Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Russische Firmenübernahme in Deutschland – Wirtschaftskrimi mit geopolitischer Note?

© SNA / Ilya NajmuschinAluminium-Barren vom russischen Unternehmen Rusal
Aluminium-Barren vom russischen Unternehmen Rusal - SNA, 1920, 08.04.2021
Abonnieren
Alles schien unter Dach und Fach, als Mitte Februar gemeldet wurde, dass der weltweit führende russische Aluminiumproduzent Rusal die deutsche Aluminium-Gruppe Rheinfelden in Baden-Württemberg übernimmt. Doch inzwischen entwickelt sich die „Causa Rheinfelden“ zu einem Wirtschaftskrimi mit geopolitischer Note.
Rusal ist ein weltweit führendes Unternehmen in der Aluminiumindustrie, das Metall mit einem geringen Kohlenstoff-Fußabdruck produziert. Rheinfelden wiederum ist ein innovatives deutsches Traditionsunternehmen mit rund 70 angemeldeten Patenten, das sich vor allem als Zulieferer der Autoindustrie einen Namen gemacht hat. Durch die Coronakrise geriet das mittelständische Unternehmen allerdings ins Strudeln. Ein Insolvenzverfahren wurde eröffnet, im Laufe dessen Rusal als solides Weltunternehmen den Zuschlag für den Kauf bekam. Ein Win-Win, mit dem beide Seiten zufrieden schienen. Mitte Februar verkündete die als Insolvenzverwalter eingesetzte Kanzlei „Schultze & Braun“ stolz den Kauf von „Alu Rheinfelden“ durch Rusal. Die Verträge wurden unterschrieben.

Goliath kauft David

Rusal ist der zweitgrößte Aluminiumproduzent der Welt mit einem Jahresumsatz von rund zehn Milliarden Euro. Auf Shoppingtour sind die Russen schon lange und verfügen aktuell über 43 Fabriken auf allen Kontinenten. Gründer der Firma ist der russische Oligarch Oleg Deripaska. Aufgrund seiner angeblichen Staatsnähe, also allein wegen des Fakts, dass seine Unternehmen in Russland oft Staatsaufträge in diversen Industriebereichen ausführen, wurde Deripaska 2018 von den USA auf eine Sanktionsliste gesetzt. Um seine Firma Rusal vor Sanktionen zu schützen, stieg Deripaska als Haupteigentümer des Unternehmens aus und verringerte seinen Firmen-Anteil auf gut 45 Prozent.
Das 1898 in der Nähe von Lörrach, im Drei-Länder-Eck Österreich-Deutschland-Schweiz, gegründete Unternehmen Alu Rheinfelden kommt dagegen nur auf etwa 110 Millionen Euro Umsatz im Jahr. In dieser Größenordnung dürfte sich auch in etwa die Investitionssumme bewegen, die Rusal bereit ist, in den deutschen Betrieb zu stecken. Was die Rheinfelder so attraktiv macht, sind neben den deutschen Zulieferverträgen, ihr Know-How, ihre Patente – bei Aluminiumlegierungen für die Autoindustrie sind die Baden-Württemberger Weltmarktführer.
Rusal würde auch das Grundstück in Rheinfelden erwerben – was für einen langfristigen Erhalt des Standorts spricht, und auch die 250 Arbeitsplätze vor Ort sollen bleiben. Selbst die bereits ausgesprochenen 40 Kündigungen werden zurückgenommen, verspricht Rusal.

Schmutzkampagne der „Bild“

Während sich fast ein halbes Jahr niemand für Rheinfelden interessierte, wurde es nun, nachdem bekannt wurde, dass „die Russen“ den deutschen Betrieb kaufen, geradezu hektisch hinter den Kulissen. Auslöser dafür waren zwei Berichte der „Bild“ am 19. und 28. März unter den Überschriften „Deutsche Patente für Putins Panzer?“ und „Moskau greift in Deutschland nach Firmen und Rüstungstechnik!“. In den Artikeln wird spekuliert, dass Rusal von Rheinfelden erworbene Techniken und Patente für Aufträge aus der russischen Rüstungsindustrie nutzen könnte, beispielsweise, um Panzer mit Aluminiumteilen leichter zu gestalten.
Rechtsanwalt Detlef Specovius von „Schultze & Braun“ teilt diese Bedenken nicht. Der „Tagesschau“ sagte er:

„Wenn RUSAL nur die Patente hätte erwerben wollen oder nur Interesse an den Patenten gehabt hätte, dann hätten sie zum Beispiel nicht das Grundstück, auf dem wir uns hier befinden, mit erworben, sondern hätten dann versucht, lediglich die Unternehmung zu kaufen, die die Patente hat, oder nur die Patente zu kaufen. Das haben sie aber nicht gemacht.“

Wer steckt hinter „Euro-Atlantic“?

Plötzlich tauchte nun wie aus dem Nichts ein zweiter Kaufinteressent auf. Eine Investorengruppe reichte plötzlich einen neuen Insolvenzplan für Alu Rheinfelden ein. Publik gemacht wurde das Kaufinteresse der Investorengruppe „Euro-Atlantic“ auf einer Pressekonferenz Ende März durch den früheren Infineon-Chef Ulrich Schumacher und Erika Zender, Tochter des 2019 verstorbenen Alu-Rheinfelden-Eigentümers Alois Franke. Über weitere Investoren, die so schnell bereit sind, bis zu 100 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, wird Stillschweigen gewahrt. So schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, dass Schumacher auch auf wiederholte Nachfrage nicht die Frage beantworten wollte, wer hinter „Euro-Atlantic“ steht. Auf der Internetseite der Firma wird als Chairman und Gründer Arnulf Damerau geführt. Er arbeitete unter anderem beim Rüstungsunternehmen „Raytheon“. Auch der frühere BND-Chef August Hanning und der einstige Kohl-Berater und deutsche Nato-Botschafter Joachim Bitterlich sind als Berater der Investorengruppe aufgeführt.
Rusal gibt sich kämpferisch. Gegenüber der „Welt“ sagte der Manager Martinet:

„Andere Bieter spielen für uns keine Rolle. Wir hatten schon 2017 mit Alois Franke eine Übernahme vereinbart, die im Juni 2018 eigentlich auch abgeschlossen worden wäre. Der Grund, dass es nicht dazu kam, waren die 2018 verhängten US-Sanktionen gegen Oleg Deripaska und seine Unternehmen, gegen Rusal, die 2019 aufgehoben wurden.“

Martinet, der für den Chefposten bei Alu Rheinfelden im Gespräch ist, versicherte gegenüber der „Welt“, dass er nichts wisse von Patenten in Rheinfelden, „die für die Rüstungsindustrie von Nutzen wären“. Aller Erfinderschutz und jede Technik bezögen „sich auf den Automobilbau und ein paar technische Märkte drum herum“. Eben dies sei der Grund für die angestrebte Übernahme: „Rusal sieht im Automobilgeschäft den größten Wachstumsmarkt für Aluminium“, sagt Martinet. „Ein hochtechnisierter Mittelständler in Europa auf diesem Gebiet hat uns aber gefehlt. Rheinfelden war die Firma, die am besten passt: mit einem großen Namen und Legierungen, die in der Autoindustrie weltweit bekannt sind.“
Die Verträge zum Kauf von Alu Rheinfelden durch Rusal wurden bereits im Februar unterschrieben – einzig mit dem Vorbehalt der noch ausstehenden Zustimmung durch das Bundeswirtschaftsministerium. Am Donnerstag läuft die übliche Acht-Wochen-Frist ab. Wenn bis dahin kein Einspruch aus dem Ministerium von Peter Altmaier kommt, ist der Kauf rechtskräftig.
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала