Falsche Prostituierten-Doku „Lovemobil“ - Eine uneinsichtige Autorin und ein Sender in Erklärungsnot

Lovemobil (2019) - SNA, 1920, 23.03.2021
Prostituierte, die keine Prostituierten sind. Freier, die keine Freier sind. Und Erfahrungsberichte nach einem Script: Die mit dem Dokumentarfilmpreis 2020 ausgezeichnete Produktion „Lovemobil“ hat sich als Fake herausgestellt. Dafür regnet es von allen Seiten Kritik, die Autorin aber beruft sich auf künstlerische Freiheit.
Der Film von Elke Margarete Lehrenkrauss über die Lebenswelt der angeblichen Sexarbeiterinnen „Milena“ und „Rita“, die an der B 188 in der Nähe von Gifhorn in einem Wohnwagen anschaffen sollen, wurde auf mehreren Festivals gezeigt. Am 8. Dezember lief die Doku im Programm des NDR. Nun hat die hauseigene Redaktion „STRG_F“ herausgefunden: Was als Dokumentarfilm daherkommt, ist gar keiner.
In einer aktuellen Pressemitteilung hat sich „Doña Carmen e.V.“ zu Wort gemeldet. Der Verein setzt sich für soziale und politische Rechte von Prostituierten ein: Mit der Lügen-Doku „Lovemobil“ habe der NDR nun seinen eigenen „Fall Relotius“. Die porträtierten Frauen hätten niemals als Sexarbeiterinnen gearbeitet. Was dem Publikum als deren persönliche Erfahrung vorgegaukelt worden sei, sei inszeniert gewesen, stellt der Verein klar:

„Damit hat die Regisseurin des Films nicht nur den NDR düpiert und das Publikum zum Narren gehalten. Sie hat damit auch ihre abgrundtiefe Missachtung von Sexarbeiterinnen dokumentiert, denen sie – natürlich unter dem Deckmantel der Empathie – ihre angebliche 'authentische Realität' überstülpt.“

Seit der Schwindel aufgeflogen ist, distanziert sich der NDR von der Autorin und sagt in einer Stellungnahme:

„Wir fühlen uns von der Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss getäuscht – und sind von ihr auch enttäuscht nach Jahren der vertrauensvollen Zusammenarbeit, in denen wir das Projekt immer unterstützt haben. Verabredet war ein Dokumentarfilm, kein Hybriddokumentarfilm oder Spielfilm. Authentizität ist essenziell für das Genre des Dokumentarfilms.“

Künstlerische Freiheit statt journalistischer Standards

Man habe zum ersten Mal mit dieser Autorin zusammengearbeitet und sich vorher von ihrer Seriosität überzeugt. Zwar würden beim NDR Mechanismen eingesetzt, die Täuschungen verhindern sollten, darunter ein Vier-Augen-Prinzip von Produktion und Redaktion, sorgfältige Abnahmen, Plausibilitäts- und Faktenchecks und stichprobenartige Detailprüfungen von Produktionen. Doch beim Dreh selbst sei die Redaktion nicht dabei gewesen. „Die Redaktion muss sich darauf verlassen können, dass die Autoren das vereinbarte Produkt abliefern und dabei journalistische Standards beachten“, so der NDR.
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Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss beruft sich hingegen auf ihre künstlerische Freiheit. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte sie, es sei „bösartig“, von Täuschung und Betrug zu sprechen. Ihr sei es wichtig gewesen, der real existierenden „Misere ein Gesicht zu geben“, deshalb habe sie sich dazu entschlossen, das Thema „emotional rüberzubringen“. Sie habe es versäumt, dem NDR mitzuteilen, dass es sich bei „Lovemobil“ um einen „Hybrid“ handle, eine Mischform aus Film und Dokumentation. Auch später, als sie damit von Festival zu Festival reiste, sei sie „von der Gelegenheit abgekommen, die Zwitterform als solche zu kennzeichnen“, so Lehrenkrauss.
„Doña Carmen e.V“. fordert, den aktuellen Fall des „Lovemobil“-Schwindels zum Anlass zu nehmen, die Hintergründe der Entstehung und Produktion auch anderer öffentlich-rechtlicher Dokus zu Sexarbeit und Prostitution einer kritischen Überprüfung durch ein vom Sender unabhängiges Gremium zu unterziehen. Notwendig sei umfassende Transparenz, nicht aber ein „Ablass für die Öffentlich-Rechtlichen“. Der Verein schlägt vor:

„Gegenstand der Überprüfung sollten eine Vielzahl ähnlicher Filme sein, mit denen öffentlich-rechtliche Sender das Publikum in den vergangenen Jahren geradezu überschwemmt haben, etwa Filme wie etwa ‚Sex - Made in Germany' (Juni 2013), ‚Bordell Deutschland' (November 2017) oder jüngst die Doku ‚Prostitution: Kein Job wie jeder andere' (März 2021).“

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