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Kapitalisten sind Blutsauger. Klare Botschaft des deutschen Wettbewerbers beim Moskauer Filmfestival

© Foto : faktura FilmBlutsauger (2021), Regie: Julian Radlmaier
Blutsauger (2021), Regie: Julian Radlmaier - SNA, 1920, 27.04.2021
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Die deutsch-russische Koproduktion „Blutsauger“ hat dieser Tage ihre Zuschauerpremiere bei den internationalen Filmfestspielen in Moskau gefeiert. Die von Anachronismen überfüllte Satire des Regisseurs Julian Radlmaier weist zudem einen eindeutigen Bezug auf die Gegenwart auf.
Unter den früheren Werken des geborenen Nürnbergers Radlmaier sind durchaus linksorientierte Titel zu finden. Seinem jüngsten Film “Blutsauger – Eine marxistische Vampirkomödie” gehen Manifeste “Ein Gespenst geht um in Europa” (2013), “Ein proletarisches Wintermärchen” (2014) und “Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes” (2017) voran, die etwa wie revolutionäre Opera Eisensteins oder radikale Kunst der 1960er klingen. Der Grund, warum sich ein Kerl aus dem äußerst bürgerlichen Bayern so dem Marxismus zuwendet, ist anscheinend auf sein Studium in zwei “linken Mekkas”, nämlich Berlin und Paris, zurückzuführen.
In seiner Filmografie befasst sich Julian Radlmaier allerdings wenig mit altmodischen Geboten, sondern reflektiert anhand linker Ideen über die aktuelle Problematik. Sein persönliches Verständnis für Marxismus ist weit von einer Ehrfurcht entfernt, wozu sich Radlmaier auch bei der Online-Pressekonferenz in Moskau äußerte. Laut ihm sei nicht immer Gutes im Namen des Marxismus getan worden, jedoch betreffe diese Lehre viele wichtige Fragen, die heute einfach vergessen bleiben.
CC BY-SA 3.0 / Manfred Werner / Tsui / Wikimedia CommonsRegisseur Julian Radlmaier und Schauspielerin Katja Weilandt beim Internationalen Filmfestival in Wien (Archivbild)
Regisseur Julian Radlmaier und Schauspielerin Katja Weilandt beim Internationalen Filmfestival in Wien (Archivbild) - SNA, 1920, 27.04.2021
Regisseur Julian Radlmaier und Schauspielerin Katja Weilandt beim Internationalen Filmfestival in Wien (Archivbild)
In einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Gegenwart steht auch der Film “Blutsauger”, der am Wettbewerb des diesjährigen Moskauer Filmfestivals teilnimmt. Gerade in der russischen Hauptstadt feiert die “Vampirkomödie” ihre tatsächliche Uraufführung in Anwesenheit von Publikum. Zuvor wurde dieser Film nur im März bei der Berlinale gezeigt, die diesmal ausschließlich im Online-Format stattfand. Deshalb ließ das Moskauer Filmfestival Radlmaier ausnahmsweise zum Hauptcontest zu, der in der Regel nur für Weltpremieren gedacht ist.

Weder eine einfache Postmoderne noch eine hemmungslose Agitation

Auf den ersten Blick wirkt der Film “Blutsauger” ziemlich merkwürdig. Obwohl sich die Handlung ungefähr in den 1920ern abspielt, tauchen in den Szenen Cola-Dosen, moderne Kleidungsstücke, Fahrzeuge und selbst ganze Settings regelmäßig auf. Diese offensichtlichen Züge eines postmodernistischen Stils weisen darauf hin, dass es beim Film vielmehr um Inhalte als um die Form geht. Einer detaillierten Inszenierung zog Radlmaier die formalistische Darstellung vor und setzte sich im Sujet stattdessen mit historischen sowie aktuellen Parallelen auseinander.
Im Mittelpunkt des Films “Blutsauger” steht ein abenteuerlicher Tölpel namens Ljowushka, vom Berliner Regisseur und Radlmaiers langjährigen Mitwirkenden Alexandre Koberidze gespielt, der in der Ostsee-Residenz der bezaubernden Reichen Octavia Flambo-Jansen (Lilith Stangenberg) auftaucht. Ein paar Szenen später entpuppt sich der russische Baron, für den sich Ljowushka zunächst ausgibt, als flüchtiger Proletarier und ehemaliger Schauspieler aus der Sowjetunion. Um weiter nach Hollywood umzusiedeln, braucht er einen eigenen Film für seine Bewerbungsmappe und eine Ausreisegenehmigung. Die bereits wahnsinnig in Ljowushka verliebte Octavia verspricht ihm, ungeachtet des rasanten Klassenunterschieds dabei zu helfen. Zusammen mit Octavias Diener Jakob und dem chinesischen Algensammler beginnen alle vier mit Dreharbeiten, während die luxuriöse Umgebung durch Vampirenattacken terrorisiert wird.
© Foto : faktura FilmBlutsauger (2021), Regie: Julian Radlmaier
Blutsauger (2021), Regie: Julian Radlmaier - SNA, 1920, 27.04.2021
Blutsauger (2021), Regie: Julian Radlmaier
Trotzdem soll die bizarre Mischung aus lustigen Gags, Cinephile-Zitaten und Marx-Proklamierungen den Zuschauer kaum täuschen können. Octavia und die anderen Kapitalisten im Film, die sich endlich als Blutsauger entlarven, veranschaulichen die berühmte linke Metapher über die ausbeutende Elite. Die Ausgebeuteten selbst werden als Geisel mit einem klaren Stockholm-Syndrom dargestellt. Proletarier und Kleinbürger, zu denen auch Ljowushka gehört, scheuen sich, wegen Liebe, Gier oder bloßer Angst gegen Kapitalisten aufzustehen. Sie sind leicht zu verführen, und viele von denen handeln ganz unbewusst zugunsten der Ausbeuter. Die Folgen davon können ganz zerstörerisch sein, was Radlmaier am Ende seines Films zeigt. Ein brutaler Pogrom gegen Kommunisten und Fremde, bei dem gerade Ljowushka als Drahtzieher auftritt, gilt aus deutliche Anspielung auf schreckliche Ereignisse in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Deutsche und russische Filmschaffende zusammen trotz schweren Zeiten

Die Produktion des echten Films, die teils in Russland stattfand, wurde durch die Widersprüche in den heutigen deutsch-russischen Beziehungen erschwert. Der russischen Co-Produzentin Julia Mishkinene zufolge musste das Team wegen bürokratischer Hürden auf Finanzmittel von einem Förderpreis verzichten. Die Hilfe kam trotzdem seitens der Filmkommission bei der Moskauer Regierung, die sich an der Organisation von Dreharbeiten in Moskau und Umgebung mitbeteiligte.
Mishkinene offenbarte, die Zeit in Russland sei allgemein von Enthusiasmus geprägt gewesen. So hätten zum Beispiel die Freunde der Filmschaffenden als Laiendarsteller mehrere Nebenrollen gespielt.
Zusammenfassend sagte der renommierte russische Filmkritiker und Vorsitzende der Auswahlkommission des Moskauer Filmfestivals, Andrej Plachow, der Film sei ein sehr gutes Zeichen der Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Russen trotz einer schweren politischen Lage. Bei der Videokonferenz mit Julian Radlmaier im Rahmen des Festivals schlug Plachow dem Regisseur vor, Moskau mit seinem nächsten Film zu besuchen. Inzwischen begann Radlmaier bereits damit, ein weiteres Drehbuch zu schreiben, und dies soll eine Geschichte gerade über Russland sein.
Eröffnungszeremonie des Internationalen Filmfestivals Moskau (Archivbild) - SNA
Plattform für neue Stimmen in Filmkunst mit einer einzigartigen Geschichte

Das Internationale Filmfestival Moskau wurde erstmals 1935 auf Initiative des damaligen Staatschefs der UdSSR Josef Stalin veranstaltet. Damit ist das Moskauer Filmfestival nur drei Jahre jünger als das älteste Filmfestival der Welt, nämlich die Filmfestspiele von Venedig. Zu sowjetischen Zeiten wurde das Festival als kommunistische Alternative zu großen westlichen Gipfeln positioniert, genoss trotzdem eine regelmäßige Präsenz von Stars wie Robert de Niro oder Sophia Loren. Heutzutage ist das Moskauer Filmfestival zu einer Plattform für talentierte und innovative Filmschaffende aus aller Welt geworden, die bei glamourösen Events in Europa gegenüber den Maîtres benachteiligt bleiben.

Seit 1972 ist die Veranstaltung beim Filmproduzentenverband FIAPF als internationales Filmfestival mit Wettbewerb akkreditiert und gehört damit zur Elitengruppe der sogenannten A-Festivals. Nach dem Zerfall der Sowjetunion übernahm die russische Regierung die Finanzierung und Organisation. Der berühmte russische Filmregisseur und Oscarpreisträger Nikita Michalkow ist der Festivalpräsident. Im Regelfall wurde das Festival jeden Sommer mit kurzer Unterbrechung in den 1990ern veranstaltet, doch 2018 wurde es ins Frühjahr vorverlegt.

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