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„Gewinn strategischer Tiefe“: Russland als heimlicher Sieger des Bergkarabach-Konflikts – Magazin

© SNA / David GalstyanRussische Friedensstifter in Bergkarabach (Archivfoto)
Russische Friedensstifter in Bergkarabach (Archivfoto) - SNA, 1920, 26.04.2021
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„Trotz der Niederlage des verbündeten Armeniens hat Russland geopolitisch an Einfluss im Südkaukasus gewonnen: Wie erklärt sich dieses Paradox?“ Diese Frage wirft das außenpolitische Fachjournal „WeltTrends“ in seiner aktuellen Ausgabe auf. Für das in Potsdam verlegte Heft analysiert ein in Moskau tätiger Politologe.
Beobachter „rechneten lange Zeit für den Fall eines Waffengangs um Bergkarabach mit einem Eingreifen Russlands auf Seiten der Armenier. Doch zu einer solchen Unterstützung seitens Russlands kam es im Zweiten Karabachkrieg nicht.“ So beginnt die Analyse über den jüngsten Bergkarabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan in der aktuellen Ausgabe des außenpolitischen Journals „WeltTrends“. SNA hatte am Sonntag ausführlich über das Politik-Magazin berichtet, das jeden Monat in Potsdam erscheint.
Russlands Präsident Wladimir Putin - SNA, 1920, 25.04.2021
Russland „wieder Weltmacht“ – Politik-Magazin warnt vor weiterer Aufrüstung im Westen
Politikwissenschaftler Leonardo Salvador, Projektkoordinator des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Moskau, analysiert in seinem Text geostrategische Hintergründe des Konflikts im Südkaukasus.
„Dass die geopolitischen Auswirkungen des Friedensschlusses (zwischen Jerewan und Baku, Anm. d. Red.) in einem größeren Gesamtzusammenhang gesehen werden müssen, verdeutlichten die Gespräche zwischen Wladimir Putin, Nikol Paschinjan (amtierender Ministerpräsident Armeniens) und Ilham Alijew (Präsident Aserbaidschans) am 12. Januar 2021“, schreibt der Autor.
Dann blickt er auf die Vorgeschichte der Region: Jahrzehntelang galt dort Russland sicherheitspolitisch als Schutzmacht der Armenier. „Die beiden Staaten sind dabei nicht nur im Rahmen der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) militärisch, sondern auch wirtschaftspolitisch verbündet, nachdem Armenien 2015 auf russische Initiative Mitglied in der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) geworden war.“
Kolonne mit aserbaidschanischen Militärs   - SNA, 1920, 15.03.2021
Aserbaidschan startet erste Militärübungen nach Eskalation in Bergkarabach
Weitaus bedeutender „dürfte jedoch die geopolitische Bedeutung Armeniens für Russland sein. Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor Moskau stark an strategischer Tiefe.“
Moskau nutze dabei „immer wieder das deutsche Lehnwort Форпо́ст (Vorposten)“. Tatsächlich bilde in Transkaukasien der 102. russische Militärstützpunkt in der Republik Armenien „einen geographisch vorteilhaft gelegenen und nach Süden vorgelagerten militärischen Vorposten“ für die Russische Föderation.
Die „selbstproklamierte, jedoch von niemandem anerkannte Republik „Arzach“ (vormals Republik Bergkarabach)“ stelle dabei nur eine „oberflächliche Tarnung“ für die armenische Kontrolle Karabachs dar, so der Politologe.
„Als im September 2020 der Zweite Karabachkrieg ausbrach, blieb die von vielen erwartete Unterstützung der Armenier seitens Russlands aus. Die Entscheidung Moskaus, weder direkt noch indirekt zu intervenieren, besiegelte das Schicksal der armenischen Kräfte.“ Der rohstoffreiche und hochgerüstete Gegner Armeniens – Aserbaidschan – habe sich mehr als 25 Jahre auf diesen Waffengang vorbereitet. „Modernste Waffensysteme russischer, türkischer und israelischer Herkunft standen bereit. Ohne moderne russische Flugabwehrsysteme hatten die armenischen Streitkräfte der aserbaidschanischen Offensive wenig entgegenzusetzen.“
Anhänger der armenischen Opposition versammeln sich vor dem Gebäude der Nationalversammlung in Jerewan  - SNA, 1920, 24.03.2021
Armeniens Parlament hebt Kriegszustand auf
Letztlich kam es auf Betreiben Moskaus zu einem Waffenstillstand. Damals standen aserbaidschanische Kampfverbände bereits kurz vor Stepanakert, der Hauptstadt Bergkarabachs. Armenien musste in der Folge einige seiner zuvor kontrollierten Gebiete in der Region an Baku abtreten. „Der aserbaidschanische Sieg wird häufig vor dem Hintergrund des türkisch-aserbaidschanischen Bündnisses gesehen. Nur wenige stellten sich dabei die Frage, ob eine bedingte Niederlage der Armenier nicht durchaus auch im Interesse des Kremls war.“
Die Gründe dafür sieht Autor Salvador in politischen Differenzen, die seit einiger Zeit zwischen Moskau und Jerewan herrschen würden. „Obwohl Russland als Schutzmacht Armeniens fungiert, hat Jerewan weder die Unabhängigkeitserklärungen Abchasiens noch Südossetiens anerkannt“, schreibt der in Moskau wirkende Politikwissenschaftler.
„Auch während der Krimkrise unterstützte Armenien den Prozess des Anschlusses der Halbinsel an Russland nur halbherzig.“ Offiziell erkenne die armenische Regierung die Krim bis heute nicht als russisches Hoheitsgebiet an.
„Wirklich kritisch wurde die Situation aus russischer Sicht erst 2018, als die geopolitische Orientierung Armeniens in Gefahr geriet. (...) Im Zuge der sogenannten Samtenen Revolution (...) gelangte mit Nikol Paschinjan ein Politiker an die Staatsspitze, der in seiner Zeit als Oppositioneller eine außenpolitische und wirtschaftliche Emanzipation von Russland gefordert hatte.“ Der Kreml glaubte nun einen Politikwandel in Armenien zu erkennen.
Nikol Paschinjan (Archivfoto) - SNA, 1920, 25.04.2021
Armeniens Regierungschef Paschinjan tritt zurück
Als der Krieg um Bergkarabach „ausbrach, sah sich Moskau vor die Wahl gestellt einen – aus russischer Sicht undankbaren – Verbündeten zu unterstützen, an dessen Staatsspitze ein Ministerpräsident steht, der probierte, sich aus der russischen Einflusssphäre zu lösen, oder bewusst dessen Niederlage in Kauf zu nehmen, wohl wissend, dass sich bei einem militärischen Debakel die innenpolitische Stimmung zuungunsten Paschinjans verschieben würde.“
Mit dem Einzug russischer Friedenstruppen bei gleichzeitigem Abzug der armenischen Truppen ging laut dem Politik-Experten und „WeltTrends“-Gastautor „die politische und militärische Kontrolle über das Gebiet Restkarabachs von Armenien an Russland über. Bergkarabach wird damit de facto zum russischen Protektorat.“
Moskau erhalte somit einen weiteren Militär-Stützpunkt in der Region und gewinne an „strategischer Tiefe gen Süden“. Zusammengefasst ergebe sich „ein beachtlicher geopolitischer Einflussgewinn Russlands“ in dem Gebiet, so das Fazit des Textes.
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