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„Hart aber fair“ im Feuerwehrmodus: Nach Impfstopp schlägt TV-Talk Zuschauerrekorde

© AP Photo / FRITZ REISSModerator des TV-Talks „Hart aber fair“ Frank Plasberg
Moderator des TV-Talks „Hart aber fair“ Frank Plasberg - SNA, 1920, 16.03.2021
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Nahezu einmalig: ARD überrascht politische Großkaliber wie Kevin Kühnert, Cem Özdemir und Paul Ziemiak wenige Stunden vor dem Sendungsbeginn mit einer Ausladung. Ersetzt werden sie durch „Corona-Guru“ Karl Lauterbach und andere, die über den Impfstopp sprechen sollen. In puncto Einschaltquoten war das wohl ein echter Erfolg.
Die Überlegung in der ARD-Chefetage lautete sicherlich: Wer wird schon ein weiteres Getratsche über die Wahlresultate in Südwestdeutschland sehen wollen? Viereinhalb Stunden vor dem Sendebeginn des traditionellen TV-Talks „Hart aber fair“ am Montag wurde der Sendeplan umgeschmissen. Auf die Schnelle wurde eine völlig neue Diskussionsrunde zusammengezimmert, nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündet hatte, dass die Anwendung des Astra-Zeneca-Impfstoffs in Deutschland gestoppt wird.

„Uns droht eine Katastrophe“

Von der ursprünglichen Runde durfte lediglich der „Welt“-Journalist Robin Alexander im Studio bleiben, dem wohl egal ist, worüber er reden soll – ob über Politik oder Pandemie. Natürlich wurde der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach eingeladen, der bei den wenigsten TV-Talkshows zum Thema Corona fehlt. Zugeschaltet wurden Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar und Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) – ebenfalls keine seltenen Studiogäste, wenn es um das Virus geht.
Lauterbach, dessen Hang zur Dramatik den Zuschauern längst bekannt ist, strapazierte an dem Abend das Wort „Katastrophe“ besonders eifrig. Sollte Astra-Zeneca aus dem deutschen Impfprogramm ganz gestrichen werden, „droht uns eine Katastrophe“, behauptete er. Die Vorräte der sonstigen Impfstoffe von den Firmen Moderna und Biontech seien nicht ausreichend, Astra-Zeneca sei ein wesentlicher Bestandteil der Impfstrategie. Sollte dieses Vakzin völlig ausfallen, würde das Impftempo stark gedrosselt – und „das wäre eine Katastrophe“. Zusätzlich verschlimmert wäre diese durch „eine fulminante dritte Welle, in die wir reingehen“.
„Fulminant“ – das klingt nicht nur schön, sondern auch ganz schön dramatisch, nicht wahr? Als TV-Akteur eignet sich Lauterbach in dieser Hinsicht optimal. Auch deshalb ist er in allen Fernsehtalks so gefragt.
Die Entscheidung von Minister Spahn, das Impfen mit Astra-Zeneca für die Dauer der angeordneten zusätzlichen Untersuchung des Präparats auszusetzen, sei ein Fehler, so der SPD-Abgeordnete. Diese Untersuchung werde nun sieben bis zehn Tage dauern. Wäre Lauterbach heute Bundesgesundheitsminister, würde er nach eigenen Worten „das Risiko für diese Woche“ auf sich nehmen und weiter impfen lassen.
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„Diese Woche macht den Kohl auch nicht fett“

Vorerst aber heißt der Gesundheitsminister anders. Und die beiden anderen Experten, Gassen und Yogeshwar, bewerteten Spahns Entscheidung als richtig. Yogeshwar zufolge werde es nun 350.000 Impfungen weniger pro Woche geben – ein zwar schmerzhafter, aber verträglicher Verlust. Unaufgefordert lieferte der Experte an dieser Stelle eine politische Wertung: Er würde lieber in einem Land leben, in dem auch „Details berücksichtigt werden“ für eine Entscheidung, als in einem, das etwaige negativen Details verheimlichte. Wen er damit konkret meinte, verriet der Wissenschaftsjournalist nicht.
KBV-Chef Gassen findet den Impfstopp richtig, weil das ohnehin angeschlagene Vertrauen in der Bevölkerung dadurch eher gestärkt werden könnte. Und „diese eine Woche macht den Kohl auch nicht fett“. Er fügte hinzu:

„Transparenz ist das wirksamste Mittel gegen Verschwörungen und Impfgegner.“

Die besagten prinzipiellen Impfgegner hatte die ARD leider nicht eingeladen – sonst wäre die Sendung natürlich um einiges dramatischer gelaufen.
Im Unterschied zu Lauterbach sah Gassen die Lage gar nicht so „katastrophal“. Den Großteil der Impfstoffe würde ohnehin die von „Biontech aus dem zweiten Werk in Marburg" ausmachen. Im Mai würden dann Lieferungen vom Johnson & Johnson-Impfstoff erwartet. Und überhaupt sei Corona schließlich „nicht Ebola“.
Zugleich bedauerte aber auch der Kassenarzt Gassen das fehlende strategische Denken bei den Entscheidungsträgern in der Regierung. Die hatten so viel auf die Impfkampagne gesetzt, die nun dermaßen kläglich realisiert werde:

„Man sieht, wie anfällig wir sind. Das ist wie ein Hocker, der nur auf zwei Beinen steht. Und dann fällt eines weg und dann wird’s ganz schön kippelig."

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„Verunsichert, wütend und enttäuscht“

Das Risiko einer Thrombose als Nebenwirkung einer Astra-Zeneca-Impfung liege laut bisherigen Statistiken bei eins zu 250.000 bis 300.000, stellte Lauterbach fest. Ist es viel oder wenig? Für diejenigen, die jede Woche Lotto spielen, wo die Chance auf ein Jackpot meist bei eins zu mehreren Millionen liegt, würde dies erschreckend hoch erscheinen.
„Das große Misstrauen in diesen Impfstoff wird sich wahrscheinlich noch potenzieren", unkte der „Welt“-Journalist Alexander. Der sah seine Rolle in der Expertenrunde darin, die kläglich gescheiterte Corona-Strategie des Kabinetts weiter in den Dreck zu ziehen. Dennoch würde er sich – wie auch alle anderen Teilnehmer der Sendung – „sofort“ mit dem Astra-Zeneca-Vakzin impfen lassen, wenn ihm das angeboten werden sollte.
Brigitte Büscher, die für Zuschauer-Reaktionen zuständige Assistentin des „Hart aber fair“-Moderators Frank Plasberg, berichtete: „Ich habe lange nicht mehr erlebt, dass wir innerhalb weniger Stunden so viele Kommentare bekommen haben.“ Was wohl bedeuten soll, dass die Zuschauerquote nach der plötzlichen Programmänderung rekordverdächtig war. Die meisten Zuschauer, hieß es, seien infolge des überraschenden Impfstopps „verunsichert, wütend und enttäuscht“.
Eine der in der Sendung zitierten E-Mails lautete:

„Ich würde sofort unterschreiben, um alle aus der Haftung zu entlassen, wenn ich mich mit Astra impfen lassen könnte … Ich bin entsetzt, traurig und stocksauer.“

In einer anderen hieß es: „Ich bin bereit, das Impfrisiko zu tragen – es gibt keine hundertprozentige Sicherheit im Leben.“
Witzig ist dabei, dass das ganze Tohuwabohu wohl recht bald auch enden wird. „Der Impfstoff wird sicherlich auch nach der Untersuchung weiter genutzt werden“, äußerte Lauterbach. Es werde nur „vermutlich eine Warnung ausgesprochen“.
Ein weiteres Thema drängte sich eigentlich in dieser Ad-hoc-Sendung quasi auf, wurde allerdings umgangen: Warum hat sich die EU und damit auch Deutschland in Sachen Corona-Impfstoff dermaßen radikal von den sonstigen Vakzinen abgekapselt, die weltweit millionenfach zur Anwendung kommen – in China, in Russland oder in Indien? Bleibt zu hoffen, dass dieser Aspekt in weiteren TV-Talks der Woche zur Sprache gebracht wird. Sicherlich wird der Impfstoffstopp das schnell abgedroschene Thema Landtagswahlen weiterhin verdrängen.
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