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Bei „Maybritt Illner“: Talkshow-Star „Herr Tübingen“ – und Corona als Jungbrunnen

CC BY-SA 4.0 / Superbass / via Wikimedia CommonsBoris Palmer (Archivbild)
Boris Palmer (Archivbild) - SNA, 1920, 19.03.2021
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Bereits der Sendungstitel bei „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend im ZDF – „Hoffnung mit Risiko – Impfen ohne Vertrauen?“ – klang recht diffus, schwer verständlich und kaum verlockend. Und die Moderatorin verwechselte mehrmals den Namen eines Gastes. Klar: Die TV-Leute sind der ständigen Corona-Talks müde. Die Zuschauer auch. Geht’s noch?
Für die Talk-Redakteure wird es bestimmt zumehmend schwieriger, beim Dauerthema Corona sich ständig etwas Neues einfallen zu lassen. Die Situation dreht sich in Deutschland im Teufelskreis, die gleichen Studiogäste wandern von Sendung zu Sendung und erzählen fast immer das Gleiche. Mit wenigen Ausnahmen.

Der Talkshow-Star „Herr Tübingen“

Für gewisse Belebung sorgt beispielsweise der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), wenn er eingeladen wird. Er profiliert sich in der Pandemie-Zeit als „Revoluzzer“ mit seinen Bemühungen, das Geschehen aus dem besagten Teufelskreis rauszureißen – etwa mit totalen Testungen seiner Einwohner. Palmer sei ein toller Kerl, der Rest des Landes solle von ihm Beispiel nehmen, heißt es in jedem TV-Talk, bei dem er dabei ist. Und das seit Monaten. Ändern tut sich aber kaum etwas.
Am Donnerstagabend nahm Palmer im ZDF die Gelegenheit wahr, um die monatelangen Zuckungen der Bundesregierung um den Impfstoff Astra-Zeneca durch den Kakao zu ziehen. Die Moderatorin lud den zugeschalteten Oberbürgermeister allerdings recht originell zur Diskussion ein: „Herr Tübingen, war das Stoppen von Astra in Ihren Augen sinnvoll?“ Wenige Minuten später wandte sich die Moderatorin abermals mit „Herr Tübingen“ an Boris Palmer an, was für eine bei einem politischen TV-Talk sonst äußerst seltene Aufheiterung sorgte.
„Herr Tübingen“ reagierte darauf mit leichtem Schmunzeln und legte los: In Bezug auf Astra-Zeneca sei dreimal die falsche Entscheidung getroffen worden. Zunächst habe es Verzögerungen mit der Zulassung des britisch-schwedischen Vakzins gegeben.
„Dann haben wir entschieden, dass dieser Impfstoff nur an Jüngere gegeben werden kann. Aber gerade bei den Jüngeren gibt es die Komplikationen. Und wir haben nicht diejenigen geimpft, die ein viel höheres Todesrisiko haben, nämlich die Menschen über 65.“ Palmer alias „Tübingen“ fügte hinzu:

„Und jetzt haben wir noch den dritten Fehler gemacht, nämlich die Impfungen zu unterbrechen, was Verunsicherung erzeugt.“

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Sind Briten gescheiter als Deutsche?

Von dieser Aufzählung ging der Grünen-Politiker gleich zu globalen Verallgemeinerungen über, die ziemlich unpatriotisch klangen: „Warum wir Deutschen immer die falschen Entscheidungen getroffen haben und die Briten die richtigen?“ Palmer antwortete auf die eigene Frage selbst:

„Unsere Sicherheitskultur geht immer dahin, dass alle Unterlagen zusammen sein müssen, dass alle Vorschriften erfüllt sein müssen und dass alle Beamten ‚Ja‘ gesagt haben.“

Die Engländer dagegen „sind eher für ,Trial and Error’ zu haben und sagen, wenn die Richtung stimmt, dann legen wir los“, hieß es.
Hätte Palmer an der Stelle etwas weiter zurück gedacht, hätte er sich bestimmt daran erinnert, dass das „Trial and Error“-Prinzip den Briten zu Beginn der Pandemie katastrophale Opferzahlen gekostet hatte: Das „Trial“ bestand nämlich darin, dass die Corona-Gefahr lange, selbst von Premier Boris Johnson, bagatellisiert wurde – was sich eben als ein „Error“ erwies.

Ist Tübingen schöner als Mallorca?

Ansonsten war der Bürgermeister aus Tübingen, obwohl nur zugeschaltet, in Illners Sendung aktiver als Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der im Berliner Studio saß. Sein neuer Vorschlag bestand eigentlich nur darin, bei den Impfungen „flexibler zu werden“: „Nach dem Schutz derjenigen, die es am nötigsten hatten, geschützt zu werden, müssen wir jetzt deutlich flexibler werden – und deutlich schneller die Betriebs- und Hausärzte mit ins Netz nehmen.“ Außerdem müssten die Jüngeren massiver in die Impfkampagne einbezogen werden – weil sie mobiler seien und insofern potentiell mehr Menschen anstecken könnten, wie Müller meint.
Äußerst ärgerlich für den Berliner Regierenden ist auch der mögliche Run der Deutschen auf Mallorca, nachdem sich die Balearen für infektionsfrei erklärt hatten. Den potentiellen Mallorca-Reisenden drohte er mit einer „Corona-Testpflicht“ nach der Rückkehr. Eigentlich hätte diese Maßnahme längst nicht als „Strafe“, sondern als Routine eingeführt werden sollen – und die meisten Reiselustigen hätten sich dafür nur bedankt. Selbst wenn sie die Tests aus eigener Tasche hätten bezahlen müssen.
Aber auch Palmer wetterte gegen die potentiellen Malle-Besucher und bot seine Stadt als Alternative an, weil „Tübingen schöner als Mallorca“ sei. Vor ein paar Tagen sei dort ein Projekt gestartet, mit dem Tübingen in eine Art „Freistadt“ verwandelt werden soll. Wer sich in einem der sechs Testzentren der Stadt negativ getestet wurde, bekommt einen Pass, mit dem mehrere Stunden lang Geschäfte, Kulturanstalten und Außengastronomie besucht werden dürfen.
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Die Pandemie als Jungbrunnen?

Hat der Grünen-Politiker Palmer mit seinen Initiativen beim TV-Talk indirekt für seine Partei geworben? Nach den jüngsten Landtagswahlen und im Vorfeld der Bundestagswahlen würden viele Zuschauer seinen Auftritt gerade unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Eine – wenn auch kurze – politische Analyse des Geschehens lieferte der aus Bonn zugeschaltete BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken.

Zu Beginn der Pandemie vor einem Jahr „waren sich die Politiker so einig, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen hatte“, stellte er fest. „Das hat mir unheimlich imponiert."

Jetzt aber wirkten sich die politischen Kämpfe immer stärker auf die Corona-Strategie aus. „Wenn die Leute dann erleben, dass die Politik aufeinander einschlägt und so eine Zerrerei entsteht, dann trägt das nicht dazu bei, dass die Leute wirklich das Vertrauen entwickeln können, sich impfen zu lassen“, meinte der Musiker.
Der 69-Jährige selbst sei demnächst mit der Impfung dran. 70 wird er am 30. März, und für den Tag war aus diesem Anlass bereits seit langem sein Konzert in der Köln-Arena eingeplant gewesen, das nun ausfallen wird. Deshalb sei beschlossen worden, den Jubiläumsauftritt um ein Jahr zu verschieben. „Ich werde dann zwei Jahre lang 69 bleiben, und wir feiern dann 70 am 30. März 2022“, kündigte Niedecken an.
Schön wär’s. Dass das Jahr 2022 nicht genauso ausfallen wird, wie 2020 bereits ausgefallen ist und nun auch 2021 auszufallen droht – dafür würde heute kaum jemand eine Garantie geben.
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