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„Früher war die Krim eine Katastrophe“ – zu Besuch auf der Schwarzmeer-Halbinsel

© AFP 2021 / OLGA MALTSEVAKrim (Archivbild)
Krim (Archivbild) - SNA, 1920, 09.04.2021
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Während der ukrainische Präsident Wladimir Selenski ein „Kriegsdekret“ zur Rückholung der Krim unterzeichnet hat, bereitet sich die Halbinsel gelassen auf die nächste Tourismus-Saison vor. Gerade zurückgekehrt aus dem Paradies am Schwarzen Meer ist die Deutsche Franziska Lindner, die SNA im Video-Interview vom Leben auf der Krim erzählt.
Frau Lindner, was haben Sie auf der Krim gemacht? Das ist ja nun nicht das erste Reiseziel, das einem Westeuropäer einfällt, erst recht in Coronazeiten.
Ich war schon mehrfach auf der Krim. Seit zwei Jahren reise ich regelmäßig dorthin. Diesmal war es Covid-bedingt etwas schwieriger, aber ich habe letztendlich ein Visum bekommen, da ich mit einem Russen verheiratet bin, der dort lebt. Ich habe also meinen Mann besucht.
In Nicht-Pandemiezeiten ist es also nicht schwer, ein Visum zu bekommen?
Normalerweise reicht ein normales Touristenvisum für Russland oder auch ein Geschäftsvisum, je nach Bedarf.
Aber die Einreise in die Ukraine dürfte für Sie jetzt schwieriger sein?
Vermutlich.
Auf der Krim jedoch könnte zum Beispiel auch ich jetzt mit einem Visum für Russland ganz normal Urlaub machen?
Genau. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass es da Direktflüge von Westeuropa gab. Das gibt es jetzt nicht mehr, da die Ukraine das verhindert. So muss man den Umweg über Moskau oder Sankt Petersburg nehmen und von dort direkt nach Simferopol fliegen.
Oder man nimmt den Landweg über die neue Brücke von Kertsch.
Wenn man Zeit hat und einen schönen „Roadtrip“ machen möchte, kann man natürlich auch von Russland mit dem Auto oder dem Zug anreisen.
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Wie ist Ihr Eindruck vom Leben und vom Lebensstandard auf der Krim?
Der Lebensstandard ist natürlich geringer als bei uns, aber es grassiert jetzt keine Armut. Es gibt auf der Krim auch noch einmal einen Unterschied zwischen dem eher landwirtschaftlichen Norden, der jetzt auch noch Probleme mit Wasserknappheit hat, und den Schwarzmeerstädten an der Küste. So gesehen gibt es auch auf der Krim alles: gutbetuchte und ärmere Leute. Man kommt auf jeden Fall mit einem durchschnittlichen Einkommen aus. Hilfreich ist, dass den meisten Leuten ihre Wohnungen gehören, noch aus Sowjetzeiten.
Wie ist denn das Leben jetzt in den bekannten touristischen Städten, in Jalta, in Sewastopol?
Erst einmal natürlich schön, weil es auch eine wunderschöne Landschaft ist – gerade Jalta mit den fast 2000 Meter hohen Bergen auf der einen und dem Meer auf der anderen Seite. Sewastopol hat seinen besonderen Charme auch durch die Schwarzmeerflotte.
Jalta ist sehr touristisch. Im Sommer ist es sehr voll. Da ist es regelrecht anstrengend, durch die Innenstadt zu laufen. Sie haben jetzt einen neuen Stadtstrand gebaut, aber es ist trotzdem noch überall voll.
Im Winter ist es deutlich entspannter und die Mieten sind günstiger. Das Wetter ist trotzdem meistens nicht schlecht, obwohl es dieses Jahr ziemlich kalt war.
Es gibt auch den Trend, dass Leute, die im Home Office arbeiten können, aus Moskau beispielsweise, im Winter auf der Krim sind und dort arbeiten.
Aber die Touristen kommen schon zu 90 Prozent aus Russland?
Das würde ich auch so sagen, ja. Ein paar Ukrainer kommen auch. Leute aus den Volksrepubliken Donezk und Lugansk kommen. Ein paar Nummernschilder aus Belarus habe ich auch gesehen.
Im Westen ist die Krim ja noch verpönt. Denken Sie, man könnte hinfahren und dort Urlaub machen?
Ja, auf jeden Fall. Man muss es halt privat organisieren. Früher gab es in Deutschland Reiseagenturen, die das regelmäßig angeboten haben.
Meinen Sie trotzdem, dass die Halbinsel eine Zukunft hat, auch touristisch?
Klar, es ist einer DER Tourismus-Spots in Russland. Was westlichen Tourismus betrifft – das weiß ich nicht.
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Sind die Menschen auf der Krim immer noch zufrieden mit dem Anschluss an Russland oder ist Frust zu spüren, weil es ihnen so schwer gemacht wird vom Westen und der Ukraine?
Ich habe noch nie eine Meinung gehört, dass jemand frustriert ist. Allerdings ist das natürlich nicht repräsentativ, ich spreche ja nicht mit jedem. Alle, die ich gesprochen habe, sind zufrieden mit dem Status der Krim als russisches Gebiet. Klar hatten sie gehofft, dass es noch schneller vorangeht. Wobei schon viel geschafft wurde: riesige Infrastrukturprojekte wie die Brücke von Kertsch oder auch Straßenbau-Projekte.
Der Flughafen wurde auch massiv ausgebaut und verschönert. Der ist jetzt wirklich modern und schön, und die Kapazität hat sich mehr als verdoppelt. Man kann von dort viele Ziele anfliegen, allerdings nur in Russland wegen der internationalen Situation.
Das war ein Vorwurf der Menschen auf der Krim, dass sie von der Zentralregierung in Kiew jahrzehntelang vernachlässigt wurden.
Ja, die Leute sagen, früher war die Krim eine Katastrophe.
Probleme soll es jetzt jedoch mit der Strom- und Wasserversorgung geben, da diese von Kiew sabotiert wird. Wie dramatisch ist das für die Halbinsel?
Mit der Stromversorgung gibt es keine Probleme mehr. Das war nur im Herbst 2015 dramatisch, unmittelbar nachdem die Versorgung von der Ukraine gekappt worden war. Dann wurde die Krim an das russische Energienetz angeschlossen. Das konnte also relativ schnell behoben werden, obwohl die Wochen bis dahin natürlich schrecklich waren für die Bevölkerung. Die Menschen dort verbinden nun mit Kerzenschein nicht mehr in erster Linie Romantik.
Wasser ist jedoch ein richtiges Problem. Der Nord-Krim-Kanal, der aus dem Dnepr (größter Fluss der Ukraine, Anm. d. Red.) gespeist wurde, hat ungefähr 85 Prozent des Wasserbedarfes der Krim abgedeckt – also Leitungswasser, aber auch Wasser für Industrie und Landwirtschaft. Das fehlt nun. Auch die Bauindustrie boomt auf der Krim und braucht natürlich viel Wasser.
Die Argumentation der Ukraine war, dass die natürlichen Vorkommen an Trinkwasser auf der Krim ausreichend seien und sie die Wasserversorgung praktisch nur für den militärisch-industriellen Komplex Russlands abschneiden. Vor allem im Norden gibt es aber kaum Alternativen, da es da kaum Flüsse gibt. Im Süden gibt es wenigstens ein paar Gebirgsflüsse. Aber im Norden sind Landwirtschaft und Fischfang regelrecht eingegangen, um 90 Prozent. Für die Bevölkerung vor Ort ist das dramatisch.
Wie wird versucht, das Problem zu lösen?
Man versucht, aus den Gebirgsflüssen Reservoirs anzulegen. Brunnen werden gebohrt und eine Wasserentsalzungsanlage ist geplant, aber das ist sehr teuer. Eine weitere Idee ist, aus dem Kuban, einer fruchtbaren Gegend auf der anderen Seite der Kertsch-Brücke, einen Kanal oder eine Leitung herüberzubauen auf die Krim.
Es gibt auch ein großes Wasser-Reservoir in der Nähe von Simferopol, an dem ich gerade auf meinem Rückweg vorbeigefahren bin, und das sah schon fast leer aus. Da hat man im Moment nur morgens und abends jeweils ein paar Stunden Wasser. Das ist schon dramatisch.
Wie will man denn auf hohem Niveau Tourismus anbieten ohne Wasser?
Die Sparmaßnahmen jetzt dienen eben dazu, Wasser anzusammeln für den Sommer. Im Süden, wo vor allem der Tourismus ist, geht es auch meist noch, durch die Gebirgsflüsse.
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Wie ist man denn jetzt auf der Krim auf die Ukraine zu sprechen?
Ich habe das bisher kaum direkt gefragt, weil ich irgendwie auch finde, dass mir das nicht zusteht. Aber eben bei solchen Aktionen, wie dem Kappen des Wassers oder damals des Stroms, sind die Menschen größtenteils schon der Meinung, dass die Ukraine sie im Stich lässt. Während Kiew immer behauptet, das sind unsere ukrainischen Bürger, die da leben. Warum behandelt man sie dann so?
Abgesehen davon sind die meisten auf der Krim Russen, russischstämmig.
Haben die Leute auf der Krim auch noch ukrainische Pässe?
Ja, das gibt es auch noch. Ist auch kein Problem. Man sieht auch hin und wieder noch ukrainische Autokennzeichen.
Hier bei uns herrscht ein recht verzerrtes Bild von der Krim. Kam Ihnen jemand dort unterdrückt vor, hatten Menschen Angst, ihre Meinung zu sagen?
Überhaupt nicht. Gerade auf der Krim fühlen sich die Menschen sehr frei, habe ich den Eindruck.
Werden die Krimtataren grausam unterdrückt, wie man hier gern berichtet?
Kann ich nicht sagen, habe ich nicht mitbekommen. Ich weiß nur, dass in der Nähe von Simferopol gerade eine riesige Moschee gebaut wird. Für mich ist das eher ein Zeichen, dass die Tataren auf der Krim ihre Religion auch offen ausleben können.
Ich musste Sie ein wenig drängen zu diesem Interview. Wie ist das denn hier, erzählen Sie jedem, dass die auf der Krim waren?
Ich erzähle es nicht jedem und wenn, dann gibt es Unterschiede, wie das aufgenommen wird. Wenn ich beispielsweise mit älteren Ostdeutschen rede, freuen die sich. Viele waren selbst früher auf der Krim, schon im Pionierlager oder später als Touristen. Die fragen dann ganz interessiert, wie sich die Krim entwickelt hat.
Andere, beispielsweise jüngere westdeutsche Menschen kennen die Krim gar nicht richtig. Die wissen auch gar nicht, dass das eine wunderschöne mediterrane Insel ist. Wenn sie Russland hören, denken sie „oll“ und „kalt“.
Könnten Sie sich vorstellen, dort zu leben?
Ja, ich könnte mir sehr gut vorstellen, dort zu leben. Natürlich müsste ich dafür meine sprachlichen Fähigkeiten aufpolieren und dann auch eine berufliche Perspektive haben. Die Insel hat auf jeden Fall etwas Beruhigendes, man kann das Meer und die Berge genießen.
Sie sind ja auch journalistisch tätig. Wäre das nicht auch ein Ansporn, für ein deutsches Publikum objektiv über die Krim zu berichten?
Das wäre tatsächlich mein Traum. Das würde ich sehr gern machen. Dafür gibt es, glaube ich, auch ein Interesse. Und eine Notwendigkeit.
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