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Labor als Quelle für Sars-Cov-2-Ausbruch möglich? – Genetikerin und WHO-Chef

Maske (Symbolbild) - SNA, 1920, 18.04.2021
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Entstammt das Virus Sars-Cov-2 einem Labor in Wuhan? Das hat eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „extrem unwahrscheinlich“ befunden. Allerdings hat selbst WHO-Chef Tedros Ghebreyesus die Untersuchung als „nicht umfassend“ bezeichnet. Das sehen mehrere renommierte Wissenschaftler so und fordern gründlichere Nachforschungen.
Im Januar 2021 begann eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im chinesischen Wuhan eine Untersuchung zum Ursprung des Virus Sars-Cov-2. Mehr als ein Jahr zuvor war von Fällen einer „unbekannten Lungenerkrankungen“ in China berichtet worden. Kurze Zeit später erfolgte die Genomanalyse des neuen Coronavirus.
Zu dem Zeitpunkt gab es zwei Szenarien für dessen Herkunft, wobei eines von vielen Forschern klar bevorzugt wurde, allerdings ohne endgültigen Nachweis.

Szenario 1: Ein Tier als Quelle

Das bevorzugte Szenario ist das der sogenannten Zoonose, bei dem ein Erreger von einem Tier auf den Menschen überspringt. Das Virus stammt danach von einer Fledermaus, da es genetisch zu knapp 96 Prozent mit dem Fledermausvirus RaTG13 übereinstimmt. Dieses Virus wurde in Fledermäusen in der mehrere hundert Kilometer von Wuhan entfernten Provinz Yunnan nachgewiesen. Die übrigen vier Prozent betreffen insbesondere Veränderungen am Spike-Protein, die das neue Virus so ansteckend machen. Dem entsprechen am ehesten Coronaviren von dem Schuppentier Pangolin.
Was ist das Spike-Protein?

Das Coronavirus besteht grob aus RNA, einem Proteingerüst und einer Fettschicht, die das Virus nach außen abgrenzt. Die RNA ist das Erbgut des Virus, das die gesamte Information zu seinem Bau trägt, die Einheit aus RNA und Proteinen nennt sich wegen seiner oft kapselförmigen Form Nukleokapsid und die Fettschicht ist die Außenhülle des Virus. In dieser Außenhülle sind eine Reihe von Proteinen verankert (S-, M- und E-Protein). Dem Spike-Protein kommt dabei eine zentrale Rolle zu, denn mit diesem dockt das Virus an die menschliche Zelle an, genauer an sogenannte ACE-2-Rezeptoren an der Zelloberfläche. Daraufhin verschmilzt die Virushülle mit der Zellmembran und das Nukleokapsid gelangt ins Zellinnere, wo die Vermehrung der viralen RNA und der Bausteine des Virus, darunter auch des Spike-Proteins, abläuft. Das Spike-Protein (Englisch für Stachel) hat seinen Namen wegen seiner stachelähnlichen Form erhalten. Viele Impfstoffe konzentrieren sich darauf, Menschen gegen das Spike-Protein beziehungsweise den Abschnitt des Spike-Proteins, der für die Bindung zuständig ist, zu immunisieren.

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Ein Übertragungsszenario kann den Wissenschaftlern zufolge sein: Ein Fledermausvirus ist auf irgendeine Weise auf ein Pangolin übergegangen, wo es sich mit einem Pangolin-Coronavirus vermischt hat. In der Fachsprache wird das als Rekombination bezeichnet. Das Kreuzprodukt Sars-Cov-2 wurde laut der Theorie anschließend vom Schuppentier auf den Menschen übertragen. Das soll auf einem Markt in Wuhan geschehen sein, der von chinesischer Seite zunächst als Ursprungsort des neuen Virus angegeben wurde.
Andere Szenarien sind denkbar, aber sie alle zeichnen sich durch einen ähnlich hypothetischen Charakter aus. Bislang wurde der Zwischenwirt, der mit Sars-Cov-2 infiziert ist, nicht gefunden. Sobald ein mit dem Virus infiziertes Pangolin gefunden wird, wäre es ein starkes Indiz für die Zoonose-Hypothese.
Für die Hypothese spricht zwar, dass sowohl Fledermäuse als auch Pangoline gefunden wurden, die über Antikörper verfügen, die das Sars-Cov-2 neutralisieren. Das lässt aber Wissenschaftlern zufolge nicht darauf schließen, dass sie mit genau diesem Virus infiziert waren. Es könnte auch ein recht ähnlicher Verwandter aus der Familie der Coronaviren sein, der eine Kreuzimmunität bewirkt.
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Szenario 2: Ein Labor als Quelle

Das andere Szenario wird gern als „Verschwörungstheorie“ abgetan. Doch solange der Zwischenwirt mit dem Virus nicht gefunden wurde hat es ebenfalls seine Berechtigung. Es handelt sich um das Laborunfall-Szenario: Danach hat sich ein Mitarbeiter eines Labors bei Experimenten an Coronaviren mit Sars-Cov-2 angesteckt und den Erreger unbemerkt nach draußen getragen. Ein entsprechendes Hochsicherheitslabor befindet sich in Wuhan, ebenso ein Bio-Labor der dortigen Universität. An beiden wurde mit Sars-ähnlichen Coronaviren bereits seit Jahren experimentiert. Deshalb lässt sich ein solches Szenario nicht von der Hand weisen.
Zumal die chinesische Forscherin Zhengli-Li Zhi, die „Fledermausfrau“, bekanntermaßen in diversen Höhlen, darunter auch solchen in der Provinz Yunnan, Fledermauskot gesammelt hat. Dabei hat sie den Berichten nach das Fledermaus-Coronavirus RaTG13 aufgespürt. Die Proben wurden dann nach Wuhan transportiert und im Labor im Rahmen von Infektionsstudien untersucht. Diese dienten angeblich dem Zweck, zu verstehen, wie Viren auf den Menschen übertragen werden.
Nach dem Bekanntwerden der ersten Fälle von Covid-19, der Krankheit, die laut WHO von Sars-Cov-2 ausgelöst wird, hatte Zhi zunächst das Schlimmste befürchtet: dass das Virus tatsächlich aus dem Labor stammen könnte. Dann verschwand sie diversen Medienberichten zufolge für eine Weile von der Bildfläche, um später im chinesischen Staatsfernsehen zu bedauern, dass eine natürlich ausgebrochene Pandemie so politisiert werde. Sie versprach dabei, in ihrem Labor früher oder später das in Tieren auftretende Sars-Cov-2 nachzuweisen.
Zu der Zeit hatte unter anderem der damalige US-Präsident Donald Trump sich für die Hypothese stark gemacht, das Virus stamme aus dem Hochsicherheitslabor, und diese in den Zusammenhang des US-amerikanischen Anti-China-Kurses gestellt. Bei einer unvoreingenommenen Abwägung sollte aber jedes Szenario isoliert von denen betrachtet werden, die es vertreten – es ist eben keine Frage von politischen Ansichten und persönlichem Geschmack.
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Wahrscheinlichkeiten sind keine Gewissheit

Mit dem Ziel, in dieser Frage zu einem Ergebnis zu kommen, begann die WHO in China nach dem Ursprung des Virus zu suchen. In ihrem zusammenfassenden Bericht vom 30. März kommt die Organisation zu dem Ergebnis, das wahrscheinlichste Szenario sei die Übertragung über einen Zwischenwirt. Ein möglicher Laborunfall wurde als „extrem unwahrscheinlich“ bezeichnet.
Wer angesichts der Aufgabe der WHO die Worte „wahrscheinlich“ und „unwahrscheinlich“ in ihrer ursprünglichen Bedeutung versteht – nämlich nicht als Gewissheit –, wird schnell feststellen, dass damit die Frage nach dem Ursprung nicht gelöst war. So ist es nicht verwunderlich, dass der Bericht damit abschließt, dass eine weitere Zusammenarbeit mit China zum Ursprung von Sars-Cov-2 wünschenswert sei. Mit anderen Worten: Anhand der Vor-Ort-Untersuchungen wurden Wahrscheinlichkeiten beschrieben, wie sie eine Mehrheit in der Fachwelt zuvor schon vertreten hat. Der tatsächliche Ursprung ist aber nach wie vor unbekannt.
Nicht nur der Bericht der Expertengruppe lässt die Frage weiter offen. Selbst WHO-Chef Tedros Ghebreyesus betonte in seinen einleitenden Worten zu dem Bericht:

„Ich glaube nicht, dass die Bestandsaufnahme ausreichend umfangreich war. Weitere Daten und Studien sind nötig, um zu solideren Schlüssen zu kommen.“

Tedros Ghebreyesus
WHO-Chef
Eine Rolle bei dieser Wortwahl dürfte sicherlich der Umstand gespielt haben, dass die chinesische Seite sich geweigert haben soll, Rohdaten zu den frühesten Fällen in Wuhan zur Verfügung zu stellen. Ebenso beruhen die Schlüsse, die die Experten der WHO vor Ort gezogen haben, neben der Prüfung von Laborproben und Interviews mit frühen Corona-Patienten auch auf Auskünften chinesischer Wissenschaftler.

Genetikerin: Zoonose-Hypothese mit Lücken

Der WHO-Chef ist nicht der einzige, der die Laborthese nicht voreilig begraben will. Auch die Genetikerin Alina Chan vom Broad Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Harvard-University in den USA gab gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Slate“ den Zweifeln Rückenwind. Die Forscherin hatte bereits im Mai 2020 Sars-Cov-2 einem ausführlichen genetischen Vergleich mit Sars-Cov-1-1 unterzogen. Sie wunderte sich dabei besonders, dass das neue Virus sich nicht erst anpassen musste, um sich massiv unter Menschen zu verbreiten.
Das sei dagegen bei Sars-Cov-1 der Fall gewesen. Dieses hatte sich von Wirt zu Wirt verändert und war dabei ansteckender geworden. Bei Sars-Cov-2 konnte die Forscherin dagegen keine weniger ansteckenden Vorstufen finden. Es brachte eine hohe Ansteckungsrate bei den frühesten dokumentierten Fällen gleich mit.
Ein weiterer Punkt, den Chan betont, ist der zweifelhafte Ursprung vom Wuhaner Markt. Die chinesische Seuchenschutzbehörde hatte selbst diese Quelle infrage gestellt, da es Fälle gab, die nicht vom Markt herrührten.

„Es gab in Wuhan frühe Versionen des Virus, die nicht über den Markt aufgekommen zu sein scheinen.“

Alina Chan
Genetikerin
Einen alternativen Ursprungsort für den Beginn der Pandemie gab die chinesische Seite allerdings nicht an.
Aus diesen Gründen verlangt auch Chan eine „echte Untersuchung“, wobei sie betont, dass sie weiterhin das Zoonose-Szenario ebenfalls für plausibel hält. Für dieses Szenario müsste aber aus ihrer Sicht eine Lücke geschlossen werden: Wie das Virus aus hunderten Kilometer entfernten Höhlen nach Wuhan gekommen ist, um dort zur eigentlichen Pandemie zu führen. Dass verwandte Viren gezielt für Untersuchungen nach Wuhan gebracht wurden, ist in Fachpublikationen aus der Zeit vor der Pandemie dokumentiert.
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