„Sektiererische Antidemokraten“ – Bericht aus dem Inneren der AfD

© Foto : Hinrich LührssenJournalist Hinrich Lührssen
Journalist Hinrich Lührssen - SNA, 1920, 25.03.2021
Drei Jahre recherchierte der Journalist Hinrich Lührssen verdeckt in der Alternative für Deutschland (AfD). Er war nicht nur offizielles Mitglied dieser Partei, sondern auch in deren Bremer Landesvorstand und anschließend Landtagskandidat der rechten Wählervereinigung „Bürger in Wut“. Darüber hat er das Buch „Undercover in der AfD“ geschrieben.
- Herr Lührssen, was unterscheidet Ihr Buch „Undercover in der AfD – Eingeschleust und aufgedeckt – was wirklich in der AfD passiert“ von den vielen anderen Büchern über die Alternative für Deutschland?
Je mehr Bücher über die AfD erscheinen und darüber aufklären, umso besser. Der Unterschied ist, dass ich mich sehr an der Basis bewegt habe und dass es eben aktuelle Bezüge gibt.
- Sie waren mehrere Monate Mitglied in der AfD. Welche Erkenntnisse haben Sie aus der Zeit mitgenommen?
Ich würde die AfD, so wie ich sie erlebt habe, durchaus mit einer Sekte vergleichen. Das muss man so sagen. Es gibt Führer, die alles bestimmen können. Die Mitglieder hinterfragen selten etwas, sondern folgen einfach diesen Führern. Das Ganze bewegt sich in einer Blase, in der es zuhauf Verschwörungstheorien gibt.
- Wie wirken sich diese Umstände auf den Politikbetrieb in der Partei aus?
Es gibt ja wenig konkrete Ansätze wirklich zu Lösungen beizutragen. Aufgabe der Politik ist es ja, nicht nur rumzumotzen und sich abzukapseln, sondern irgendwann auch konkrete Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Und das leistet die AfD ja überhaupt nicht.
Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster (Archivbild) - SNA, 1920, 15.03.2021
Zentralrat der Juden hofft auf Verschwinden der AfD
- Haben sie denn damals versucht, mit Lösungsvorschlägen zu kommen?
Nein, das wäre mit meiner Rolle nicht vereinbar gewesen. So wie ich die Partei kennengelernt habe, wäre das auch überhaupt nicht möglich gewesen. Das ist sehr stark vom Spitzenpersonal bestimmt gewesen. Gegen diese Anführer konkrete politische Lösungsvorschläge zu erarbeiten, wäre ohnehin nicht möglich gewesen. Ich habe zum Beispiel mitbekommen, dass für das Landesprogramm vier Arbeitsgruppen gegründet wurden, um etwa die Politikbereiche Innere Sicherheit, Bildung, Verkehr weiter abzubilden. Von diesen vier Arbeitsgruppen hat nur eine überhaupt ein Ergebnis geliefert.
- Wie hat sich Ihre Recherche auf Ihr Berufs- und Privatleben ausgewirkt?
Das war natürlich schwierig. Der Kreis der eingeweiht war, musste klein sein. Deswegen habe ich in dieser Zeit auch Freunde verloren. Das war schon eine ziemliche Belastung. Auf der anderen Seite habe ich auch einen falschen Umgang erlebt und wie Fehler im Umgang mit AfD-Mitgliedern und -Sympathisanten gemacht werden. Bei mir war es zum Beispiel so, dass eine Lehrerin behauptet hat, mein Sohn hätte im Sportunterricht den Hitlergruß gezeigt. Das ist natürlich völliger Unsinn und gerade in dieser Zeit hatte ich stark in Richtung Antifaschismus argumentiert. Sowas wie den Hitlergruß gibt es in meiner Familie nicht. Aber weil die Lehrerin mitbekommen hatte, dass ich zu der Zeit kurzfristig Mitglied bei der AfD war, dachte die sich: Das muss der Hitlergruß gewesen sein. Dabei wollte mein Sohn sich nur melden.
- Sie gehen auch auf den Punkt ein, dass man alle AfD-Mitglieder häufig als Nazis bezeichnet. Das sehen Sie nicht so?
Nein. Nazis im Sinne von Nationalsozialisten – mit allem was dazu gehört – das finde ich völlig falsch und kontraproduktiv. Das führt dazu, dass sich da eine Art Wagenburgmentalität bildet, weil die AfDler sagen: Wir sind doch keine Nazis. Es geht mehr in Richtung Antidemokraten.
AfD-Fraktionschefin Alice Weidel (Archivbild) - SNA, 1920, 10.03.2021
„Mehr Pragmatismus, weniger ideologische Scheuklappen“ – AfD zu Besuch in Moskau
Ein großer Teil ihres Buches dreht sich um den Spitzenkandidaten der AfD Bremen zur Bürgerschaftswahl 2019, Frank Magnitz. Abgesehen von seinen politischen Ansichten scheint der es mit den Regeln des politischen Betriebs auch nicht so genau genommen zu haben.
Ja, das kann man sagen. Ich habe erlebt, wie er in meinem Fall falsche Meldebestätigungen ausgestellt hat – sogar zweimal. Man muss auch sagen, dass es da einen finanziellen Hintergrund gibt. Der Bundestagsabgeordnete hat an sich selbst und auch an die Partei Büroräume vermietet. Er ist zusätzlich Mitglied des Landtages in Bremen, obwohl das nach den Bestimmungen der AfD eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Ich habe ausgerechnet, dass der Mann so durch Politik auf einen Umsatz von ungefähr einer Dreiviertelmillion Euro im Jahr kommt.
- Das ist schon ordentlich. Ein Kapitel in Ihrem Buch heißt „Was tun gegen die AfD“. Was für Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Zeit als Parteimitglied?
Wichtig ist, dass die AfD zur Rede gestellt wird. Es ist in diesen Kreisen sehr verbreitet, ein „Themen-Hopping“ zu betreiben. Man springt von Bill Gates zu Syrien und dann zu Griechenland und so weiter. In der Diskussion mit der AfD ist es sehr produktiv, bei einem Punkt zu verharren und darauf zu bestehen, dass erstmal dieser Punkt alleine ausdiskutiert wird. Selbst beim Lieblingsthema der AfD, die Flüchtlinge, gibt es ja keinerlei Ansätze zu einer realistischen Lösung.
Das Buch „Undercover in der AfD – Eingeschleust und aufgedeckt – was wirklich in der AfD passiert“ von Hinrich Lührssen soll Ende März im Kampenwand Verlag erscheinen.
Das komplette Interview mit Hinrich Lührssen zum Nachhören:
Newsticker
0
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала