Emotionen als Eskalationsfaktoren: hat die deutsch-russische Annäherung Chancen?

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Besucher im Bundestagsgebäude (Archivbild) - SNA, 1920, 18.03.2021
Die europäisch-russischen Beziehungen sind in der schwersten Phase nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Deutsch-Russische Forum hat Experten zur Diskussion „Wer Frieden wünscht, bereite Krieg vor?“ im Rahmen der Moskauer Gespräche eingeladen. Wird sich die Negativspirale weiterdrehen?
Es ist kein Geheimnis, dass alle an Frieden, Gemeinsamkeit, Toleranz, Achtung und Respekt füreinander interessiert sind. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht unterschiedlicher Meinung sein kann. Vielleicht redet man nicht genug miteinander? Oder versteht man einander nicht? Das scheint das große Problem der bilateralen Beziehung zu sein. Haben sich Deutsche und Russen entfremdet?
Eine klassische Antwort des Historikers: Alles ist viel komplizierter, merkte Prof. Dr. Sönke Neitzel von der Universität Potsdam an. „Wir haben uns auf jeden Fall entfremdet auf der Ebene der Staaten. Das Russland-Bild in Deutschland ist vielfältiger, es gibt Russlandversteher und Russlandhasser. Aber das heißt nicht, dass wir in der Gesellschaft wenig Verbindung haben.“
Neitzel ist Mitglied der Gemeinsamen deutsch-russischen Kommission für die Erforschung der jüngeren Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen (Vertrauensbildung durch wissenschaftliche Zusammenarbeit), die von Kohl und Jelzin nach der Wiedervereinigung Deutschlands installiert wurde. Seit dieser Zeit habe die Kommission unterschiedliche Phasen erlebt, sagte er.
„Wir haben uns auf menschlicher Ebene angenähert, aber natürlich gibt es massive Unterschiede in der Rolle, die Geschichte spielt, und in unserem Wissenschaftsverständnis. Holocaust ist ein Thema, an dem man sehr gut zusammenarbeiten kann. Es gibt auch Themen, über die wir nicht zusammenarbeiten können. Aber man lernt die Unterschiede kennen. Es gibt kein Gut und kein Richtig oder Falsch, es ist einfach unterschiedlich.“
Prof. Dr. Sönke Neitzel
Universität Potsdam
Laut Neitzel ist die Schwierigkeit im bilateralen Umgang keine deutsch-russische Einmaligkeit. Sie ist nicht auf Russland und Deutschland beschränkt, sondern auch auf andere Länder, sogar auf EU-Mitglieder, beispielsweise Italien. Wenn deutsche Wissenschaftler im italienischen Militärarchiv in Rom über den Zweiten Weltkrieg forschen wollen, ist der Zugang extrem schwer.
Wladimir Grinin, Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland (2010-2018) kam 1973 zum ersten Mal in die BRD und lernte solche prominenten Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Walter Scheel und Egon Bahr kennen. „Es war eine sehr interessante Zeit in der Geschichte unserer Länder“, erinnert sich der promovierte Historiker. Im Jahr 2010 kam Grinin bereits als Botschafter Russlands nach Berlin.

„Die Perspektive einer Annäherung und dynamischer Entwicklung beider Länder war offenbar. Aber dann kamen Momente, die uns in eine verzweifelte Situation brachten. Es muss zugegeben werden, dass wir auf der einen Seite waren und unsere deutschen Kollegen mit den Vereinigten Staaten auf der anderen. Die USA haben dazu beigetragen, was in der Ukraine passiert ist. Dies muss klar verstanden werden. Offiziell wurden wir beiseitegeschoben, aber die informelle Kommunikation mit der deutschen Öffentlichkeit auf verschiedenen Ebenen war perfekt und hat viele Fragen geklärt”

Wladimir Grinin
Ex-Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland
Die Entfremdung zwischen Russland und Deutschland sei schrittweise erfolgt, meint Dr. Regina Heller, wissenschaftliche Referentin am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Die internationalen Beziehungen seien immer durch Emotionen geprägt, was alle Länder betrifft. Im Fall Russland-Deutschland sei die Entfremdung ein langes Problem. Bereits in den 1990er Jahren sei die Frage gestellt worden: Was will Russland eigentlich? 2007 habe es die berühmte Rede von Wladimir Putin in München gegeben, wo der russische Präsident alle Argumente und Emotionen auf den Tisch gelegt habe, betonte die Expertin.
„Die Entfremdung, die wir heute (zwischen Russland und Europa) feststellen, hat ihren Anfang in den 1990er Jahren genommen, in einem zunehmenden Gefühl auf der russischen Seite, auf der Ebene der politischen Institutionen oder politischen Entscheidungsträger, dass Russlands Rolle als gleichberechtigte Großmacht in Europa, aber auch in der Welt von westlichen Akteuren nicht angemessen berücksichtigt wird. Dann wurde dieses Gefühl in bestimmten Situationen aktualisiert: Nato-Osterweiterung, Kosovo-Krieg, militärische Intervention der Nato, europäisches Raketenabwehrsystem und der Konflikt in der Ukraine. Wir sehen, dass anfänglich die Emotionen, die normalerweise sich ausbreiten und dann wieder abflachen, konstant werden. Diese negative Erfahrung hat sich soweit verfestigt, dass sie identitätsbildenden Charakters ist und so dann gegenüber dem Westen auftreten wird.“
Emotionale Faktoren könne man überall in vielen anderen Ländern, nicht nur in Russland, feststellen, so Regina Heller. Wichtig sei, welche positive und negative Erfahrung gemacht wurden und welche Erwartungen daraus generiert werden, die dann einen gewissen Einfluss auf politische Entscheidungen haben.
Befinden wir uns in einer Spirale der Konfrontation zwischen Russland und Europa? „Wir haben die Chance, im Bereich der Rüstungskontrolle einen Dialog aufzubauen. Es gibt daran Interesse auf beiden Seiten, auf der Seite der USA jetzt auch wieder“, sagte die Expertin mit vorsichtigem Optimismus.
Der Rote Platz in Moskau - SNA, 1920, 15.03.2021
Woher rührt die wachsende Entfremdung zwischen Russen und Deutschen?
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