„Es war ein großer Fehler“: Helge Braun steckt bei TV-Talk ein – Rücktritt „nicht angemessen“?

Helge Braun (Archivbild) - SNA, 1920, 25.03.2021
Rein anatomisch ruft Helge Brauns Auftreten – ganz überspitzt – gewisse Assoziationen mit einem Boxsack hervor. Die Analogie drängte sich auf, als Sandra Maischberger dem Minister in ihrem ARD-Talk heftige Hiebe verpasste – mit arglistigen Fragen. Der Politiker bewies jedoch seine Stoßfestigkeit, wie es sich für einen guten Boxsack auch gehört.
Der Kanzleramtschef und Minister Helge Braun war der „Stargast“ des TV-Talks „Maischberger. Die Woche“ am Mittwochabend – ein optimaler Gesprächspartner für eine politische Talkshow nach dem dramatischen Tag, an dem seine Chefin Angela Merkel ihren Fehler gestehen und die Bevölkerung für die zunächst beschlossene und wenig später zurückgenommene „Osterruhe“ um Verzeihung gebeten hatte.

„Das war nicht allein mein Vorschlag“

„Das ist der Mann, auf den die Kanzlerin vertraut“, annoncierte die Moderatorin ihr Gespräch mit dem Politiker. Dies waren bestimmt nicht die angenehmsten 20 Minuten in seinem Leben, die er aber – jedenfalls äußerlich – standhaft durchgehalten hat.
Zunächst wurde aber ein Ausschnitt aus der „historischen“ Ansprache der Kanzlerin eingeblendet:

„Dieser Fehler ist einzig und allein mein Fehler“, erklärte Merkel. „Denn am Ende trage ich für alles die letzte Verantwortung, qua Amt ist das so. Also auch für die am Montag getroffene Entscheidung zur sogenannten Osterruhe.“

Im Anschluss daran bemühte sich Maischberger mehrmals darum, aus ihrem Gesprächspartner ein Geständnis herauszuschlagen: War es ursprünglich seine Idee, die mehrtägige „Osterruhe“ vorzuschlagen?
„Die Idee mit den ‚Ruhetagen‘ ist im Laufe der Diskussion entstanden“, gab Braun an. „Das war nicht allein mein Vorschlag. Ich habe meinen Anteil dran, und deshalb schließe ich mich der Entschuldigung an.“
Wer also als Erster das Wort „Osterruhe“ in die nächtliche Schalte mit der Kanzlerin in den Mund genommen hat, erfuhren die Zuschauer nicht. Eine weitere Frage der Moderatorin klang schon nahezu ordinär: „Hat die Kanzlerin Ihnen einen Anschiss dafür verpasst, dass Sie etwas auf den Tisch gelegt haben, was rechtlich vorher nicht geprüft war?“

Die neue deutsche „Fehlerkultur“

Braun blieb aber die Ruhe selbst und formulierte seine Antwort betont kasuistisch:

„Es war nicht so, dass irgendjemand den Eindruck hätte haben können, dass das etwas ist, was in vergleichbarer Weise vordefiniert ist wie andere Maßnahmen, die man hätte ergreifen können.“

„Auf einer Skala von eins bis zehn – wie groß ist der Fehler?“ lautete die nächste Frage von Sandra Maischberger. Aber auch auf dieses Spielchen ließ sich Braun nicht ein und gab eine Antwort, wie er diese formulieren wollte:

„Das ist ein großer Fehler, weil er natürlich dazu geführt hat, dass sich viele Menschen darauf eingestellt haben, ob positiv oder negativ. Das darf man nicht geringschätzen und das darf nicht mehr passieren.“

Natürlich drängte sich auch die Frage auf, ob irgendjemand von den Verantwortlichen Konsequenzen aus dem Fehler ziehen sollte – inklusive Rücktritt. Für Braun war die Sache klar: Der Vorfall habe eine gewisse „Fehlerkultur“ an den Tag gelegt, wo „dann anschließend die Diskussion gleich fortzusetzen über Vertrauensfragen und Rücktritte – das finde ich nicht angemessen.“
Bekanntlich hat Angela Merkel eine Debatte über die Vertrauensfrage im Bundestag abgelehnt, insofern artikulierte Braun bloß eher den diesbezüglichen Gedankengang seiner Chefin. Wie dem auch sei: „Mutti“ hat das Ende ihrer 16-jährigen Karriere als Kanzlerin wohl rettungslos vermasselt, indem sie und ihr Kabinett den ihnen zu Beginn der Pandemie geschenkten Vertrauensvorschuss der Bevölkerung kläglich verspielt haben.
Die Kanzlerin habe sich zwar jetzt für den nicht durchdachten „Osterruhe“-Vorschlag entschuldigt, dies sei aber „nicht das, wofür sie sich entschuldigen sollte“, meinte einer der „Maischberger“-Studiogäste, TV-Moderator Micky Beisenherz:

„Entschuldigen sollte sie sich dafür, dass es mit den Impfungen nicht funktioniert, für das mit dem Testen und auch für das Tandem Spahn – Scheuer, das sich für viele wie Hohn angefühlt hat.“

„Mit dem Impfen wieder bei Null anfangen“

Bis zu Merkels versprochenem Abgang sollen allerdings noch mehr als sechs Monate vergehen, in denen noch einiges passieren könnte. Die aus Hannover zugeschaltete Physikerin Viola Priesemann, die bei ihren bisherigen Talkshow-Teilnahmen stets mit ziemlich pessimistischen mathematischen Pandemie-Modellen aufgetreten war, hatte auch am Mittwochabend etwas Unangenehmes parat. Nämlich die Erkenntnis, dass die Infektionszahlen in den nächsten Wochen und Monaten trotz aller Bemühungen unentwegt steigen würden. „Das liegt daran, dass keiner der Impfstoffe perfekt schützt“, behauptete sie.
Und mehr noch: Mit dem steigenden Anteil der Geimpften werde auch die Wahrscheinlichkeit neuer Virus-Varianten steigen, auf die die bisherigen Impfungen keine Wirkung mehr zeigen würden.

„Es gibt erste Erkenntnisse, dass manche der Virus-Varianten das zumindest zum Teil schon können“, so die Expertin. „Im schlimmsten Fall entwickelt sich eine Variante, die uns zwingt, mit dem Impfen wieder bei Null anzufangen."

Es war schon nach Mitternacht in Deutschland, als die ARD-Zuschauer diese Hiobsbotschaft gehört haben. Viele von ihnen hatten danach sicherlich Probleme mit dem Einschlafen. Sollte sich aber Angela Merkel die Sendung bis zum Schluss angesehen haben, dürfte sie womöglich dabei gedacht haben: „Zum Glück wird dies nicht mehr mein Problem sein.“
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