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Seifenoper „Maybrit Illner“: Vom „Leben in der Petrischale“ und drohendem Dauerlockdown

CC BY-SA 2.0 / www.metropolico.org / Wikimedia CommonsMaybrit Illner (Archivbild)
Maybrit Illner (Archivbild) - SNA, 1920, 09.04.2021
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Längst wirkt „Corona“ wie eine Open-End-Serie bei ARD- und ZDF-Talkshows. Die Rollenverteilung ist längst Routine: jemand aus der Politik, jemand aus der Medizin, hin und wieder jemand aus der Kulturbranche. Der Konflikt ist längst bekannt: Die einen sind für Lockdown, die anderen für Lockerungen. Corona-Talks – eine Neuauflage der „Lindenstraße“?
Der Vergleich mit der WDR-Seifenoper „Lindenstraße“, die rund 35 Jahre lang lief, ist gar nicht so weit hergeholt: Beim „Maybrit Illner“-Talk im ZDF am Donnerstagabend meinte die – aus den früheren Talkshow-„Folgen“ längst bekannte – Virologin Melanie Brinkmann: „Mit der Strategie, die wir gerade fahren, werden wir uns in einem Dauerlockdown für das ganze Jahr befinden.“ Dies würde dann für die Zuschauer auch mindestens zwei Jahre „Corona“-Talkshows bedeuten. Immerhin.

„Autos nicht an der Elbe parken!“

„Lockdown oder Lockern?“, hieß die jüngste „Maybrit Illner“-Sendung. Die Rollenverteilung war wie gesagt im Voraus bekannt. Der Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) spielte den „Lockerer“, weil er in seinem kleinen Bundesland angesichts der niedrigen Inzidenzzahlen und einer effektiven Schnelltest-Strategie unter anderem Fitness-Studios und Eis-Cafés hatte öffnen lassen. Sein Slogan:

„Wir sind nicht nur juristisch, sondern auch als Politiker verpflichtet, mildere Mittel zu suchen!“

Zugleich beteuerte Hans seine absolute Loyalität:

„Wenn eine Überlastung droht, wird sofort die Notbremse gezogen. Wir fahren nicht über Rot!“

Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) vertrat die „Skeptiker“, die sich für einen Lockdown einsetzen. Er spielte dementsprechend Hans‘ Konterpart. Und als Mensch aus der Hafenstadt illustrierte er seinen Gedanken mit einer malerischen Metapher:

„Die Wissenschaft hat uns eine Sturmflutwarnung geschickt. Da können wir nicht sagen: Och, ein bisschen windig ist es schon, aber der Wasserstand ist noch normal (...). Man muss die Schotten zumachen und den Leuten sagen: Parkt eure Autos nicht mehr an der Elbe, jetzt kommt das Wasser!“

Dass die Öffnungsexperimente mitten in der Pandemie zum Scheitern verurteilt seien, zeigt laut Tschentscher unter anderem die Erfahrung in Tübingen. Dort durften die Menschen mit frischem negativem Schnelltest im Stadtkern eine Zeit lang frei flanieren, Schuhe anprobieren und sogar draußen ein Bierchen trinken: Wegen steigender Inzidenzzahlen war dann abrupt Schluss mit lustig.
In den Seifenopern sind es meist betagte Figuren, die Weisheit und Besonnenheit verkörpern. Tschentscher, mit 55 der älteste in der Diskussionsrunde, bleibt dieser Rolle treu. Sein Lieblingswort an dem Abend war „Ruhe“:

„Wir brauchen in dieser Phase noch einmal dringend, dass alles zur Ruhe gebracht wird (…). Wir haben das ruhigste Osterwochenende seit Jahrzehnten erlebt. Und die Polizei berichtet, dass man auch weniger Verstöße im privaten Raum mitbekommt. Wenn man nicht mehr in Gruppen unterwegs sein kann, wird das alles zur Ruhe gebracht.“

„Ich finde den Meinungsfindungsprozess von Frau Merkel sehr schwierig“

Der zugeschaltete DJ Paul van Dyk, Produzent und seit kurzem auch FDP-Mitglied, ist zwar mit knapp 50 auch nicht mehr der Jüngste, für Tschentschers Einstellung zeigte er aber wenig Verständnis: „Ich finde es befremdlich, wenn der Erste Bürgermeister von Hamburg abfeiert, dass das Osterfest besonders ruhig war.“
Als frischgebackener Liberaler mit Parteibuch zeigte van Dyk gleich sein politisches Profil als Oppositioneller: „Ich finde den Meinungsfindungsprozess von Frau Merkel sehr schwierig. Wir wissen doch gar nicht: Was schlägt sie uns am Samstag vor, was dann am Montag beschlossen werden soll?“
Natürlich konnte van Dyk am Donnerstagabend nicht wissen, dass die ursprünglich für den kommenden Montag vorgesehene Bund-Länder-Konferenz am Freitagmorgen abgesagt wird. Diese Tatsache bestätigte aber für ihn sicherlich seine Erkenntnis, dass der Meinungsfindungsprozess von Frau Merkel in der Tat als schwierig einzuschätzen ist.
Wenig Verständnis bekundete der Musikproduzent auch für Merkels Parteichef Armin Laschet mit dessen „Brücken-Lockdown“:

„Ein Lockdown nach dem anderen bringt uns nicht weiter! Jetzt heißt es plötzlich: Brücken-Lockdown. Was soll das bedeuten? Kommt dann ein zweites Schloss an den bereits geschlossenen Laden?“

In der Tat: Was gibt es noch zu schließen, was noch nicht geschlossen ist? Wenn es beim „Brücken-Lockdown“ um nächtliche Ausgangssperren gehen soll – dazu hat van Dyk auch seine Meinung: „Für wen soll das eigentlich gelten? Zwischen 22 und 5 Uhr sind die meisten sowieso zuhause, weil alles zu ist.“
Der DJ krönte seinen Auftritt bei „Maybrit Illner“ mit einem Satz, den er sicherlich im Vorfeld der Sendung formuliert hatte – wahrscheinlich als er erfuhr, dass die Virologin Melanie Brinkmann, eine Apologetin der No-Covid-Idee, beim TV-Talk dabei sein wird:

„Ich bin gegen No-Covid, weil unser Leben nicht in der Petrischale stattfindet."

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„Dann hilft das Bremsen nicht mehr“

Der Hieb saß – die Kamera fing Brinkmanns leichte Schmerzgrimasse ein, mit der sie auf diesen Satz reagierte. Als Studiogast hatte sie aber – im Unterschied zum zugeschalteten van Dyk – genug Gelegenheit, ihrem Verdruss Luft zu machen:
„Wir haben klar appelliert im Januar, dass diese neue Variante kommen wird, dass sie das Virus, was davor kursiert hat, verdrängen wird, und dass sie Eigenschaften hat, die uns die Bekämpfung der Pandemie noch mal richtig schwermachen wird“, äußerte sie fast verzweifelt. „Und das wurde nicht gehört. Das muss man ja einfach mal so klar sagen.“
Ihr trauriges Fazit: Die nun endlich anrollende Impf- und Schnelltest-Kampagne „wird diese dritte Welle nicht mehr aufhalten können“. Und: „Eigentlich ist es schon zu spät.“
Es gab bei „Maybrit Illner“ noch einen Teilnehmer, der die meiste Zeit geschwiegen hat und nur zweimal aus Darmstadt kurz zugeschaltet wurde: Cihan Çelik, Oberarzt für Pneumologie, der täglich Covid-Intensivpatienten betreut und selbst eine Covid-Erkrankung überstanden hatte.Er sollte aber an dieser Stelle schon wegen einer einprägsamen Metapher erwähnt werden.
„Ich warne ausdrücklich davor, die Krankenhausbelegungen, die Überlastung und die Intensivstationen als Maßstab dafür zu nehmen, wie schwierig unsere Situation ist … Wenn es schon so weit gekommen ist, dann ist der Karren schon definitiv gegen die Wand gefahren, und dann hilft das Bremsen auch nicht mehr.“
Im SNA-News-Kommentar zum vorangegangenen „Maybrit Illner“-Talk wurde die Sendung wegen der zahlreichen poetischen Einfälle so mancher Teilnehmer mit einem Poetry-Slam verglichen. Die jüngste „Folge“ der Talkshow bot ebenfalls ein paar poetische Perlen – welche aber auch eine gestandene Seifenoper hin und wieder schmücken dürfen.
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