Tagesticket für mehr Freiheiten: Boris Palmer sorgt mit Projekt gegen „ewigen Lockdown“ für Aufsehen

© AFP 2022 / THOMAS KIENZLEEine Kellnerin serviert am 20. März 2021 den Gästen im Außenbereich eines Cafés in Tübingen Getränke.
Eine Kellnerin serviert am 20. März 2021 den Gästen im Außenbereich eines Cafés in Tübingen Getränke. - SNA, 1920, 22.03.2021
Am Montag beraten die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Bundesländer über die Corona-Maßnahmen. Allgemein wird erwartet, dass der Lockdown bis zum 18. April verlängert wird. Parallel bietet der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, das stadteigene Modellprojekt als Alternative an.
Als unlängst die Schnelltests bundesweit ausgeweitet wurden, kündigte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) an, im gesamten Stadtgebiet von Tübingen Gastronomie, Hotellerie und Kultur zu öffnen für die negativ Getesteten. Das am 16. März gestartete Modellprojekt in der Stadt in Baden-Württemberg sieht vor, dass alle Menschen, die den Einzelhandel in der Innenstadt nutzen wollen, ein negatives Schnelltestergebnis vorweisen müssen. Ausnahmen sind Buchhandlungen und Lebensmittelgeschäfte.
„Boris Palmer setzt schon längere Zeit das um, was wir anregen“, lobt der FDP-Chef Christian Lindner das Konzept in der „Wirtschaftswoche“. Aktuellen Umfragen zufolge zeigen sich zwei Drittel der Menschen in Deutschland mit dem Krisenmanagement der Regierung als einer Art von „Weiter so“ unzufrieden. Dafür wenden sich immer mehr Medien dem „Coronamanager der Republik“ zu.

Tübinger Tagesticket

Um das Konzept „Öffnen mit Sicherheit“ durchzusetzen, sind nach Palmers Angaben sechs Schnellteststationen in Betrieb gegangen. Dort werden 1000 Tests pro Stunde vorgenommen. Ein negatives Ergebnis wird demzufolge durch das sogenannte Tübinger Tagesticket bestätigt. Das ist dann eine Eintrittskarte in Läden, Restaurants und Friseursalons.
Wie die „Wirtschaftswoche“ unter Berufung auf die ortsansässigen Unternehmen berichtet, werden täglich etwa 5000 Tests bei 90.000 Einwohnern vorgenommen, mit steigender Tendenz. In Tübingen wurden im Laufe der Pandemie bereits umfangreich getestet und Schutzmaßnahmen in den Alten- und Pflegeheimen eingeführt. Auch die Infektionszahlen waren in der Stadt relativ niedrig.

Notfallärztin Lisa Federles als Initiatorin

Die Idee des „Öffnens mit Sicherheit“ stammt von der Tübinger Notärztin Lisa Federles, die Palmers Vertrauen genießt. Für ihren Einsatz in der Corona-Pandemie verlieh ihr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Oktober 2020 das Bundesverdienstkreuz. Schon im März letzten Jahres testete sie in Alten- und Pflegeheimen deren Anwohner und Pfleger auch ohne Verdacht auf eine Infektion oder Symptome.
Im November kritisierte Federles das Sozialministerium von Baden-Württemberg wegen der Engpässe bei den Schnelltests. Nun setzte sie sich für die Schnelltest-Strategie für mehr Freiheiten ein.
Palmer selbst hat dann laut „Wirtschaftswoche“ mit den Unternehmen vor Ort das Vorgehen abgesprochen. Alle stimmten zu, hieß es, obwohl der Handel aufgrund der niedrigen Inzidenz bereits Kunden auch ohne negativen Test bedienen konnte.

Strategie gegen Dauer-Lockdown

„Ich habe nur glückliche und fröhliche Menschen getroffen“, schrieb Palmer am Samstag auf Facebook. „Danke an die fast 100 Leute, die heute im Einsatz sind, um die Testungen möglich zu machen. Und natürlich an Lisa Federle, der wir das alles verdanken.“
Der Tübinger OB will aus dem „ewigen Lockdown“ raus, wie er bereits mehrmals in TV-Talkshows erklärte. Bei „Maybrit Illner“ im ZDF am Freitag sagte Palmer, er habe die Nase voll von „sehr deutschen Entscheidungen“ bei der Corona-Bekämpfung, also von „Bürokratie in der Bürokratie“. „Bei uns müssen immer alle Unterlagen zusammen sein und alle Beamten müssen ja gesagt haben“, kritisierte er. Stattdessen sei ihm die „britische Methode“ des „Trial-and-Error“, also „Versuch und Irrtum“, lieber. „Wenn die Richtung stimmt, dann legen die los.“
In einem Gespräch mit dem Online-Portal „The Pioneer“ von Gabor Steingart legte der OB am Sonntag nach: „Das deutsche System, alles zu planen, zu genehmigen, zu bürokratisieren, stößt an seine Grenzen.“ Er sei frustriert, dass „wir seit einem Jahr im Lockdown feststecken“, so Palmer.
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