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Teufelsanbeter und Eliten: Hexenglaube ist nicht ausgestorben – Historiker

© Foto : Wikimedia Commons / GemeinfreiHexensabbat von Frans Verbeeck
Hexensabbat von Frans Verbeeck - SNA, 1920, 20.03.2021
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Der Hexenglaube lebt auch heute noch. Die Verfolgungen beschränken sich nicht auf Teile Afrikas und Asiens, sie fassen auch im Westen in Form von Verschwörungstheorien vom Schlag „QAnons“ Fuß. Das erläutert der Hexerei-Experte und Historiker Johannes Dillinger und räumt mit Mythen auf.
Herr Dillinger, welches Falschwissen rund um die Hexerei ist am weitesten verbreitet? Und womit würden Sie als Forscher am liebsten aufräumen?
Noch immer glauben viele, dass die katholische Kirche die Verantwortung für die Hexenprozesse trage. Das ist Unfug. Allerdings ist es alter Unfug: Schon im 18. Jahrhundert, in einem der ersten Bücher über die Geschichte der Hexenverfolgungen überhaupt, stellte der Jurist Christian Thomasius diese Behauptung auf.
Thomasius wollte damit protestantische Fürsten dazu bringen, die Hexenprozesse einzustellen. Wann immer man sich mit der katholischen Kirche öffentlich auseinandersetzen wollte, wurde diese Fehlinformation neu propagiert. Das war so in Bismarcks Kulturkampf, das war so im Nationalsozialismus. Heute gehört diese Behauptung zu den Standardargumenten einfach gestrickter „Kirchenkritiker“.
In der öffentlichen Meinung hat sich der Glaube, dass die katholische Kirche und die Inquisition an den Hexenprozessen schuld wären, so festgesetzt, dass inzwischen auch viele katholische Theologen sie glauben. Dass das Unsinn ist, wird schon allein daran deutlich, dass protestantische Länder wie Schottland und Schweden intensive Hexenverfolgungen erlebten. Einige katholische Länder wie Portugal oder Irland blieben aber praktisch verfolgungsfrei.
Tatsächlich waren aber fast alle Hexenprozesse weltliche Prozesse. Das heißt, sie fanden vor staatlichen Gerichten statt. Angewandt wurde das Recht des Staates. Im Gericht saßen Beamte und Stadträte, keine Priester oder Mönche. Der Einfluss des kirchlichen Lehramts auf die Prozesse war nahe an Null.
Gefordert wurden die Hexenverfolgungen von den so genannten einfachen Leuten: der großen Mehrheit der Bauern und Bürger. Die letzte Verantwortung für die Hexenprozesse liegt bei den Fürsten, die sie in ihren Staaten zugelassen haben.
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Aus welchen Zusammenhängen, Katastrophen, historischen Umwälzungen und Bedürfnissen ist der mittelalterliche Hexenglaube entstanden?
Der Hexenglaube ist tatsächlich im 15. Jahrhundert, also den letzten Jahrzehnten des Mittelalters entstanden. Wirklich ausgewirkt hat er sich aber erst in der Frühen Neuzeit, also dem 16. bis 18. Jahrhundert.
Im Hintergrund stand die so genannte „Kleine Eiszeit“: eine Klimaverschlechterung mit natürlichen Ursachen, die etwa zwischen 1560 und 1650 die Durchschnittstemperatur drastisch sinken ließ. Sehr lange kalte Winter und kurze nasse Sommer brachten die Landwirtschaft Europas unter Druck.
Das Stresslevel der Gesellschaft stieg. In dieser Krise stieg die Bereitschaft, in anderen, insbesondere im persönlichen Gegner, einen Anhänger des Teufels zu sehen. Im Hintergrund vieler Hexenprozesse standen langwierige Konflikte.
Eine Hexerei-Beschuldigung war kein Trick, um eine unliebsame Person aus dem Weg zu räumen. Vielmehr betrachtete man aggressives Auftreten einzelner Personen als belastende Indizien, wenn man nach Hexen suchte. Demjenigen, der einem als böser Mensch erschien, traute man zu, dass er als Hexe dem Teufel diene.
War der Glaube mehr oder weniger in der Zeit beständig oder gibt es da eine Evolution? Welche Rolle spielen dabei Werke der Kirche wie der „Hexenhammer“?
Der „Hexenhammer“ war nicht das Werk „der Kirche“. Geschrieben wurde das Buch von einem Mönch, der aber in seinem eigenen Orden ein absoluter Außenseiter war. Positive theologische Gutachten zu diesem Buch hat er erschlichen und gefälscht. Die theoretische Auseinandersetzung mit den Hexen war meist nur ein Kommentar zu praktischen Hexenverfolgungen.
Entscheidend war, wie die Justiz in den jeweiligen Staaten organisiert war. Faustregel: Je besser ein Staat organisiert ist, desto weniger Hexenprozesse lässt er zu. In gut geordneten Staaten mit professionalisierter Justiz – zum Beispiel England, Preußen, Württemberg – gab es wenig Hexenprozesse. In Staaten mit schwacher Zentralregierung und weitgehend autonomen lokalen Gerichten konnte es zu Verfolgungskatastrophen kommen – zum Beispiel in Schottland, in großen Teilen des westlichen Deutschlands, in Mainfranken.
Wo kommt gegenwärtig Hexenglaube in seiner annähernd archaischen Form vor? Wie werden Vorwürfe der Hexerei dort begründet und selbige bestraft?
Der Hexenglaube ist weder archaisch noch wirklich mittelalterlich. Er gehört eher zu den „Kinderkrankheiten“ der Moderne. In der Gegenwart werden vermeintliche böse Zauberer in Teilen Afrikas und Asiens verfolgt. In einigen Staaten – Kamerun, Saudi-Arabien – gibt es Gesetze, die Schadenszauber zu einem Verbrechen erklären und mit dem Tod oder Gefängnis bestrafen. Daneben gibt es in Teilen Afrikas häufig Lynchmorde an vermeintlichen bösen Zauberern. Sie sollen, ähnlich wie Hexen Europas, Krankheit und Tod verursachen können.
Der Hexenglaube in Afrika hat – ähnlich dem in Europa – häufig eine elitenfeindliche Spitze: Sozialer Aufstieg kann mit Hexerei erklärt werden. In Europa wie in Afrika werden Hexenverfolgungen begünstigt durch schlecht organisierte, schwache staatliche Strukturen (failed states) und wirtschaftliche Krisen.
Sie sehen gegenwärtig auch im Westen bestimmte Elemente aus dem Hexenglauben wieder aufkommen. Wo passiert das? Welche Elemente stecken dahinter? Und welche Bedürfnisse werden da befriedigt?
Seit 2017 verbreitet der anonyme Autor „Q“ im Internet geheimnisvolle Nachrichten, die eine wachsende internationale Anhängerschaft zu entschlüsseln versucht. Schon in den ersten Nachrichten von „Q“ wurde behauptet, dass es in der US-Regierung Teufelsanbeter gebe. „Q“ hat immer wieder behauptet, dass es eine Verschwörung von reichen und einflussreichen Personen gebe, die Kinder missbrauche und töte. Diese Verschwörung verehre auch den Teufel. Zu den Anführern dieser geheimen Gruppe soll Hillary Clinton gehören.
Auch die Hexen der Frühen Neuzeit sollten eine lichtscheue Verschwörung sein. Auch sie sollten wirtschaftliche und soziale Führungskreise unterwandert haben. Den Hexen der Frühen Neuzeit wurde ebenfalls immer wieder vorgeworfen, dass sie Kinder töteten. Der Fokus auf Frau Clinton findet eine gewisse Entsprechung darin, dass auch die Hexen vornehmlich Frauen gewesen sein sollen. Gemeinsam ist den Verschwörungstheorien von „Q“ und dem Hexenglauben die Bereitschaft, den jeweiligen Gegner zu verteufeln. Beide sind erwachsen aus einem Klima der Angst und des Misstrauens.
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