Warum ist die deutsche Romantik für Russen so wichtig? – neue Ausstellung im April

CC0 / Wikimedia Commons / Bild "Durch Blitz zerbrochene Eiche", Maksim Worobjew
Bild Durch Blitz zerbrochene Eiche, Maksim Worobjew - SNA, 1920, 25.03.2021
Während die politischen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland auf einem Tiefpunkt stehen, präsentiert die Staatliche Tretjakow-Galerie in Moskau ein deutsch-russisches Kooperationsprojekt mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Gezeigt wird in beiden Ländern die Ausstellung „Träume von Freiheit – Romantik in Russland und Deutschland“.
Die Veranstalter wollen den Dialog zwischen deutschen und russischen Museen auch während der politischen Turbulenzen und der Corona-Krise aufrechterhalten. Die Ausstellung mit Werken von Romantikern beider Länder wird am 22. April in Moskau eröffnet und im Oktober dann im Dresdner Albertinum fortgesetzt.
Der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für internationale kulturelle Zusammenarbeit, Michail Schwydkoj, bezeichnete die Ausstellung als eines der wichtigsten Projekte des Deutschlandjahres, das in Russland zurzeit läuft. „Die deutsche Romantik hat die russische Kunst beeinflusst, wie auch die russische Philosophie sehr viel davon übernommen hat, was auf dem deutschen Boden Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Die Ausstellung wird Stoff für viele Diskussionen von Intellektuellen liefern, die sie nicht nur auf die Kunst der Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart beziehen werden.“
Der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr verwies auf den Umfang der Ausstellung und betonte, dass die russischen und deutschen Romantiker erstmals in einem Event erscheinen, sodass man ihr Schaffen vergleichen und Unterschiede finden kann. Als eine Besonderheit der Schau hob er das Streben der Künstler nach Freiheit hervor, das sich in dieser Kunstrichtung äußerte, sowie die Vorstellung vom Innenleben des Menschen als dem eigentlich Wertvollen an ihm. Dieses Streben war nach seinen Worten damals Künstlern in ganz Deutschland gemein und breitete sich nach Russland aus. Die Romantik-Ausstellung entspreche vollkommen dem Geiste des Deutschlandjahres in Russland und ermöglicht eine Fortsetzung des Dialogs. Ferner zeuge sie auch von der europäischen Einheit, resümierte der Botschafter.

Warum liegt den Russen gerade die deutsche Romantik so sehr am Herzen?

CC0 / Wikimedia Commons / Bild „Porträt von W. A. Schukowski", Orest Kiprenski
Bild Portrait von V. A. Schukowskij, Orest Kiprenskij - SNA, 1920, 25.03.2021
Bild „Porträt von W. A. Schukowski", Orest Kiprenski
Dies sei darauf zurückzuführen, antwortet Selfira Tregulowa, Generaldirektorin der Tretjakow-Galerie, dass sich gerade damals, in der Epoche der Romantik, unsere Vorstellungen vom Wesen der schöpferischen Individualität herausbildeten: „Daher kommt auch der Titel der Ausstellung „Träume von Freiheit“, mit dem die Freiheit des Schaffens, der schöpferischen Selbstentfaltung gemeint ist, wobei die Eigentümlichkeit des Künstlers in den Vordergrund tritt und jeder Auftrag, ob staatlich oder privat, abgelehnt wird. Für die Romantiker war das Schaffen quasi ein innerer Impuls, der den Künstler versengt. Die Romantik hat den Künstler erstmals als einen Menschen mit zerrissenem Bewusstsein aufgefasst. Dieses Konzept kommt auch in einer Reihe der ausgestellten Werke klar zum Ausdruck.“
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, äußerte, das Bedürfnis der Künstler von damals nach Freiheit und Kontakten sei tief symbolisch: „Nicht zufällig machten russische Künstler einen Abstecher nach Deutschland, wenn sie nach Italien reisten. Auch waren die Bilder von Caspar David Friedrich am Hofe Kaiser Nikolaus' I. von Russland beliebt. In Russland ist er sogar früher als in Deutschland zu Ruhm gelangt.“
Das zentrale Motiv der ganzen Schau macht die romantische Freundschaft zwischen dem russischen Dichter Schukowski und Friedrich aus, fügte der Moskauer Kurator der Ausstellung, Sergej Fofanow, hinzu. „Diese Freundschaft hat viele von den Bildern des deutschen Romantikers nach Russland gebracht und ihm in einer schwierigen Situation das Leben gerettet. Schukowskis Fürsprache bewog nämlich Zar Nikolaus I., dem deutschen Künstler eine Subvention zu bewilligen, während dieser die Fähigkeit eingebüßt hatte, Bilder zu malen.“
Flaggen Russlands und Deutschlands (Symbolbild) - SNA, 1920, 25.03.2021
Deutschlandjahr in Russland wegen Pandemie verlängert
Ferner teilte Fofanow mit, dass er mit dem deutschen Kurator der Ausstellung, Holger Birkholz, so intensiv zusammengearbeitet habe, dass „er inzwischen mein enger Freund geworden ist. Wir konnten uns darauf einigen, wie wir die Romantik am besten präsentieren und diesen Weg der beiden Museen gestalten sollten. Es war eine einmalige Erfahrung bei der Suche nach neuen Inhalten, wobei die Pandemie unseren Zusammenschluss durch die unzähligen Zoom-Konferenzen, bei denen wir wörtlich jeden Quadratzentimeter der Ausstellung besprachen, nur noch gestärkt hat.“
Gestaltet wurde sie von dem Architekten Daniel Libeskind, der vor der Herausforderung stünde, wie er selbst sagte, die der Romantik eigene Spannung und ihre Widersprüche zu zeigen: zwischen Freiheit und Unfreiheit, Möglichkeit und Unmöglichkeit, Stärke und Schwäche. Da sei ihm die Idee gekommen, die Räume spiralartig anzuordnen, damit sich alles um den schwindenden Mittelpunkt drehe. „Es ist eine Doppelspirale, die zugleich die Nähe und die Verschiedenheit von Russland und Deutschland in der Epoche der Romantik veranschaulicht. Außerdem habe ich an das Labyrinth des Daidalos gedacht, das die Komplexität des menschlichen Denkens widerspiegelt.“
In einigen Bildern, die von beiden Ländern präsentiert werden, klinge die gleiche Sicht der Freiheit, des Geheimnisses der menschlichen Seele und der menschlichen Existenz an, so der Stararchitekt. „Man wird durch dieses Labyrinth auf der Suche nach Freiheit umherirren. Darin liegt die Idee der Ausstellung. Wir befinden uns innerhalb dieses Paradigmas und überlegen uns, wo die Freiheit und wo die Unfreiheit sein mag.“
Tregulowa bezeichnete die Ausstellung als „ein für das heutige Leben höchst wichtiges Phänomen. Auch wird jeder an der Ausstellung etwas entdecken, was ihn bewegen wird. Jedenfalls wird für viele Besucher die Wanderung durch sie gleich jeder romantischen Reise, reich an plötzlichen Entdeckungen, an Begeisterung und Trauer sein.“
Künstler und Schriftsteller Janosch - SNA, 1920, 10.03.2021
„90 Jahre Janosch“: Große Ausstellung zum Geburtstag des Künstlers in Tübingen
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