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Polen impft trotz Vakzinmangel Nato-Hauptquartier gegen Corona – Zwischen Kritik und Verständnis

© REUTERS / AGNIESZKA SADOWSKAImpfkampagne in Polen (Archivbild)
Impfkampagne in Polen (Archivbild) - SNA, 1920, 29.03.2021
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Um einen möglichst infektionsfreien Nato-Gipfel mit dem neuen US-Präsidenten Joe Biden zu gewährleisten, werden derzeit rund 3.500 Beschäftigte in der Brüsseler Bündniszentrale vorzeitig gegen Corona geimpft. Dazu stellt Polen seinen knappen Impfstoff zur Verfügung. Das sorgt für Kontroversen in Polen, aber auch in Deutschland.
Nach Informationen der „Deutschen Presse-Agentur“ (DPA) habe das medizinische Personal am Donnerstag bereits mit der Immunisierung der 3.500 Nato-Beschäftigten in Brüssel begonnen. Dafür werde der aus polnischen Beständen stammende „Astrazeneca“-Impfstoff verwendet. Das Land stelle rund 7.000 Dosen zur Verfügung, trotz der Knappheit an Impfstoffe im eigenen Land, heißt es. Laut Medienberichten sei am Wochenende die erste Impfrunde abgeschlossen worden. Der erste Nato-Gipfel mit US-Präsident Joe Biden soll am 14. Juni stattfinden.
Warschau begründe die Lieferung mit der Bedeutung der Nato für das Polen und mit der vergleichsweise geringen Anzahl an Dosen, die für die Nato-Zentrale benötigt werden. So sollen die ersten 3.500 Impfstoff-Dosen weniger als einem Prozent der Impfstoffmenge entsprechen, die das Land in der letzten Woche geliefert bekommen habe.
Dabei sollen in Polen laut EU-Angaben zuletzt vergleichsweise viele Menschen an oder mit Covid-19 gestorben sein. Pro eine Million Einwohner wurden innerhalb von 14 Tagen mehr als hundert Corona-Tote gezählt. Belgien oder Deutschland beklagten während dessen rund dreißig Tote.

Nato dankbar

„Ich bin dankbar für die Bereitschaft Polens, die Impfstoffe gegen Covid-19 bereitzustellen. Ich denke, dies zeigt, dass Polen ein hoch geschätzter Verbündeter ist. Ein Verbündeter, der bereit ist, Nato-Bemühungen auf vielfältige Weise und solidarisch zu unterstützen. Resilienz ist das Herzstück unserer Allianz. Und das polnische Angebot zeigt genau das“, erklärte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vor einer Woche in Brüssel.
Der Kampf mit dem Virus sei ein gemeinsamer Kampf, „und wir sind gemeinsam stärker“, so Stoltenberg.
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„PR-Aktion“ oder Solidarität

Deutliche Kritik kommt aus der polnischen Opposition. Es gebe in Polen immer noch Bewohner von Pflegeheimen, die nicht geimpft seien, schreibt der Abgeordnete Michal Szczerba von der Bürgerkoalition KO auf Twitter. „Die Regierung macht eine Vorzeige-Aktion aus der Entsendung von Ärzten und Impfdosen ins Nato-Hauptquartier. Eine hübsche Geste, aber impft doch erstmal die Betagten und Kränklichen in Polen.“
Auch der deutsche Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Grüne) bemängelt: „Es ist schon verwunderlich, dass bei anhaltender Knappheit von Impfstoffen Polen den Schutz eigener besonders vulnerabler Bürger für eine PR-Aktion zurückstellt“, sagte der Grünen-Politiker der „Deutschen Presse-Agentur“ (DPA).
Der FDP-Bundestagsabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff zeigt sich hingegen verständnisvoll: Mit dem Impfangebot mache Polen deutlich, dass der kommende Nato-Gipfel bei Regierung und Bevölkerung des Landes höchste Priorität genieße, sagte Lambsdorff laut Medienberichten. Dies sei verständlich. Zum einen, weil dem ersten Nato-Gipfel mit Biden eine besondere Bedeutung zukomme. Zum anderen, weil die „sicherheitspolitische Anspannung“ in Polen wegen der Lage in der Ukraine höher sei als in Deutschland.
Auch CDU-Politiker Jürgen Hardt begrüße der DPA zufolge die polnische Initiative: Die Durchführung des Nato-Gipfels in Brüssel sei „außerordentlich wichtig für die Sicherheitspartnerschaft“, sagte er. Nach eigenen Worten hätte er sogar akzeptieren können, dass deutsches Schlüsselpersonal bei der Nato vorzeitig mit Impfstoff aus Deutschland geimpft werde.

Polen impft auch Deutsche?

Dies sei allerdings nicht notwendig, schreibt die Nachrichtenagentur. Denn die Mitglieder der deutschen Delegation würden nun auch mit dem „Astrazeneca“-Impfstoff aus Polen geimpft.
Das Auswärtige Amt rät den Betroffenen bei dem Thema, eine Impfung am jeweiligen Dienstort nach Möglichkeit machen zu lassen. Auf die SNA-Frage, ob es nun feststeht, dass auch deutsche Nato-Vertreter in Brüssel geimpft werden sollen, konnte die Sprecherin des Auswärtigen Amts nicht antworten. Sie versprach aber eine baldige Klärung.
Zudem wollten sich bisher weder Diplomaten noch der Nato-Generalsekretär zu der Frage äußern, „ob die Annahme des polnischen Impfangebots nicht verantwortungslos gegenüber noch ungeimpften Polen sei, die ein erhöhtes Risiko für einen tödlichen Verlauf einer Covid-19-Erkrankung haben“, berichtet die DPA.
Es bleibt weiterhin unklar, warum der Impfstoff nicht aus den Ländern wie den Vereinigten Staaten oder Großbritannien bereitgestellt wird. Dort haben bereits wesentlich größere Teile der Bevölkerung eine Corona-Impfung bekommen.
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