Wackere „Notbremse“ – Kritik bei ARD – Tabu-Themen bei „Anne Will“?

CC BY-SA 3.0 / Martin Kraft / Wikimedia CommonsLeiterin der politischen Talkshow Anne Will
Leiterin der politischen Talkshow Anne Will - SNA, 1920, 22.03.2021
An der Corona-Politik der Regierung hat man bei „Anne Will“ am Sonntagabend kein gutes Haar gelassen. Vom Bundeskabinett war im Studio bei der ARD allerdings auch niemand da. Dafür gab es einen neuen Talk-Akteur, der den Dauergast Karl Lauterbach in der Rolle eines Lockdown-Hardliners eindrucksvoll ersetzte.
Dass die Bund-Länder-Konferenz am Montag eine Verschiebung von Lockerungen und sogar zusätzliche Verschärfungen – etwa nächtliche Ausgangssperren – beschließen soll, war den Talk-Teilnehmern am Sonntag in der Sendung „Anne Will“ bereits bekannt. Den Planentwurf warf die Moderatorin den Studiogästen quasi in den Ring, damit sie ihn – verbal – zerfleischen. Das taten sie auch.

„Es reicht nicht, etwas zu versprechen“

„Ich glaube nicht, dass der ganz harte Lockdown uns jetzt weiterhelfen wird“, meinte etwa der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt. Bis zum 18. April – dem anvisierten Datum, bis zu dem die geplante „Notbremse“ nun gelten soll – würden die Corona-Mutationen sowieso nicht verschwinden. Überhaupt verspreche die Regierung zu viel und liefere zu wenig. Ein Beispiel dafür sah er in der schön konzipierten, aber schlecht realisierten Test-Strategie. „Es reicht nicht, etwas zu versprechen, wir müssen es einfach machen“, so der Arzt.
Der zugeschaltete FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki machte keinen Hehl aus seiner radikalen Oppositionshaltung: Die Corona-Politik der Regierung sei nicht nur „rechtswidrig“, sondern auch menschenfeindlich:

„Das Versagen dieser Regierung führt jetzt dazu, dass die Menschen nicht raus können“, ärgerte sich der Politiker. „Diese Versäumnisse – Sie merken das, diese regen mich auf, weil die Menschen darunter leiden müssen.“

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, zeigte zwar Verständnis für eine Lockdown-Verlängerung, vermerkte aber zugleich sarkastisch: „Das Kanzleramt ist weit weg von der Situation vor Ort.“
Empört war die SPD-Politikerin darüber, dass die Regierung nichts gegen den sich anbahnenden „Oster-Run“ nach Mallorca unternommen habe, während Urlaubsreisen zwischen einzelnen Bundesländern zu einem großen Teil untersagt seien. Von den Balearen würden die Urlauber nämlich die gefährliche brasilianische Virus-Mutante nach Deutschland herschleppen – bei einem Kurzurlaub in ihrem schönen Bundesland wäre dies aber nicht möglich gewesen, meinte Schwesig.
Boris Palmer (Archivbild) - SNA, 1920, 19.03.2021
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„Ich bin erstaunt und enttäuscht“

„New York öffnet jetzt Restaurants und Geschäfte, obwohl die Inzidenz dort bei 300 liegt, und wir denken über weitere Beschränkungen nach“, stellte die Moderatorin fest und fragte die „Zeit“-Redakteurin Samiha Shafy, die 2020 von März bis Oktober in New York gelebt hatte: „Wer macht es richtig?“
„Schwer zu sagen, aber eines machen die USA und New York auf jeden Fall richtig und machen das auch vor: Sie verfolgen entschlossen den einen Weg, der uns aus der Pandemie rausführen kann – und das ist das Impfen“, erwiderte sie.
„Im März und April vorigen Jahres habe ich sehr neidisch aus New York nach Deutschland geguckt – wir waren dort in der Apokalypse, während Deutschland das besonnen und erfolgreich zu managen schien“, fügte die Journalistin hinzu. „Wir kamen zurück im Oktober und von da ging es abwärts (…) Ich bin erstaunt und enttäuscht, wenn ich mir die Politik der Bundesregierung seit dem vergangenen Herbst angucke, die irgendwie mutlos, kopflos und konfus wirkt.“

Ein aussichtsreicher „Ersatzmann“ für Karl Lauterbach?

Es gab bei „Anne Will“ noch einen Talk-Debütanten, der schon bei seinem ersten Auftritt sichtlich beeindrucken wollte. Der 39-jährige Janosch Dahmin ist erst seit November 2020 Bundestagsabgeordneter der Grünen-Fraktion, früher war er Oberarzt beim Berliner Feuerwehr-Notdienst. Als Mitglied des Gesundheitsausschusses wird er nun sicherlich öfter seinen Senf zur Corona-Politik des Kabinetts geben und in dieser Rolle den omnipräsenten SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach entlasten – womöglich aus den Medien, zumindest teilweise, verdrängen.
Denn der Neuankömmling haute in die gleiche Kerbe wie sein älterer Bundestagskollege. Zugleich profilierte er sich als ein wohl noch radikalerer Lockdown-Hardliner, der ein „härteres Durchgreifen“ befürwortete und nicht weniger bildhaft als Lauterbach formulierte:
„Das Virus ist uns nicht auf den Fersen, sondern zwei-drei Schritte voraus“, betonte Dahmen in der Sendung.

„Eine ‚Notbremse‘, die suggeriert, dass man sagt, man bleibt bei den bisherigen Beschlüssen, heißt: Der Zug rollt weiter – und er rollt im Moment vor die Wand.“

In diesem poetischen Elan rutschten ihm aber auch so manche lustigen Formulierungen aus wie „körpernahe Dienstleistungen wie Frisöre und Baumärkte schließen“. Schade, dass Anne Will nicht nachgehakt hat, was „Körpernahes“ Herr Dahmen in einem Baumarkt so zu treiben pflegt.
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Eine „Notbremse“ auch bei der ARD?

Ansonsten zählte der frühere Notarzt die längst bekannten Versäumnisse der Bundesregierung auf: Mangel an Schnell- und Selbsttests, Fahrlässigkeit bei FFP2-„indoor“-Maskenpflicht und uneffektive digitale Kontaktnachverfolgung. Ein weiteres Versäumnis sah Dahmen voraus: „Wir werden bald so viel Impfstoff haben, dass wir den in der derzeitigen Struktur nicht verimpfen können.“ Deshalb sollten sich nicht nur Haus-, sondern auch Fachärzte auf den nahenden Impfstoff-Tsunami zumindest moralisch vorbereiten.
Die Talkshow hätte einiges an Inhalt gewonnen, hätte sie einen Repräsentanten der Regierung, vor allem des Gesundheitsministeriums unter den Teilnehmern gehabt. Alle von der Redaktion Angerufenen, einschließlich Jens Spahn, konnten beziehungsweise wollten nicht kommen, so die Moderatorin.
Aber auch Anne Will selbst hätte den Talk bestimmt kecker gestalten können, hätte sie die jüngste massive Querdenker-Aktion in Kassel oder eventuelle Verbindungen zu Spahns Ehemann Daniel Funke bei den Schutzmaskendeals im vergangenen Jahr zur Sprache gebracht. Offen bleibt, ob die Redaktion diese aktuellen Themen nicht aktuell genug fand oder bei der ARD für solche Geschichten eine „Notbremse“ gilt.
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