Wenigstens in den Wochen bisher. Wie es häufig so ist bei so neuen Dingen, gibt es ein Auf und Ab. Zwischendrin hatten wir das Problem, dass wir so bekannt geworden sind, dass alle Welt hier nach Tübingen gekommen ist, um dann hier in der Stadt zu flanieren, einkaufen zu gehen und die Gastronomie zu nutzen – das ging ja auch durch die Medien. Das war dann zu viel für unsere kleine, große Stadt. Das mussten wir wieder einschränken, sodass wir die Außengastronomie leider schließen mussten. Jetzt sagen uns die Einzelhändler: Wenn die Außengastronomie geschlossen ist, dann ist auch bei ihnen der Betrieb geringer. Dadurch, dass wir das geschlossen haben, haben wir aber die Infektionszahlen so gehalten, dass wir dieses Projekt ohne Probleme und verantwortungsvoll weiterlaufen lassen konnten. So konnten wir der Tübinger Bevölkerung in dieser Pandemie ein Stück Freiheit erhalten.
Im März haben Wissenschaftler im Cochrane-Review festgestellt, dass Antigentests bei Personen mit Symptomen besser geeignet waren, COVID-19 zu identifizieren, als bei symptomfreien Personen. Bei Personen mit Symptomen wurden im Durchschnitt 72 Prozent der Personen, die COVID-19 hatten, korrekt identifiziert. Bei Personen ohne Symptome identifizierten die Antigentests im Durchschnitt 58 Prozent der Infizierten richtig. Auf welche Zahlen sind Sie da gekommen?
Wir haben das hier wissenschaftlich ad hoc begleitet, und wir haben jetzt in den ersten Wochen unseren wissenschaftlichen Schwerpunkt erstmal auf die Positivitätsrate gelegt. Das heißt: Sind diejenigen, die im Schnelltest positiv getestet worden sind, wirklich positiv? Das war erst einmal unser Ziel. Da haben wir gesehen, dass das so hinkommt. Es wird ja häufig gefragt, ob dieses Öffnungsmodell ein Risiko für die Bevölkerung ist. Wir haben eher zu viele kurzfristig in Quarantäne geschickt als zu wenige. Das ist erst einmal für die Bevölkerung nicht schlimm. Wichtig wäre, zu sehen, ob von denen, die einen negativen Test erhalten haben, einige etwas sorgloser sind, und ob die wirklich negativ sind. Da starten wir jetzt die Untersuchung, um herauszufinden, wie das ist. Das müsste eigentlich relativ gering sein, weil das auch von der Vortestwahrscheinlichkeit abhängt. Das heißt, es kommt auch auf die Durchseuchung in der Bevölkerung an, wie die Tests dann anschlagen, und wie viele davon dann falsch negativ sind. Das wollen wir in den nächsten Wochen untersuchen. Dadurch, dass wir das in der Stadt nicht mehr machen können, werden wir an der Universität und anderen Stellen in Tübingen, wo weiterhin getestet wird, auch in der Stadt, weiterhin die entsprechenden Proben sammeln, um dann zu sehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist. Wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass diese Testung immer nur eine zusätzliche Sicherheit sein sollte. Alle Leute, die sich in Tübingen bewegt haben, sollten Maske tragen, auch draußen in der Stadt, Hygieneabstand einhalten, in den Geschäften sollte gelüftet werden und so weiter. Wenn man trotz negativen Tests womöglich doch leicht infiziert ist, aber alle anderen Regeln einhält, dann kann eigentlich auch niemand anderes angesteckt werden. Wenn jemand das als Anlass nimmt, die Maske gar nicht oder unter der Nase zu tragen, dann besteht natürlich eine Gefahr. Das darf nicht sein, aber da hat unsere Bevölkerung ganz gut mitgemacht.
Ja, wenn man die Zahlen anguckt: In der Stadt sind Sie bei einer Inzidenz um die 90, müssen aber schließen, weil die Inzidenz im Landkreis so hoch ist. Eine Möglichkeit, das getrennt zu zählen, gibt es nicht?
Es gab diese Woche noch einen Brandbrief an Frau Merkel, aber ich glaube, wenn das Bundesgesetz beschlossen ist, da kann auch die Kanzlerin keine Ausnahme mehr machen. Das ist natürlich auch die große Diskussion, die wir auch mit anderen haben. Herr Lauterbach kritisiert das hier zum Beispiel. Er geht aber immer davon aus, dass wir hier eine Welle brechen wollten. Wir wollten hier nicht die dritte Welle brechen, sondern wir wollen in der dritten Welle der Bevölkerung ein Stück mehr Normalität zurückgeben, weil wir schon seit über einem Jahr in der Pandemie sind. Aktuell dürfen nur noch die Einwohner der Stadt Tübingen hier einkaufen und das Angebot wahrnehmen. Und man sieht, dass die Infektionszahl nicht so deutlich steigt wie im Landkreis. Von daher ist davon auszugehen, dass unser Konzept schon funktioniert.
Tübingen hat 90.000 Einwohner. Wie viele Schnelltests haben Sie im Durchschnitt gemacht?
Das waren so um die dreißigtausend pro Woche.
Rechnen Sie auch bei Ihrem hohen Testaufgebot mit einer Dunkelziffer?
Je weniger getestet wird, desto höher ist die Dunkelziffer. Es wurde ja schon immer viel in Tübingen getestet, auch vor dem Projekt. Auch zu Weihnachten wurden zum Beispiel kostenlose Tests angeboten. Von daher würde ich sagen, die Dunkelziffer in Tübingen selbst ist schon immer gut ausgeleuchtet.
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat am Freitagmorgen gesagt: „Wir haben jetzt sechs Wochen offen, und unsere Zahlen sind besser als in der Notbremse. Eigentlich müsste man doch fragen: Warum machen es nicht alle wie wir?“ Kann man das so sehen?
Ich unterstütze ihn nicht bei allen Aussagen, aber in dieser Aussage würde ich ihn ganz klar unterstützen. Ich habe jetzt wirklich Bauchschmerzen. Ich kann natürlich auf der einen Seite verstehen, was der Gesetzgeber mit dieser Änderung des Infektionsschutzgesetzes erreichen will: überall einheitliche Regeln schaffen. Aber wie gesagt, wir sind seit einem Jahr in der Pandemie und es kann nicht immer nur sein: Zumachen oder Aufmachen. Wenn man aber die Intensivstationen und die Menschen schützen will, dann muss wirklich zugemacht werden. Also nicht nur in Schulen und beim Einkaufen – so wie es jetzt auch wieder nur hier ist –, sondern dann müssen die Boschs, Daimlers, Porsches, VWs und so weiter auch alle für drei oder vier Wochen zumachen, um die Inzidenz wieder herunterzubringen. Entweder wir machen komplett alles zu oder aber wir erlauben das wie im Tübinger Modell, und das müsste überall so sein. Das sind die beiden Möglichkeiten. Jetzt hat man wieder einen Zwischenweg genommen, der wird uns nicht groß weiterbringen. Es sei denn, wir bekommen die Impfrate jetzt so schnell so hoch, dass es dadurch eine Herdenimmunität gibt, und es kommt keine neue Variante, die diese Impfungen wieder umgeht.
Den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach haben Sie eben schon erwähnt, der wirft ja auch dem Tübinger Modell vor, ein „falsches Signal“ auszusenden. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?
Solche Aktionen wie das Tübinger Modell müssen natürlich gut pressetechnisch und öffentlichkeitswirksam begleitet werden, um den Leuten klar zu machen: Auch, wenn ihr negativ getestet seid, müsst ihr weiterhin die ganzen Regeln, die wir uns schon seit einem Jahr angewöhnt und antrainiert haben, einhalten. Die andere Signalwirkung ist ja: Wir verbieten alles. So, wie es jetzt wieder ist. Dann sagen die Leute sich aber irgendwann: Jetzt habe ich aber auch keine Lust mehr. Und fangen dann im privaten Bereich an, überhaupt keine Regeln mehr einzuhalten. Auch der Lockdown, den Herr Lauterbach fordert, kann ja eine Signalwirkung haben. Nämlich, dass die Leute irgendwann sagen, uns reicht es, und dann wird es noch schlimmer. Von daher ist unsere Signalwirkung, mit einer dementsprechenden kommunikativen Begleitung, eine bessere, als die Leute in den absoluten Frust zu treiben und dann unkontrolliertes Verhalten hervorzurufen.
Sie haben schon gesagt, Sie würden sich freuen, wenn das Tübinger Modell wiederaufgenommen werden könnte. Und darauf werden Sie auch weiter hinarbeiten?
Ja genau. Aber ich meine, Bundesgesetz ist Bundesgesetz, und wir müssen eben sehen, was da noch geht. Sonst müssen wir eben warten, bis die Inzidenzzahlen dann wieder heruntergehen. Sehr viele Wissenschaftler sagen ja auch, dass diese Ausrichtung an der Inzidenzzahl genau das Falsche ist, dass das ungenau ist und man Schließungen hervorruft, die womöglich gar nicht notwendig sind. Das muss weiter diskutiert werden. Das Gesetz läuft ja jetzt erstmal bis Ende Juni, aber wir müssen zu neuen Wegen kommen. Sonst wird es in diesem Jahr so weitergehen wie im vergangenen Jahr, und irgendwann ist dann auch Schluss. Wir leben in einer Demokratie, und da machen die Leute nicht mehr mit. Das Schlimmste, was uns passieren kann, wäre, dass die Bevölkerung sagt: Uns interessiert das nicht mehr, wir haben die Nase voll. Wir müssen einen Weg finden, dass die Bevölkerung dabeibleibt und dass sich alle impfen lassen. Wir müssen hoffen, dass es keine neue Mutation gibt, die die Impfungen unwirksam macht, und dass es dann besser wird. Das Virus wird nicht komplett weggehen. Deshalb müssen wir jetzt Konzepte entwickeln, wie wir damit leben können, und nicht sagen: Wir machen so lange weiter, bis die Inzidenz bei eins ist, und dann machen wir alles wieder auf. Und dann nach zwei, drei Monaten oder einem halben Jahr ist sie wieder oben, und dann müssen wir wieder schließen. Das ist kein Konzept für die Zukunft. Wir brauchen ein Konzept, das auch für die nächsten Jahre funktioniert.

Das komplette Interview mit Dr. Dr. Carsten Köhler zum Nachhören:

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