Ist die 120-jährige Geschichte des Moskauer Delikatessengeschäfts „Jelissejewskij“ beendet?

© SNA / Dmitrij KorobejnnikowMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Dezember 2003
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Dezember 2003 - SNA, 1920, 14.04.2021
Am 11. April hat das älteste Lebensmittelgeschäft in der Moskauer Altstadt, das im Winter sein 120-jähriges Bestehen feierte, geschlossen. Was war die Ursache und was wird an die Stelle des legendären „Jelissejewkij“ in der Twerskaja-Straße 14, einem Wahrzeichen und einer Visitenkarte von Moskau treten?
Das historische Feinkostgeschäft hat inzwischen viele Schulden angesammelt und kolossale Verluste erlitten. Lieferanten haben etwa 20 gerichtliche Klagen eingereicht. Das Moskauer Bürgermeisteramt hat erläutert, dass die Schließung des „Jelissejewkij“ aus den Geschäftsbeziehungen zwischen dem Mieter und Untermieter der Verkaufsflächen bzw. aus den Schwierigkeiten resultiert, von denen alle Einzelhändler des Luxussegments betroffen sind.
Die einzigartige Lebensmittelboutique, in die sich das Kaufhaus seit einigen Jahren verwandelt hat, wird von Marktforschern als ein verfehltes Geschäftsmodell bewertet, das infolge der Coronakrise sein Zielpublikum, die Touristen eingebüßt hat. Unternehmen, deren Netzwerke je eintausend Läden zählen, weisen eine bessere Wettbewerbsfähigkeit auf. Waren, die gemessen an der Qualität hinter den teuersten Artikeln nicht stark zurückstehen, können sie zu viel niedrigeren Preisen anbieten. Dagegen konnte ein solcher Großmarkt, der sich eher an Touristenströmen als an den realen Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte, nicht lange leben.
© SNA / Hans-Georg SchnaakMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ kurz vor der Schließung im April 2021
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ kurz vor der Schließung im April 2021 - SNA, 1920, 14.04.2021
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ kurz vor der Schließung im April 2021
Einzelhandelsexperten meinen allerdings, dass es sich beim „Jelissejewkij“ eher um ein Prestigeprojekt als um eine Gewinnmöglichkeit handelt. Auch wenn man sich gestattet, mit einem Geschäft dieser Art etwas in die roten Zahlen zu rutschen, wird es dem Besitzer doch einen guten Ruf verleihen. Letztendlich sind in Moskau nicht gerade viele historische Einrichtungen von der Art des „Jelissejewkij“, des Warenhauses GUM oder des Restaurants „Praga“ erhalten geblieben. Es fällt allerdings auf, dass das Angebot dieses Geschäfts größtenteils aus Importartikeln bestanden hat, die 2014 mit Sanktionen belegt wurden. Auch das plötzliche Wegfallen dieser Waren hat seinen Betrieb belastet.
Eine andere Ursache liegt darin, dass der Rubel-Dollar-Kurs und das gleichzeitige Verarmen des Moskauer Mittelstandes diese Delikatessen für viele unerschwinglich gemacht haben. Wenn die makroökonomische Lage im Lande sich verwickelt, suchen die Inhaber und Aktionäre, also diejenigen, von denen die Beschlussfassung abhängt, das Vermögen loszuwerden, das nicht zum Kerngeschäft gehört.
Außerdem liegen die Mietkosten wegen des historischen Standorts dieses Geschäfts ziemlich hoch. Bringt es keinen Profit, gleicht es einem Koffer ohne Griff: schwer zu tragen, aber zu schade, um ihn stehenzulassen. Schließlich scheinen die Besitzer zu der Einsicht gekommen zu sein, dass ein Geschäft, das seit Langem nichts mehr abwirft, entweder saniert oder gar aufgehoben gehört, damit es anders genutzt werden kann.
Bild Durch Blitz zerbrochene Eiche, Maksim Worobjew - SNA, 1920, 25.03.2021
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Geschichte des üppigen Lebensmittelgeschäftes

Das legendäre Lebensmittelgeschäft ist am 5. Februar 1901 von dem Kaufmann Grigori Jelissejew eröffnet worden. Es rückte sofort in den Blickpunkt des allgemeinen Interesses wegen der üppigen Innenausstattung, der exotischen Lebensmittel und auserlesenen Weine. Laut der Familienlegende war sein Großvater ein Leibeigener des Grafen Scheremetjew gewesen und arbeitete als Gärtner auf einem Landgut des Grafen. An einem Feiertag mitten im frostigen Winter brachte er seinem Herrn eine Schüssel Erdbeeren. Der Graf, nicht weniger als seine Gäste fasziniert, sagte zu ihm: „Fordere was du willst“. Der Gärtner bat um die Freilassungsurkunde.
© SNA / Hans-Georg SchnaakMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ - SNA, 1920, 14.04.2021
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“
In Petersburg kaufte er einen Sack Orangen und begann damit zu hausieren. Seine Unternehmung wuchs allmählich, und er konnte einen kleinen Laden eröffnen. Dann reiste er nach Europa und begann spanische und französische Weine zu liefern. Das Unternehmen gedieh, so kam es zur Eröffnung eines Kaufhauses zunächst am Newski Prospekt in Sankt-Petersburg und dann auch in Moskau, in einer Stadtvilla aus dem späten 18. Jahrhundert, die nachher mehrmals umgebaut wurde. Im Endeffekt wurde der Klassizismus vom Eklektizismus verdrängt. Der letzte von den Architekten liebte jeden Prunk und nutzte ausgiebig die Stuckkatur. Dadurch erhielt Jelissejew eine prächtige Kaufhalle.
Die feierliche Einweihung fand am 5. Februar 1901 mit Bittgottesdienst und Bankett statt, zu dem wohlhabende Gäste eingeladen wurden. Aber auch sie mussten beim Anblick der Kaufhalle staunen. Das „Jelissejewkij“ mutete dem damaligen Publikum wie ein Bacchus- und Schlemmertempel an wegen der riesengroßen Auswahl an Artikeln von höchster Qualität, beginnend mit den Abteilungen für Gewürze, Käse und Wein bis hin zu der berühmten Fleischabteilung. Jelissejew handelte nur mit hochwertigen Waren, sodass ein reicher Mensch, meist ein Adliger oder Kaufmann, sich darauf verlassen konnte, dass ihm hier keine abgelagerten oder verschimmelten Lebensmittel aufgebunden werden.

„Gastronom Nr. 1“

Nach der Revolution wurde das Geschäft verstaatlicht und funktionierte weiter als ein sowjetisches Kaufhaus. Bald wurde es in „Gastronom Nr. 1“ umbenannt, obwohl die Moskauer es gewohnheitsmäßig nach wie vor als „Jelissejewkij“ bezeichneten. Auch zu Sowjetzeiten bot es die beste Auswahl an Lebensmitteln in der Stadt an. Die Gliederung der Kaufhalle hat bis in unsere Tage hinein keinen wesentlichen Wandel erfahren, selbst nachdem man dort die Selbstbedienung eingeführt hatte, entsprach sonst alles der vorrevolutionären Ordnung. Nur dass Kassengeräte eingefürt wurden.
© SNA / Anatolij GaraninMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Anfang 1950er
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Anfang 1950er - SNA
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Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Anfang 1950er
© SNA / Wjatscheslaw BobkowMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, 1993
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, 1993 - SNA
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Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, 1993
© SNA / Dmitrij KorobejnnikowMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Dezember 2003
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Dezember 2003 - SNA
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Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Dezember 2003
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Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Anfang 1950er
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Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, 1993
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Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“, Dezember 2003
Während des Großen Vaterländischen Krieges wurde im „Jelissejewkij“ 1944 ein kommerzieller Handel eröffnet. Man konnte dort ohne Marken unterschiedliche Lebensmittel kaufen. Zu Sowjetzeiten wurde aus der Kaufhalle das Bildnis von Jelissejew entfernt. Erst in unseren Tagen wurde es wieder an seinem ursprünglichen Ort angebracht. Auch die üppigen Kristalllüster sind erhalten geblieben, wie übrigens die ganze Innenausstattung der Räume im Stil des Neobarocks. Selbstverständlich war das Warenangebot im „Jelissejewkij“ genauso wie in allen sowjetischen Läden: Ausländische Käse- und Weinsorten, die das Geschäft vor der Revolution berühmt gemacht hatten, entfielen. Sie wurden durch Erzeugnisse aus einheimischer Produktion ersetzt.
Selbst in den 1970er und 1980er Jahren, als der Warenmangel eintrat, war das Angebot im „Jelissejewkij“ stets besser und breiter als in anderen Läden. Hier konnte man jederzeit, wenngleich nach dem Schlangenstehen, drei bis vier Käse- und Wurstsorten kaufen. Auch die Auswahl in der Wein- und Fleischabteilung war sehr gut. Dabei wurden die Preise auf Standardniveau gehalten, wie in jedem anderen Moskauer Geschäft. Der Haken lag darin, ob ein Artikel erhältlich war oder eben nicht. Im „Gastronom Nr. 1“ fehlte nichts. Nach dem Zerfall der UdSSR erhielt das „Jelissejewkij“ seinen historischen Namen wieder. 2004 wurden seine Innenräume restauriert.

Wird ein Pflegevertrag abgeschlossen oder verliert Moskau dieses Wahrzeichen?

Die Moskauer Stadtregierung versicherte den Einwohnern der Stadt, dieses einmalige Objekt selbst betreiben zu wollen. Der Schlussstrich sei unter diesem Thema noch nicht gezogen, heißt es in einer Mitteilung des Pressedienstes des Stadteigentumsamtes. „Mit dem Besitzer oder Betreiber der Anlage soll ein Pflegevertrag abgeschlossen werden, der Verpflichtungen rund um die Erhaltung des architektonischen Denkmals und der Kulturerbestätte von föderaler Bedeutung enthält. Historisch wurde ein Teil dieses Objekts als Laden genutzt. Deshalb gehört zum Gegenstand des Schutzes insbesondere die historische kommerzielle Funktion der unteren Stockwerke. Alle Arbeiten sollen ausschließlich unter der Aufsicht des Kulturerbeamtes von Moskau erfolgen.“
© SNA / Pawel BednjakowMoskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ nach dessen Schließung, 12. April 2021
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ nach dessen Schließung, 12. April 2021 - SNA, 1920, 14.04.2021
Moskauer Delikatessengeschäft „Jelissejewskij“ nach dessen Schließung, 12. April 2021
Zum Zeitpunkt seiner Eröffnung war das „Jelissejewkij“ eine absolut exklusive Stätte. Täglich empfing es bis zu hundert Kunden. Dies rechtfertigte die Existenz des prächtigen Gebäudes und der Kaufhalle an dem teuersten und vornehmsten Ort der Altstadt. Deshalb darf es jetzt nicht zu einer Art McDonald’s herabgesetzt werden. Auch wäre es falsch, dort ein Kino oder ein Fünfsternehotel einzurichten. Viele meinen, Moskau sei an der Erhaltung dieser historischen Stätte interessiert. Was Jelissejew selbst angeht, so verbrachte er sein Leben nach der Revolution in der Emigration. Er lebte in auskömmlichen Verhältnissen bis zu seinem Tod in Paris und wurde auf dem Friedhof von Sainte-Geneviève-des-Bois begraben.
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