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Kipling als geopolitischer Klassiker – Gedanken zur Rede Präsident Putins zur Lage der Nation

© SNA / Sergej GunejewDer russische Präsident Wladimir Putin bei der jährliche Ansprache an die föderale Versammlung, 21. April 2021
Der russische Präsident Wladimir Putin bei der jährliche Ansprache an die föderale Versammlung, 21. April 2021 - SNA, 1920, 23.04.2021
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Auf Einladung der Redaktion verfasste unsere Gastautorin Karin Kneissl den nachfolgenden Beitrag, der sich mit internationaler Politik und tierischer Satire befasst.
Das Echo europäischer Redaktionen auf die Rede zur Lage der Nation des russischen Präsidenten Wladimir Putin am 21. April in der Duma lässt sich unter einem bekannten Buchtitel zusammenfassen: „Im Westen nichts Neues.“ Außenpolitische Themen griff Putin erst gegen Ende seiner Rede von fast anderthalb Stunden auf. Zuvor ging es um die Pandemie und um konkrete soziale Anliegen, für die in den letzten Monaten Rechtsgrundlagen in Russland gelegt wurden. Die Diagnosen der Kommentatoren von Berlin bis London und Paris gehen aber ausschließlich in die Richtung von „Drohungen, Vernebelungstaktik, Aggressivität“ et cetera.
Bei der Lektüre dieser Texte, die allesamt einen gleichklingenden Grundtenor enthalten, habe ich den leisen Eindruck, dass die Autoren entweder sich nicht die Zeit für die gesamte Rede nahmen oder aber ihre etwas kurz gegriffene Analyse bereits zuvor erledigt hatten.
Als ich mir die Rede anhörte und das englische Transkript las, musste ich bei der Erwähnung des englischen Schriftstellers Rudyard Kipling und dem Zitat aus dem Dschungelbuch innehalten, in dem es um das Gebell der Hyänen ging. Als jemand, der mit Tieren lebt und auch gerne tierische Vergleiche zieht, sprach mich diese Passage in der Rede besonders an. Dies umso mehr, als Putin den englischen Literaten nicht zum ersten Mal zitiert und auch in dieser Rede darauf verwies, dass Kipling ein großer Autor war. Gestatten Sie mir daher einen Gedankenreigen rund um Kipling und die Hyänen. Dies wird ein kleiner Ausflug in die britisch-russische Konfrontation im 19. Jahrhundert. Klassische Werke bringen es mit sich, dass sie losgelöst von ihrem historischen Entstehungszeitraum sehr lange nachwirken.

Kipling, Kim und das „Great Game“

Der englische Schriftsteller Rudyard Kipling (1865-1936) ist für Generationen von Lesern der Inbegriff für prächtige Erzählungen und geistreiche Fabeln. Sein Werk ist facettenreich und zeichnet sich durch feine Ironie und viel Menschenkenntnis aus. Am bekanntesten jenseits der Britischen Inseln ist sein „Dschungelbuch“, das dank wunderbarer Verfilmungen immer wieder Klein und Groß verzaubert. Tiergeschichten verfasste Kipling, der auch als erster Engländer den Literaturnobelpreis erhielt, viele. Ich erinnere mich an so manche Kipling Lektüre aus Schultagen. Geprägt von seiner Kindheit in der britischen Kronkolonie Indien kommt diese exotische Welt mit ihren faszinierenden Vierbeinern immer wieder vor.
Eine besondere Novelle trägt den Titel „Kim“ und schildert das Leben eines Waisenjungen, der in Indien aufwächst und zum Spion ausgebildet wird. Dieser Kim ist in vielen Welten zu Hause und verfügt über Talente, die ihn für den britischen Geheimdienst interessant machen. Kipling schreibt über das fiktive Leben dieses außergewöhnlichen jungen Mannes und seine Abenteuer ein Geschichtskapitel, das bis in unsere Zeit hineinreicht. Es geht um die britisch-russische Konfrontation in Zentralasien im 19. Jahrhundert. Den Begriff des „Great Game“ hatte der britische Offizier Arthur Conelly 1835 geprägt.
Am Anfang stand eine geographische Mission zur Vermessung der britisch kontrollierten Gebiete nördlich des indischen Subkontinents. Zeitgleich drang das zaristische Russland erfolgreich in Zentralasien vor. Russische und britische Hemisphären trafen immer deutlicher aufeinander. Als Kipling sein Buch „Kim“ 1901 veröffentlichte, wuchs die Konfrontation bereits heftig. Einige Jahre später publizierte der britische Geograph Halford Mackinder seine Thesen zu Eurasien, welche die Grundlage für die Entstehung der Geopolitik bildeten. Mackinder war gewissermaßen der erste Geopolitiker, bevor dieser Begriff überhaupt geläufig wurde. Dieser Geograph, ebenso wie der Schriftsteller Kipling, waren kluge Kritiker der Politik des Britischen Empire, dessen Fokus auf den Status als Seemacht ihnen wenig zukunftsträchtig erschien.
Die englischen Karikaturen jener Epoche zeigen immer wieder das Aufeinandertreffen des britischen Löwen, des russischen Bären und ihres kleinen Spielkameraden, der Perserkatze. Wie geistreich waren jene Zeichnungen, auf die ich mich oft in Vorträgen beziehe. Denn nebst diesen Dreien hat sich inzwischen auch ein chinesischer Drache auf das Spielfeld dieses oft zitierten „Great Game“ begeben. Der britische Löwe wurde zwischenzeitlich vom US-Seeadler überflogen, könnte aber im Rahmen seiner „Global Britain“ Doktrin wiederkommen.
Dass Präsident Putin die Bücher von Kipling schätzt, überrascht mich nicht. Denn die Lektüre dieser Klassiker bietet einen aufschlussreichen Einblick in Haltungen und Situationen, die bis heute auf der Weltkarte stets aufs Neue auftauchen.
Der russische Präsident Wladimir Putin bei der jährliche Ansprache an die föderale Versammlung, 21. April 2021 - SNA, 1920, 22.04.2021
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Tiere als Metaphern

Sein Verweis auf die Hyänen, die sich um den Tiger Shir Khan scharen und laut bellen, gilt all jenen Kleinen, die den USA Gefolgschaft leisten. Wer einmal Hyänen bei einem Wasserloch gehört hat, der glaubt sich einem Menschenrudel gegenüber. Ihre Geräusche erinnern an Menschenlachen, aber an dieses ganz besonders boshafte Lachen des Mobs. Der sagenumwobene Prinz Eugen von Savoyen, über dessen Leben ich ein Jugendbuch verfasste, das auch ins Russische übersetzt wurde, war übrigens von Hyänen fasziniert, da sie ihn fatal an bestimmte Zeitgenossen erinnerten.
Fürst Eugen wie auch Staatskanzler Metternich und der britische Premier Winston Churchill - wie Kipling Träger des Nobelpreises für Literatur - bedienten sich in ihren Briefen und Gesprächen oft und gerne tierischer Vergleiche. Der Wiener Kaiserhof war übervoll an Lemmingen und anderen Nagetieren. Churchill befasste sich in seinen letzten Lebensjahren vorzugsweise mit den Vierbeinern auf seinem Anwesen und widmete ihnen seine Gemälde.
Fabeln sind schlaue Geschichten über oft besonders kluge Tiere. Politische und gesellschaftliche Themen in Tierweisheiten verpackt zu erklären, ist eine literarische Kunst, die in viele antike Kulturen hineinreicht. Vom Griechen Aesop bis zum Franzosen La Fontaine reichen die Dichter, die Tiere zu den Protagonisten ihrer Erzählungen machten. Dabei ging es oft genug um politische Themen.

Kipling das nächste Opfer der Cancel Culture?

In unserer humorlosen Zeit wird aber der feine Witz, der auch einem Zitat Kipling zu eigen ist, schlicht nicht verstanden. Da regiert der Holzhammer der Analysten und Kommentatoren, die mit dem Dschungelbuch nicht mehr allzu viel anzufangen wissen.
Vielleicht ist es gerade in Großbritannien nur mehr eine Frage der Zeit, bis Kipling auch dem neuen Index der Identitätspolitik zum Opfer fällt. Denn Kritiker arbeiten sich seit Edward Said, der so manches der aktuellen Verbotskultur vorwegnahm, am Werk des englischen Literaten Kipling ab, der gut recherchierte Geschichten einfach schön erzählte. Aber wo ist in unserer Zeit noch die Sehnsucht nach dem Schönen? Diese bleibt mit dem Esprit und Humor auf der Strecke. Es sei mir gestattet, mit dieser Lesart einiger Passagen in der Rede von Präsident Putin eine kleine Bresche für ein wenig mehr geistreichen Zugang zur Politik und insbesondere zum internationalen Geschehen zu schlagen. Die Lektüre der Klassiker hilft, gerade in Zeiten der Pandemie. Wo die einen nur Hyänen oder Affen lesen, können andere Kollegen erblicken. Aber genau dafür bedarf es einer menschlichen Eigenschaft, die gar nicht mehr erwünscht scheint: die Phantasie.
Voici meine Ausführungen der etwas anderen Art zu einer Rede, die ich mit Interesse nachlas.
Der russische Präsident Wladimir Putin bei der jährliche Ansprache an die föderale Versammlung, 21. April 2021 - SNA, 1920, 21.04.2021
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