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„Den Stein des Weisen gibt es nicht“: Bei Anne Will probt Merkel ihren Abschied

© REUTERS / POOL / MICHAEL KAPPELERBundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz (Archivbild)
Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Pressekonferenz (Archivbild) - SNA, 1920, 29.03.2021
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Wenn Angela Merkel zu Anne Will in die Sendung geht, heißt es: Die Kanzlerin hat Probleme. Allein während der Flüchtlingskrise ließ sie sich von der (ebenfalls altgedienten) ARD-Moderatorin zweimal interviewen. Am Sonntagabend klang es bei der „mächtigsten Frau der Welt“ schon ein bisschen wie ein Abschied – wenn auch mit krampfhaften Drohgebärden.
„Ich hätte bei unserem Interview die Gegenposition beziehen können“, verriet Anne Will zu Beginn des Gesprächs in der ARD. Sie würde dies aber nicht tun und „im Kosmos“ von Angela Merkel, der Bundeskanzlerin, bleiben, versprach sie und blieb ihrem netten Versprechen weitgehend treu: Die Fragen waren meistens nicht konfrontativ formuliert, sondern eher als eine bequeme Vorlage. Damit war schon ein großes Stück an Dramatik weg, die eigentlich angesichts der Geschehnisse zu erwarten war, die das Land gerade durchmacht.
Spätestens nach der ersten Viertelstunde merkte die versierte Talk-Meisterin allerdings selbst: Irgendwie sollte die Kanzlerin doch noch aus ihrer Wohlfühlzone herausgelockt und zu einigermaßen radikalen Statements provoziert werden, sonst wäre die Sendung nicht mehr zu retten. Sie sei „erstaunt“, sagte Will, dass die Kanzlerin dauernd mit „zarten Begrifflichkeiten“ operiere statt Alarmglocken zu betätigen. „Ich bin noch am Nachdenken“, erwiderte die CDU-Politikerin. Ein paar Tage werde es bei ihr also noch dauern.

„Den Stein des Weisen gibt es nicht“

Die nächste Gesprächssequenz ließ stark annehmen, dass dieses Interview von Merkel selbst und nicht von der ARD initiiert worden war. Die Moderatorin verriet, sie hätte erwartet, dass die Kanzlerin „heute herkommen und sagen wird: ‚Peng! Ich habe den Stein des Weisen gefunden!‘“
Da musste die Regierungschefin Will und bestimmt auch alle Zuschauer enttäuschen: „Den Stein des Weisen gibt es so einfach nicht.“
Nein, es war nicht der Stein des Weisen, den Merkel mit den Mitbürgern an dem Abend teilen wollte – es war eher ihr Wunsch, ihre spektakuläre Schuldbekundung zu relativieren und die Schuld am bisherigen Versagen der Corona-Maßnahmen mit Ministerpräsidenten der Bundesländer zu teilen. Und sie dafür zu rügen, dass nicht alle von ihnen die bei der Bund-Länder-Konferenz erzielten Vereinbarungen einhalten.

„Ich habe mir die Notbremse nicht so gedacht“

„Wir haben die Notbremse“, erinnerte die Kanzlerin und fügte hinzu: „Wir haben uns auf Stein und Bein geschworen, sie einzuhalten. Das wird sie leider nicht überall. Mehrere Bundesländer haben eine sehr weite Interpretation der Beschlüsse, und das erfüllt mich nicht mit Freude".

Bundeskanzlerin Angela Merkel. Berlin, 19. März 2021 - SNA
Angela Merkel
Bundeskanzlerin (CDU)
Da fing „Mutti“ an, ihre sanften mütterlichen Hiebe auszuteilen. „Ich weiß wirklich nicht, ob Testen und Bummeln, wie es in Berlin gemacht wird, der richtige Weg ist“, kritisierte sie die jüngste Initiative des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD). Auch Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sei beim Versuch erwischt worden, den „Stein-und-Bein-Schwur“ in seinem Bundesland zu brechen. Selbst Armin Laschet, nominell Merkels Chef in der CDU und ihr möglicher Nachfolger, wolle nun die Notbremse lediglich einzelnen Landkreisen überlassen. „Ich habe mir die Notbremse, egal in welchem Bundesland, nicht so gedacht“, ärgerte sich die Kanzlerin.
Helge Braun (Archivbild) - SNA, 1920, 25.03.2021
„Es war ein großer Fehler“: Helge Braun steckt bei TV-Talk ein – Rücktritt „nicht angemessen“?

„Ich werde nicht tatenlos zusehen“

Den Ungehorsamen zeigte „Mutti“ in der ARD die „Peitsche“: Sie könnte notfalls eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes im Bundestag initiieren, damit der Bund mehr Machtbefugnisse bekommt, um die Notbremse zu ziehen.

„Ich werde nicht zuschauen, dass wir 100.000 Infizierte (am Tag) haben“, mahnte sie. „Wir werden uns das jetzt anschauen, und dann muss man gegebenenfalls alle Möglichkeiten des Handelns austarieren."

Bundeskanzlerin Angela Merkel. Berlin, 19. März 2021 - SNA
Angela Merkel
Bundeskanzlerin (CDU)
Und: „Ich werde nicht tatenlos noch 14 Tage zusehen, und es passiert nichts, was eine Trendumkehr verspricht.“
Nein, zur „Peitsche“ wollte „Mutti“ noch nicht greifen, sie mahnte noch:

„In einer Demokratie wird das nicht par ordre du mufti gemacht, sondern über Überzeugung. Sonst sagt man: ‚Was ist das für ein autoritäres Kanzleramt?‘“

Bundeskanzlerin Angela Merkel. Berlin, 19. März 2021 - SNA
Angela Merkel
Bundeskanzlerin (CDU)
Bleibt nur die Frage, ob sich die Ungehorsamen durch Überzeugung bändigen lassen. Manche Reaktionen einiger Ministerpräsidenten lassen ahnen, dass dies nicht so leicht sein wird. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) ärgerte sich über den Ton der Kanzlerin in der ARD-Sendung. Laschet verteidigte seine Notbremse-Politik in Nordrhein-Westfalen und plädierte für eine neue Bund-Länder-Konferenz „in Präsenz“.
Bezeichnenderweise beeilte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), seine Treue zur Noch-Kanzlerin zu bekunden. Seine Aussagen in den ARD-Tagesthemen, die der „Anne Will“-Sendung folgten, klangen schon fast wie eine schamlose Anbiederung:

„Ich hätte mir mehr Kompetenzen des Bundes über das Infektionsschutzgesetz vorstellen können, das die Länder auch zu klaren Regeln zwingt. Ich bin da sehr dafür und offen … Wenn die Kanzlerin die Initiative ergreifen würde, eine Initiative auf nationaler Ebene, Recht zu ändern und klare Vorgaben zu machen, hätte sie meine Unterstützung.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel. Berlin, 19. März 2021 - SNA
Angela Merkel
Bundeskanzlerin (CDU)

Anne Wills Abschied von Angela Merkel

Wird es vor Merkels Rücktritt noch ein Interview bei Anne Will geben? Allem Anschein nach war sich da die Moderatorin dessen nicht so sicher – jedenfalls forderte sie die Kanzlerin bereits sechs Monate vor der Bundestagswahl auf, ein Fazit zu ziehen.
So rieb die Moderatorin der Regierungschefin die desolate Statistik vor die Nase: Die Unterstützung für ihre Partei sei auf die läppischen 25 Prozent geschrumpft. „Ich verstehe, dass das Vertrauen verloren gegangen ist“, gab Merkel zu. „Wir können jetzt das Vertrauen nur wiederherstellen, wenn wir konsistent und gemeinsam handeln. Bund und Länder gemeinsam – das sage ich nochmal.“
Ziemlich lange las dann Anne Will von ihrem Spiсkzettel die zahlreichen Versäumnisse der Regierung bei der Pandemie-Bekämpfung ab. Ob sich die Kanzlerin ihre persönliche Verantwortung dafür empfinde?
Angela Merkel konterte: „Ich habe an allem Anteil, was in den vergangenen 16 Jahren passiert ist. Aber wenn ich mir anschaue: Wo standen wir 2005? Dann würde ich sagen, wir haben auch einiges erreicht."
„Werden Sie mit einem guten oder einem erschöpften Gefühl abtreten?“, lautete die letzte Frage der Moderatorin. „Wie dann mein Gefühl ist, wenn ich abtrete, das weiß ich noch nicht“, erwiderte die Noch-Kanzlerin. „Jedenfalls habe ich jetzt ein entschlossenes Gefühl, um die große Aufgabe die jetzt gerade in der dritten Welle vor uns liegt, zu bewältigen.“ Bis zum Abtritt sei es noch zu weit.
Klar: Auf keinen Fall möchte Merkel in den noch verbliebenen Monaten als lahme Ente wirken. Zu diesem Zweck wollte sie sicherlich diesen Auftritt bei Anne Will gebrauchen. Ob das ihr wirklich gelungen ist – da sind gewisse Zweifel am Platze.
Karl Lauterbach (Archivbild) - SNA, 1920, 26.03.2021
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