Studie zur Nachrichtenkompetenz: Wie schneiden die Deutschen ab?

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Windows-Computer (Symbolbild) - SNA, 1920, 25.03.2021
Die Stiftung „Neue Verantwortung“ hat in einer repräsentativen Studie herausfinden wollen, wie gut sich die Deutschen in der digitalen Informationslandschaft zurechtfinden und ob sie in der Lage sind, eigenständig Falschinformation zu identifizieren.
Funktionierende Demokratien seien auf gut informierte Bürger angewiesen, stellen die Macher der Studie eingangs fest. Doch in der heutigen Informationslandschaft hätten die Medien ihre Gatekeeper-Funktion verloren und die Menschen seien mehr denn je auf sich allein gestellt. Wie gut also kommen sie mit dieser Aufgabe zurecht? Können sie echte Informationen von Falschbehauptungen, Werbung und Meinungsmache unterscheiden?
Um das herauszufinden, hat die Stiftung zusammen mit einer Expertengruppe einen speziellen Nachrichtenkompetenztest entwickelt und diesen im Herbst 2020 mit einer repräsentativen Stichprobe für die deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren durchgeführt. Mittels Online-Interviews seien bundesweit 4191 Internetnutzer befragt und getestet worden, heißt es in der Studie.

„Der Test geht dabei anhand von Testfragen und -aufgaben auf das gesamte Spektrum der digitalen Nachrichtenkompetenz ein, also die Fähigkeit zur Navigation in digitalen Medienumgebungen, die Beurteilung der Qualität von Nachrichten und Inhalten, das Prüfen von Informationen, die Diskursfähigkeit sowie Kenntnisse über die Funktionsweise von digitalen Öffentlichkeiten. Es handelt sich um einen der weltweit ersten Tests zu Informations- und Nachrichtenkompetenzen einer gesamten Bevölkerung.“

Die Ergebnisse der Untersuchung fassen die Autoren unter mehreren Aspekten zusammen.

Unterschiede zwischen Desinformation, Information, Werbung und Meinung werden zum Teil nur schwer erkannt

Zum Teil sei es den Teilnehmern schwergefallen, zwischen Werbung, Information, Desinformation und Meinung zu unterscheiden. So habe über die Hälfte der Befragten Werbung trotz entsprechender Kennzeichnung für Information gehalten. Bei einer auf Facebook verbreiteten Falschinformation hätten nur 43 Prozent diese als solche erkannt, während 33 Prozent sie für echte Information gehalten hätten. Schwierigkeiten bereitete vielen auch die Unterscheidung zwischen Kommentaren (Meinungsartikeln) und rein sachlichen Presseberichten: Ein Drittel der Befragten hielt den Kommentar für einen Tatsachenbericht, 15 Prozent waren sich nicht sicher.

Ob eine Quelle vertrauenswürdig ist, wird oft richtig eingeschätzt – Interessenskonflikte werden seltener erkannt

Besser hätten die Teilnehmer bei der Einschätzung der Neutralität und Vertrauenswürdigkeit der Quellen abgeschnitten, heißt es weiter. Das sei in verschiedenen Fragen zu mindestens 59 Prozent geglückt. Allerdings seien Interessenskonflikte nicht immer erkannt worden. So hätten nur 65 Prozent der Befragten festgestellt, dass der Geschäftsführer eines Flugreisenportals als Autor eines Beitrags zum Thema Fliegen keine neutrale Quelle sei, aber nur die Hälfte habe den konkreten Interessenskonflikt benennen können.

Kennzeichnungsstrategien von Social-Media-Plattformen zu Desinformationen bisher kaum wirksam

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie: Maximal ein Viertel der Befragten beachtete Hinweise auf Facebook, YouTube & Co., die Faktenchecks hinter einer vermeintlichen Falschnachricht oder etwa die staatliche Finanzierung eines Senders aufzeigten.

Menschen zweifeln an Unabhängigkeit des Journalismus von der Politik

Weit verbreitet scheint die Ansicht zu sein, Medien und Politik würden gemeinsame Sache machen:
„Ein Viertel der Bevölkerung teilt ‚Lügenpresse'-Vorwürfe. 25 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Medien und Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren (weitere 28 Prozent sagen teils/teils). 24 Prozent glauben, dass die Bevölkerung in Deutschland von den Medien systematisch belogen wird (weitere 30 Prozent sagen teils/teils). Nur die Hälfte der Befragten weiß zudem, dass Nachrichten über einen Bundesminister ohne die Genehmigung des Ministeriums veröffentlicht werden dürfen“, heißt es in der Studie. Besonders die Unabhängigkeit des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks werde in Zweifel gezogen.

Knapp die Hälfte besteht den Test, nur 22 Prozent der Befragten erreichen insgesamt hohe Kompetenzwerte

Das Urteil der Studienmacher fällt vernichtend aus. Mit 46 Prozent würden die meisten Befragten im Bereich der (sehr) geringen Nachrichten- und Informationskompetenz liegen, nur 22 Prozent erreichten hohe oder sehr hohe Kompetenzwerte. Von den im Test maximal erreichbaren 30 Punkten wurden im Schnitt nur 13,3 erzielt.

Jüngere Generationen kompetenter als Ältere – allerdings abhängig vom Bildungsabschluss

Jüngere und höher gebildete Studienteilnehmer hätten im Schnitt am besten abgeschnitten. Als besonders kompetent seien demnach hochgebildete Menschen im Alter zwischen 18 und 39 Jahren identifiziert worden.

„Generell gilt quer durch alle Altersgruppen: Je höher die formale Schulbildung, desto höher die Kompetenzwerte und desto höher auch das Vertrauen in Journalismus und Politik.“

Digitale Nachrichtenkompetenz hängt auch mit demokratischer Grundhaltung zusammen

Eine größere Nachrichtenkompetenz bescheinigen die Studienmacher Menschen mit „demokratischer Grundhaltung“. Darunter verstehen sie die Bereitschaft, sich über Politik zu informieren, die Wertschätzung für unabhängigen Journalismus, ein gewisses Grundvertrauen in Demokratie und Medien sowie die Fähigkeit, auch andere Meinungen zu tolerieren.

Besonders bei AfD-Anhängern digitale Nachrichtenkompetenz niedrig

Zwischen Sympathisanten verschiedener Parteien seien die Testergebnisse ebenfalls unterschiedlich ausgefallen. Am besten schnitten demnach FDP-Anhänger ab, gefolgt von den Grünen. Im Mittelfeld platzierten sich Anhänger von Linken und der SPD. Am unteren Ende seien CDU und AfD zu finden.
„Gerade der große Unterschied zwischen FDP, Grünen und AfD deutet darauf hin, dass an dieser Stelle nicht (nur) die Parteipräferenz entscheidend sein dürfte, sondern Bildung, Alter und/oder grundsätzliche Einstellungen, etwa zu einer vermeintlichen Klüngelei zwischen Medien und Politik, einen Einfluss auf die Nachrichtenkompetenz haben“, schlussfolgern die Autoren der Studie.

Medienkompetenz steckt in den Kinderschuhen

In ihrem Fazit bescheinigen die Macher der Studie den Teilnehmern zwar gewisse Grundkenntnisse, um sich nachrichtenkompetent durch die Medienlandschaft zu navigieren. Insgesamt fällt das Urteil aber ernüchternd aus:

„Doch all das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Befragten insgesamt in fast allen Kompetenz-Bereichen überwiegend mittelmäßig bis schlecht abgeschnitten haben und es oft an ganz konkreten Kenntnissen und Fähigkeiten fehlt. Insofern sind die Ergebnisse dieser Erhebung auch kritisch, weil sie zeigen, dass Bürger viel zu lange damit allein gelassen wurden, sich in immer komplexeren Medienumgebungen selbst zurecht zu finden.“

Um diesem Missstand zu begegnen, empfehlen die Autoren bessere digitale Schul- und Erwachsenenbildung, transparente journalistische Angebote und bessere Kennzeichnung verschiedener Inhalte auf sozialen Plattformen.
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