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Epidemiologe Stöhr: „Sieben-Tage-Inzidenz als Grundlage für den Lockdown ist ein Fehler“

© REUTERS / MATTHIAS RIETSCHELÄrztin beim Corona-Testen von Mitabeitern der staatlichen Kunstsammlung in Dresden
Ärztin beim Corona-Testen von Mitabeitern der staatlichen Kunstsammlung in Dresden - SNA, 1920, 18.03.2021
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Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr erklärt in einem Zeitungsinterview, was er als das größte Versagen der Bundesregierung bei der Pandemiebekämpfung ansieht. Zudem, wieso er die Sieben-Tage-Inzidenz als einzige Grundlage für die Lockdown-Maßnahmen für falsch hält.
Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr arbeitete viele Jahre für die Weltgesundheitsorganisation WHO als Leiter des Globalen Influenza-Programms und als Sars-Forschungskoordinator. Anschließend war er in der Impfstoffentwicklung beim Pharmakonzern Novartis tätig. Im Interview mit dem Magazin „Focus“ sieht er als größtes Versagen der Bundesregierung, dass der Schutz der Alten- und Pflegeheime nicht priorisiert wurde. 40 Prozent der Todesfälle kämen nun aus einer kleinen Gruppe von 860.000 Menschen in diesen Einrichtungen, so Stöhr.

„Bundesregierung stützt sich auf ein falsches Berater-Konzept“

Auch sei es ein Fehler alleine die Sieben-Tage-Inzidenz der gesamten Bevölkerung als Grundlage für die Lockdown-Maßnahmen aufrufen. Besser wäre es, den Trend der Reproduktionszahl (R-Wert), die Positivrate der Tests, die Lage in den Intensivstationen und die Kapazität der Gesundheitsämter als „Indikatoren für Lockern oder Schließen“ zu nehmen. Stöhr kritisiert, dass sich die Bundesregierung auf ein falsches Berater-Konzept stütze:
„Auf dem langen Weg zum Pandemieende braucht es eine multi-disziplinäre Taskforce: eine aus dem regulären Arbeitsprozess herausgelöste Gruppe von Experten und Managern, die die Regierung dauerhaft beraten. Ihre Aufgabe ist es, alternative Entscheidungsvorlagen für die Pandemiebekämpfung zu entwickeln, die verschiedene Kompromisse zwischen Gesundheit, Wirtschaft und Freiheit finden. Statt einzelnen Experten je drei Minuten in der Ministerpräsidentenkonferenz zu geben, sollten die politischen Entscheider über diese im Vorfeld erarbeiteten Konzepte beraten. Das wäre die Grundlage für eine evidenzbasierte Risikoeinschätzung sowie professionelles Krisenmanagement und -kommunikation.“
Eingang ins Deutsche Museum in München - SNA, 1920, 12.03.2021
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Stöhr: Ab Ostern geht Sterberate stark zurück

Aktuell würde die Impfabdeckung in den hohen Altersgruppen zunehmen, die Sterbefälle aber abnehmen. Es sei immer noch Winter, die Pandemiemüdigkeit und ebenso die Mobilität nehme zu. Würden Kontakte in der Familie, im Freundeskreis und am Arbeitsplatz auch weiterhin reduziert, würden überfällige Öffnungsschritte auch nicht zu einer dramatischen Zunahme der Fälle führen. Stöhr erwartet, dass ab Ostern die Sterberate stark zurückgehen werde, die Inzidenz, besonders in den jüngeren Altersgruppen, aber noch weiter zunehme. Dann werde es umso wichtiger, andere Kriterien für die Bewertung der Situation heranzuziehen. Er fordert:

„Ich habe immer gesagt: Im Winter die Inzidenz von 50 zu erreichen, ist illusorisch und realitätsfremd – und noch schwieriger: sie zu halten. Die Menschen wollen dann auch Lockerungen sehen. Unsere Nachbarländer können offenbar mit einer Inzidenz von 100 oder 150 besser umgehen – bei geringerer Sterberate, offenen Kitas, Grundschulen und Geschäften mit Hygienekonzepten.“

Das fordert auch die von Stöhr koordinierte Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern, die sich auf der Plattform „Coronastrategie“ zusammengefunden haben. Gemeinsam mit unter anderem dem Internisten Matthias Schrappe, dem Virologen Jonas Schmidt-Chanasit und dem Medizinstatistiker Gerd Antes wirbt er dort für die interdisziplinäre Risikoeinschätzung als Vorbereitung von politischen Entscheidungen in der Pandemiebekämpfung.
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