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„Schlag ins Gesicht des Personals“ – Ex-Klinikchef warnt vor Überlastung der Krankenhäuser

© REUTERS / FABRIZIO BENSCHMitarbeiterin der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses
Mitarbeiterin der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses - SNA, 1920, 14.04.2021
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In deutschen Kliniken herrscht laut Krankenhauszahlen eine historisch niedrige Bettenauslastung. Behandlungsfälle seien im Pandemie-Jahr 2020 deutlich gesunken. Droht etwa dem Gesundheitswesen gar keine Überlastung mitten in der „größten Gesundheitskrise“? Vor dieser Annahme warnt der Ex-Klinikchef Klaus Emmerich im SNA-Interview deutlich.
Zwei Gesundheitsökonomen an der Technischen Universität Berlin (TU Berlin), Reinhard Busse und Ulrike Nimptsch, haben die Daten des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (INEK) für den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2020 ausgewertet und diese mit den Daten des Vorjahres verglichen. In dem Fachmagazin „Ärzteblatt“ stellten sie die Ergebnisse ihrer Auswertung vor. Dabei sprechen sie von einer „historisch niedrigen Bettenauslastung“.
Demnach sei die Zahl der nach dem sogenannten Fallpauschalensystem (Diagnosis Related Groups, DRG) abgerechneten Behandlungsfälle um 13 Prozent von 19,2 auf 16,8 Millionen Fälle gesunken. Der Rückgang bei den kleineren (bis 299 Betten) und mittleren (300 bis 599 Betten) Krankenhäusern sei ausgeprägter gewesen als bei den größeren (ab 600 Betten), so die Forscher.
Während Kritiker der Corona-Maßnahmen dies als Evidenz dafür nehmen, dass keine Überlast des Gesundheitswesens droht, nimmt dies der Gesundheitsexperte Busse als Argument, um Kürzungen vor allem bei den kleinen, meist regionalen Kliniken vorzunehmen. Gegenüber dem Informationsportal „Nachdenkseiten“ sagte er:
„Wenn in der schwersten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten das wesentliche Problem der Krankenhauslandschaft durch den Leerstand von überflüssigen Betten und Häusern verursacht wird, dann sollte endlich klarwerden, dass eine echte Reform hin zu technisch und personell adäquat ausgestatteten Krankenhäusern überfällig ist.“
Busse fordert ausdrücklich den Umbau der Grundversorgungskliniken zu ambulanten Versorgungszentren. Ziel dabei sei eine höhere Qualität und Effektivität. Das machte der Wissenschaftler in einem Richtungspapier im Auftrag der „Barmer Ersatzkasse“, der „Robert Bosch Stiftung“ und der „Bertelsmann Stiftung“ deutlich.
Intensivpatient in Mühldorf - SNA, 1920, 23.03.2021
„Historisch niedrige Bettenauslastung“ im Corona-Jahr – Experten-Analyse

„Schlag ins Gesicht“

Sowohl die Annahmen der Corona-Kritiker als auch die von Busse sind aus Sicht des ehemaligen Klinikleiters Klaus Emmerich vom „Bündnis Klinikrettung“ fatal. „Das ist ein Schlag ins Gesicht des Personals“, empört sich Emmerich im SNA-Interview.

„Bei den Vorwürfen mangelnder Qualität sowie den Vorwürfen, wir (Kliniken) würden unsere Kapazitäten nicht ordnungsgemäß auslasten, fehlt es an der Wertschätzung gegenüber den Ärzten, Pflegekräften, Klinikleitern und Therapeuten, die eine immens schwierige Arbeit unter Einsatz von Gesundheit und im Einzelfall auch Leben und mit einer Behandlungsform durchgeführt haben, die man vorher nie kannte. Denen sagt man jetzt, wie könnt ihr bloß so wenig Patienten behandeln.“

Emmerich ist Mitinitiator der Kampagne „Bündnis Klinikrettung“. Den Recherchen der Initiative zufolge seien allein im Pandemie-Jahr 2020 mindestens 20 Krankenhäuser geschlossen worden. Vor einer derartigen Entwicklung warnt das Bündnis. Emmerich macht dafür u.a. die Bundesregierung sowie dessen Berater von der Expertenkommission des Bundesgesundheitsministeriums verantwortlich – zu der auch Busse gehört.
Emmerich wirft dem Gesundheitsökonomen vor, statistische Zahlen zu „posten“, ohne die Hintergründe zu erklären oder gar zu kennen. „Das erregt unredlicher Weise einen falschen Eindruck“, so der Ex-Klinikleiter.

Kliniken in der Pandemie

Als Vorbereitung auf die Pandemie seien viele Zweibettzimmer in Einbettzimmer umgewandelt worden, was bei der Analyse der Zahlen berücksichtigt werden müsse, bemerkt er.
„Als wir überschüttet wurden mit Corona-Patienten, da ging es plötzlich darum, dass die Krankenhäuser völlig neue Intensivstationen aus dem Boden stampfen mussten und ihre gesamte Ablauforganisation umändern mussten. Da wurden Aufwachräume zu Intensivstationen umfunktioniert. Da wurde überlegt, welcher Mitarbeiter ist überhaupt in der Lage, eine provisorische Intensivstation unter Anleitung zu betreuen, weil er keine Intensivpflege-Ausbildung gemacht hat“, erinnert sich der Ex-Klinikchef. Ganze Stationen seien geschlossen und zu reinen Isolierstationen mit Einbettzimmer-Betreuung in Doppelzimmern umgewandelt worden, um andere vor Ansteckung zu schützen. „All das beschreibt Prof. Dr. Busse nicht“, bemängelt Emmerich.
Er verwies zudem darauf, dass die Krankenhäuser im Jahr 2020 dazu verdonnert worden seien, Betten freizuhalten im Falle eines Anstiegs der Corona-Pandemie. „Das haben sie getan, und das macht man Ihnen jetzt zum Vorwurf. (…) Sie haben genau das getan, was der Staat und die Bevölkerung von ihnen erwartet hatten: sich auf die Corona-Behandlung zu konzentrieren.“
Als nächsten Punkt nennt der Ex-Klinikchef die Intensivbelastung bei der Behandlung von Corona-Kranken.
„Darauf kommt es an. Denn die meisten Covid-19-Patienten wurden zu Intensivpatienten und mussten beatmet werden. Sie waren schwererkrankt“.
Klaus Emmerich
Ehemaliger Klinikleiter
Zuletzt nennt er die rigiden Hygienebedingungen, die die Behandlung deutlich erschweren. Diese dauere länger als bei jedem anderen Patienten, weil Mitarbeiter vor der Ansteckung mit dem Erreger geschützt werden sollen. „Und was er überhaupt nicht beschreibt – da muss ich dem Herrn Prof. Dr. Busse einen riesen, riesen Vorwurf machen: Man kann diese Fragestellung nicht durch ökonomische Zahlen beantworten. Der war offensichtlich nicht in einem Krankenhaus und hat sich diese Abläufe nicht angeschaut“, beklagt der Ex-Klinikvorstand.
Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin-Reinickendorf, das wegen Ausbruchs von neuartigem Coronavirus unter Quarantäne gestellt wurde - SNA, 1920, 29.01.2021
Ministerium weiß nicht, wie viele Kliniken 2020 schließen mussten oder: „Die stellen sich dumm“

Krise des Gesundheitswesens

Die Krise sei der Bevölkerung teilweise noch gar nicht bewusst, erklärt Emmerich mit Blick auf Kritiker der Kontaktbeschränkungsmaßnahmen. Etliche Krankenhäuser hätten wegen einer Überlastung im Zusammenhang mit der Covid-19-Erkrankung schließen müssen, erläutert der Aktivist. Von den 47 Schwerpunkt- und Maximalversorgern in Bayern haben drei Kliniken einen Aufnahmestopp verhängen müssen. „Weil sie entweder überlastet waren, wie in Augsburg, und keine Betten mehr frei hatten. Oder sich die Mitarbeiter selbst in einem solchen Maße infiziert hatten, wie in Bayreuth, dass keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden konnten und alle Mitarbeiter in Quarantäne gegangen sind.“
Hier würden die kleinen und ländlichen Krankenhäuser, das auffangen, was die großen nicht mehr leisten könnten. So ist Emmerich davon überzeugt, dass Deutschland den Lockdown und die Ausgangsbeschränkungen in dieser Krise brauche, „sonst ballert uns das Gesundheitswesen um die Ohren“.
Auch sei die Entscheidung der Bundesregierung richtig gewesen, die Kliniken aufzufordern, Zimmer für Corona-Behandlungen zu reservieren, planbare Eingriffe zu verschieben, damit sich diese auf die Behandlung von Covid-19-Patienten konzentrieren. „Uns stehen dafür im schlimmsten Fall, wenn man jedes Krankenhaus in einer explosiven Pandemie-Phase weiterbehandeln will, nur die Hälfte der bundesdeutschen Krankenhausbetten zur Verfügung. Weil die meisten Kliniken über Zwei und über Dreibettzimmer verfügen“, so Emmerich.

Interview mit Klaus Emmerich zum Nachhören:

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