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Virologe Drosten rät zu „Holzhammer-Lockdown“: Situation sehr ernst und kompliziert

© AP Photo / Fabrizio BenschVirologe Christian Drosten
Virologe Christian Drosten - SNA, 1920, 31.03.2021
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Die Infektionszahlen steigen wieder. Für den Virologen Drosten ist nun der Holzhammer nötig. Modellversuche in kleineren Städten mit Schnelltests und Biergartenbesuch könnten motivieren. Wichtig sei aber eine wissenschaftliche Begleitung.
Angesichts der steigenden Corona-Zahlen mahnt der Berliner Virologe Christian Drosten schärfere Maßnahmen an.

„Ich glaube, es wird nicht ohne einen neuen Lockdown gehen, um diese Dynamik, die sich jetzt ohne jeden Zweifel eingestellt hat, noch einmal zu verzögern“

Prof. Christian Drosten
Virologe, Direktor des Institutes für Virologie der Charité Berlin
Die Situation sei leider „sehr ernst und sehr kompliziert“, sagte der Charité-Wissenschaftler am Dienstag im Podcast „Coronavirus-Update“ (bei NDR-Info). Deutschland habe viel verpasst an Gelegenheiten, die Werkzeuge zu optimieren.

„Ich habe das Gefühl, dass wir eigentlich im Moment immer noch die gleichen Werkzeuge benutzen müssen, die wir schon in der ersten Welle benutzt haben.“

Prof. Christian Drosten
Virologe, Direktor des Institutes für Virologie der Charité Berlin
Es bleibe nur noch der Holzhammer, der Lockdown.
Es ist klar, es müssen die Kontakte reduziert werden.“ Dazu zählten der Privatbereich, der Erziehungs- und Bildungsbereich sowie die Arbeitsstätten. „Da gibt es viele wissenschaftliche Beiträge, die jetzt auch auf Deutschland bezogen sind.“ Es sei falsch, wenn gesagt werde, man wisse ja noch gar nicht, wo das Virus übertragen wird.

Dritte Welle aufgrund der Mutationen heftiger als erwartet

Die Vorhersage der Modelle für die dritte Corona-Welle sei leider durch die Natur noch überschritten worden, sagte Drosten. Sie habe früher begonnen als die Modelle das vorausgesagt hätten. Noch in dieser Woche werde die Zahl der Nachweise der britischen Variante B.1.1.7 über 90 Prozent erreichen. „Das ist natürlich alles andere als beruhigend.“ Die Variante B.1.1.7 sei zudem eindeutig krankmachender und auch tödlicher als das Ursprungsvirus.
Die in Südafrika und in Brasilien entdecken Varianten lägen dagegen in Deutschland immer noch bei einem Prozent oder niedriger. „Die haben sich überhaupt nicht vermehrt.“ Beide können dem Immunsystem zum Teil entweichen. Ihr Anteil sei so niedrig, weil es in Deutschland keine Bevölkerungsimmunität gebe. „Diese Varianten kommen nur dann hoch, wenn wir in der Bevölkerung schon eine Immunität haben. Sonst profitieren die nicht von ihren Mutationen.“
Der deutsche Virologe Christian Drosten (Archiv) - SNA, 1920, 03.02.2021
Drosten gegen Lockerungen: kein ausreichender Bevölkerungsschutz durch Impfungen bis Ostern
In Indien verbreite sich gerade eine Variante, über die der Wissenschaft aber noch wenig bekannt sei, auch sie scheine den Antikörpern des Immunsystems zum Teil entgehen zu können. Drosten sieht allerdings keinen Grund zur Beunruhigung: Mit einem leichten „Impfstoff-Update“ könnten die Hersteller wahrscheinlich dieser und anderen Varianten auf der Welt mit wenig Aufwand etwas entgegensetzen. Die aktuellen Impfstoffe wirkten im Labor auch nicht so gut gegen die südafrikanische und die brasilianische Mutante.
Drosten nannte jedoch noch einen entscheidenden Sicherheitsfaktor: Die Antikörper, denen die Mutanten entrinnen können, schützen überhaupt gegen die Infektion, die T-Zellen des Immunsystems jedoch gegen einen schweren Verlauf.

„Und dieser Schutz gegen den schweren Verlauf ist allemal gegeben durch die jetzigen Impfstoffe.“

Prof. Christian Drosten
Virologe, Direktor des Institutes für Virologie der Charité Berlin

Modellprojekt Tübingen - Funktionieren bislang nicht bewiesen

Modellprojekte wie in Tübingen sollten eine gute wissenschaftliche Begleitung haben, sagte Drosten. Dort können Menschen kostenlose Tests machen und bei negativem Ergebnis zum Beispiel in Läden, Theater oder Biergärten gehen. Keines dieser Projekte habe bislang bewiesen, dass es funktioniere, betonte Drosten. Das Ziel, Menschen zu motivieren, sich testen lassen und etwa einkaufen zu gehen sei vorerst gut. Das sollte man punktuell durchaus ausprobieren. Wichtig sei, vorher Erfolgskriterien zu definieren wie etwa eine Zahl der Krankenhausaufnamen, der Todesfälle nach drei Wochen oder der Wirtschaftsleistung.

„Also ich denke, man sollte sich eine ganze Zahl von solchen Erfolgskriterien hinlegen, bevor man diesen Modellversuch macht, um dann irgendwann in der Nachbewertung zu sagen: Das war erfolgreich.“

Prof. Christian Drosten
Virologe, Direktor des Institutes für Virologie der Charité Berlin
Wichtig seien auch Abbruchkriterien und eine Vergleichsstadt ohne Modellprojekt.
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