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Gedanken zur Pandemie: Wiener Kulturblüte unter Metternich, Stillstand im Namen der Staatssicherheit

© Burgtheater Wien / Paul GasserBurgtheater Wien, Installation "Die Große Pause" von Daniel Hosenberg
Burgtheater Wien, Installation Die Große Pause von Daniel Hosenberg - SNA, 1920, 15.04.2021
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Der Staatskanzler der Habsburgermonarchie, Clemens Metternich, hat bis heute einen schlechten Ruf. Mit ihm werden Polizeistaat und Spitzelwesen verbunden. Doch ein zweiter Blick zeigt, um wie viel freier jene Zeit war, im Vergleich zur Gegenwart. Die heutigen Politiker in Metternichs Stab und europäisches Kulturerbe wäre wohl nie entstanden.
Geschichtsverloren ist unsere politische Kultur und damit auch verwundbar. Die Gesellschaft hat sich über die Jahrzehnte zu Tode amüsiert und entsprechend infantilisiert, Erwachsene sind selten geworden. Teenager im Geiste hingegen finden sich in allen Altersgruppen und in Führungspositionen, was das eigentlich Bedenkliche ist. Sie jubeln und sie schmollen, die Folgen ihrer Handlungen sind ihnen meist nicht klar. Dafür fehlt es an Reife. Diffuse Ängste und mangelnde Bildung tun das ihrige, damit Bevormundung und Verbotskultur um sich greifen. Aus Bürgern, die wählten und über Steuerleistung sich die Teilhabe an der Kontrolle der Macht sicherten, wurden binnen kurzem unmündige Untertanen bzw. verängstigte Kinder. Ob die Maske richtig sitzt, der Abstand stimmt und ein Blick auf die tägliche Information zu den neuesten Restriktionen - so beginnt man heute vielerorts in Europa den Tag.
Der nationale Hausarrest beherrscht den Alltag. In der täglichen Konfusion um Verbote kommt die Debatte zu den rechtlichen Grundlagen und gesellschaftlichen Folgen kaum vor. Das ist auch nachvollziehbar, denn die Menschen strampeln. Wer hat noch die Muße, dieses Dilemma zwischen Viren, Impfversagen und massiver Wirtschaftskrise nüchtern zu debattieren? Während die einen sich erheben, ihren kleinen Widerstand leisten oder auch laut protestieren, rufen andere Bevölkerungsgruppen wiederum nach mehr Lockdown. Sie befürworten ein chinesisches Modell der totalen Kontrolle und Zustellung von Lebensmitteln durch Soldaten. Es gibt keine empirischen Daten, aber ich tippe auf rund 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung in Österreich, die diesen totalitären Weg gutheißen. Zwischen die Fronten geraten dann die mageren Fakten über Krankheitsverlauf, Mutationen und Massenarbeitslosigkeit.

Das Verbot von Theater und Konzert

Dass die Kultur in einer Art und Weise weggesperrt ist, wie dies noch nie zuvor in einer Krise, ob Krieg oder Naturkatastrophe, der Fall war, scheint nur wenige zu empören. Kultur als Wirtschaftsfaktor, Musik als Teil der österreichischen Identität und Festspiele für die Außenpolitik – diese Themen prägten das nationale Selbstbild der Österreicher. Nun ist aber der Protest, dass alles zugesperrt ist, ja nicht einmal mehr Musikunterricht möglich ist, sehr kleinlaut. Konnten die Österreicher sich sonst wochenlang über Inszenierungen entrüsteten, so scheint die dramatische Lage der Künstler, die nicht zu den geförderten Staatskünstlern zählen, kaum zu interessieren.
Wien - SNA, 1920, 26.02.2021
Das nicht krisenfeste „goldene Wiener Herz“ – Gedanken zur Pandemie und der „Bassena“-Mentalität
In Wien trat vor drei Jahren der neue Direktor der einst wichtigsten Bühne im deutschen Sprachraum, dem Burgtheater, mit heftigen Attacken gegen die damalige Mitte-Rechts-Regierung auf und verkündete, die „Opposition im Lande“ zu sein. Seit einem Jahr ist das Theater geschlossen, seine Premieren zuvor waren derbe Bauchlandungen mit viel Lärm um Nichts. Nun schweigt dieser Direktor, wie all die „Kulturmanager“, um die Subventionen nicht zu verlieren, und über die inexistente Kulturpolitik eines grünen Kulturministers verliert kaum jemand ein kritisches Wort. Angefüttert geben sie wie dressierte Pudel Pfötchen, wenn sie im staatlichen Rundfunk auftreten dürfen und alles gutheißen, was da vor sich geht. Wie couragiert waren noch die Künstler der 1830er Jahre, und alle jene, welche die Zensur der Monarchie klug zu umgehen verstanden. Die wenigen Theaterprinzipale, die in Österreich schon lange vor der Pandemie ums wirtschaftliche Überleben kämpften und im Gegensatz zu den großen Bundesbühnen echtes und packendes Theater machten, werden vielleicht nicht mehr zurückkommen. Sie wurden ausgehungert. Vor 80 Jahren blieb wenigstens noch die Emigration für kritische Köpfe, aber heute? Die Pandemie macht das unmöglich.

Die Salonkultur ist heute auch verboten

Selbst auf dem Höhepunkt staatlicher Kontrolle von Kunst und Kultur im 19. Jahrhundert lebte das Theater, es wurde komponiert und musiziert. Die Menschen zogen sich in die Salons zurück. Das bürgerliche Biedermeier entstand, gemalt und gespielt wurde im kleinen überschaubaren Rahmen. Die Kammermusik entstand. Im Jahre 2021 ist es bei Strafe untersagt, wenn sich Personen aus mehr als zwei Haushalten einfinden. Ein Treffen mit mehr als vier Personen gilt als Veranstaltung und ist strafbar. Zugespitzt formuliert: Hätten ein Kanzler Sebastian Kurz und ein Gesundheitsminister Rudolf Anschober zur Zeit Metternichs gewirkt, dann gäbe es von Franz Schubert nur Streicher-Trios, aber weder Quartette noch Quintette.
Das Feindbild für Metternich war alles Nationale und Revolutionäre. Die deutschen Burschenschafter waren ihm ein Graus, wie die Geheimbünde in Italien, von dem er meinte, es sei „nur ein geographischer Begriff.“ Im öffentlichen Raum galten Versammlungsverbote, die sich nur unwesentlich von den heutigen Bestimmungen unterscheiden. Es fehlten damals Verfassungs- und Verwaltungsgerichte, welche rechtswidrige Normen aufhoben, wie dies nun in Österreich ständig der Fall ist, auch wenn die staatlich finanzierte Kommunikationsmaschinerie dazu schweigt. Die fragwürdige Rechtsqualität der Gesetzgebung ist eines. Was neben fehlendem Respekt für Verwaltung und Justiz durch die Regierung vielleicht noch schwerer wiegt, ist die tiefsitzende Menschenverachtung, die in all diesen Verordnungen durchschimmert. Wenn Kinder allein zum Zahnarzt müssen, da Begleitpersonen untersagt werden, andere Familienmitglieder die gemeinsame Wohnung wegen Quarantäne bei Strafe verlassen sollen, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Metternich kann man manches vorhalten, aber die weltfremde Normierungswut unserer Zeit hätte ihn erschreckt. Denn er war kein Misanthrop, sondern ein erklärter Menschenfreund.
Bundesfinanzminister Olaf Scholz (Archiv) - SNA, 1920, 02.04.2021
Bundesregierung plant 2,5 Milliarden für Corona-Kulturfonds – FDP kritisiert
Wenn der Humor endet, beginnt das Totalitäre. Humorlos waren Menschen, die andere Mores lehrten und ihnen mit dem Untergang drohten, immer schon: ob nun m Namen einer Religion, einer Doktrin oder alter und neuer Ideologien. Ein Metternich hingegen hatte Esprit und Witz. Er kannte die Natur des Menschen. Menschenkenntnis zählt seit jeher zu den wesentlichen Talenten eines Diplomaten und Staatsmannes. Und er mochte Menschen, wie er Frauen mochte. Er war im Geiste ein Mann des 18. Jahrhunderts, dessen Freizügigkeit ihm näher lag als die Sittenstrenge des nachfolgenden Jahrhunderts. Davon zeugen die Briefe an seine Geliebten, wie auch an seine Kinder, mit den er sich gerne befasste.
Was das Scheitern im Umgang mit der Pandemie in unserer Zeit bitter kennzeichnet, ist weniger die Überforderung oder die offensichtliche Inkompetenz. Es ist vielmehr diese bedenkliche Geisteshaltung der kompletten Bevormundung in Willkür und Verachtung für das Leben. Im Rückspiegel der Geschichte erscheint der Vormärz, wie die Ära Metternichs zwischen dem Wiener Kongress 1814/15 und der März-Revolution 1848 genannt wird, fast wie eine Zeit des kulturellen Aufbruchs, auch wenn politisch alles erstarrt war. Nun erleben wir aber eine Entmündigung und Kontrolle der Menschen im öffentlichen wie privaten Leben, die mehr als nur zu denken gibt.

Kleinstunternehmer statt Lohnempfänger

Ein Grund, dass die Menschen dies mit sich geschehen lassen, liegt in ihrer umfassenden wirtschaftlichen Abhängigkeit. Von rund acht Millionen Österreichern gilt nur die Hälfte als erwerbstätig, die andere Hälfte ist in Rente, Sozialempfänger oder in Ausbildung. Von den vier Millionen sind nun knapp eine Million arbeitslos gemeldet bzw. im per Ende Juni auslaufenden Kurzarbeitsmodell. Weitere 300.000 sind Einzelpersonen-Unternehmer, von denen auch viele auf die Insolvenz zusteuern. Also weitere 25 bis 30 Prozent könnten langfristig aufgrund von Arbeitslosigkeit, Konkurs etc. als Steuerzahler ausfallen. Das wesentliche Standbein Österreichs ist der Tourismus. 70 Prozent der Touristen sind Ausländer. Aber auch im Ausland hat die Pandemie schwere ökonomische Krisen verursacht bzw. wird dort ganz grundsätzlich über nachhaltigeren Tourismus debattiert, sodass vermutet werden kann, dass Tourismus in der Form ante Pandemie nicht mehr zurückkehren wird.
Besucher im Berliner Ensemble bei einer Test-Veranstaltung, 19. März 2021 - SNA, 1920, 29.03.2021
Kultur-Modellprojekte in Berlin gestoppt
Vor rund 200 Jahren war ein großer Teil der Bevölkerung zwar Untertanen, der Gerichtsbarkeit des Grundherrn ausgeliefert, aber sie waren wirtschaftlich teils selbstständig. Sie waren Landwirte unter schwierigen Bedingungen und im Kleingewerbe. Frauen waren damals oft Unternehmerinnen und nicht in Teilzeit wie Pflege und im Supermarkt. Die vielen Gewerbevereine jener Zeit geben noch ein beredtes Zeugnis jener wirtschaftlichen Umtriebigkeit ab. Wenngleich sie weder wählen konnten noch Aussicht auf sozialen Aufstieg in einer streng hierarchisierten Ordnung hatten, so verfügten die Menschen doch über einen Radius dank ihres Kleinunternehmertums. Sie hatten ihre Arbeitskraft noch nicht verdingt, die industrielle Revolution veränderte dann bald alles, denn die soziale und gesellschaftliche Explosion der Landflucht und der ausgebeuteten Industriearbeiter zeichnete sich ab.
Metternich hatte diese soziale Frage völlig unterschätzt. Er konnte zwar 1830 eine Juli-Revolution wie in Frankreich im Habsburgerreich noch abwenden, doch im März 1848 wurde er aus Wien nach London verjagt. Bismarck würde die soziale Frage später richtig erfassen und die Sozialversicherung einführen. Ob die Verwerfungen unserer Zeit noch in die Revolution führen, verneinen manche, denn es fehle am Personal hierfür. In einer überalterten europäischen Gesellschaft geht es anders zu als im arabischen Frühling von 2011. Doch die Wütenden weichen nun den Verzweifelten. Wut kommt und geht, Verzweiflung aber bleibt. Wenn dann nicht einmal mehr auf der Bühne ausgesprochen werden darf, was die Menschen bewegt, dann ist Feuer am Dach. Metternich ließ der Kunst ihre Freiheit. Und was die Politik anbelangte, meinte er: „Gegen den Liberalismus habe ich grundsätzlich nichts, aber ich weiß, dass ihm der Nationalismus auf dem Schritt folgt.“ Metternich sollte Recht behalten.
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