Registrierung erfolgreich abgeschlossen!
Klicken Sie bitte den Link aus der E-Mail, die an geschickt wurde

Woher rührt die wachsende Entfremdung zwischen Russen und Deutschen?

© SNA / Vladimir Astapkovich / Zur BilddatenbankDer Rote Platz in Moskau
Der Rote Platz in Moskau - SNA, 1920, 15.03.2021
Abonnieren
Alexander Rahr, Osteuropa-Historiker und Politologe, präsentierte im Online-Talk des Deutsch-Russischen Forums sein neues Buch "Anmaßung. Wie Deutschland sein Ansehen bei den Russen verspielt", das im Verlag Das Neue Berlin am 22. März erscheint. Provokant und emotional geschrieben, geht es hier um eine Zäsur in den deutsch-russischen Beziehungen.
Der Autor untersucht anhand von sieben symptomatischen Beispielen, was in den Menschen, was in Politik und Wirtschaft, was bei Verantwortlichen und einfachen Leuten in Russland vorgeht. Kurzum: Was und wie denken sie über Deutschland und die Deutschen? Woher rührt die wachsende Entfremdung? Von wem geht diese Entfremdung aus und wo führt sie hin? „Die Russen wundern sich über die letzten Umfragen in Deutschland, wonach die Massenmigration und Russland für die Deutschen zu den größten außenpolitischen Gefahren zählen“, so Rahr.
Fast ein Drittel der Deutschen sehen Russland inzwischen als gefährlich für die eigene Sicherheit an. 2019 waren es nur sechs Prozent. „Doch welche Gefahr geht für Deutsche von Russland tatsächlich aus?“, fragt der Buchautor. „Vielleicht ist sie nur gefühlt, künstlich. Leiden die Deutschen unter falschen Vorstellungen?“ Er befragt Russen, darunter auch Deutschlandversteher, was denken sie über die Deutschen. Ob sie daran glauben, dass es zwischen Deutschland und Russland zu einem Bündnis bzw. zu einer Partnerschaft kommt. „Interessiert man sich aber in Deutschland wirklich dafür, wie die Russen die Deutschen sehen?“, fragt Rahr. „Nicht wirklich.“

Interessiert das jemanden?

Für die heutigen Deutschen sei es weitaus wichtiger, von den USA, Großbritannien und Frankreich respektiert sowie in der Europäischen Union ernst genommen zu werden, urteilt er, „in Ländern und Nationen, mit denen Deutsche in einem Wertebündnis, mancher würde sagen, einer gemeinsamen Kultur zusammenleben. Was außerhalb der transatlantischen Gemeinschaft gedacht wird, interessiert nicht wirklich.“
Rahr zitiert in seinem Buch aber auch andere Meinungen, wie diese eines Barkeepers: „Russen und Deutsche verstehen sich aus der gemeinsamen Geschichtserfahrung viel besser als die Angelsachsen und Germanen, Südeuropäer und Nordeuropäer. Wenn sich Deutsche abends an der Bar treffen und es um Weltereignisse geht, überwiegen die prorussischen Gefühle gegenüber den proamerikanischen, obwohl die Amerikaner und Briten auf politischer und kommunikativer Ebene alles unternehmen, um Deutsche und Russen weiter zu spalten.“

Der Kalte Krieg wieder?

„Auch angesichts der Gefühle, die in Deutschland in Bezug auf Nawalny und die russische Politik entstanden sind, dazu geführt haben, fragen sich viele Deutsche, ob wir nicht wieder im Kalten Krieg sind“, schildert Rahr. Für ihn war es wichtig, im Buch darzustellen.
„Das ist ja nicht so, dass unsere Meinung oder, sagen wir mal, unser erhobener Zeigefinger oder unsere Deutung dessen, was passiert ist, in Russland Akzeptanz findet.“
„Sicherlich gab es Demonstrationen für Nawalny“, gibt er zu. „Das hat auch viele Menschen in Deutschland emotionalisiert. Aber wir schauen nicht genau die Tiefe, die Russland hat. Und wir sehen eine andere Tendenz nicht, dass die Mehrheit der Russen heute sich hinter ihre Regierung stellen und sagen: ,Wir wollen gar nicht im Detail wissen, was da passiert ist, weil wir das Gefühl haben, dass wieder Sanktionen gegen uns in Bewegung kommen, dass uns wieder gedroht wird, dass wir in die Enge getrieben werden, dass hier Schuldzuweisungen erfolgen, die nicht bewiesen werden können‘.“
Russische und deutsche Nationalflaggen - SNA, 1920, 06.03.2021
Kein Konflikt zwischen Deutschland und Russland, nur Meinungsverschiedenheiten – BDWO-Vorsitzender
Und was Alexander Rahr auch Angst macht, ist, „dass die jüngere Generation, sowohl in Russland als auch in Deutschland, sich eigentlich nicht so sehr für das andere Gegenüber interessiert wie früher, noch vor 20-30 Jahren. Informationen über gegenseitige Interessen und das gegenseitige Leben nur spärlich ausgetauscht werden. Slawistik wird jetzt kaum mehr richtig gelehrt. An den Universitäten wird Russlandforschung lange nicht mehr so betrieben wie zu meiner Zeit, vor 30 Jahren. Das alles ist ein Entfremdungsprozess. Das Problem ist, dass wir irgendwann an einen Zeitpunkt gelangen werden, wo das nicht mehr korrigiert werden kann.“

Die Nato-Erweiterung ist die Mutter aller Probleme

So nennt sie der Russlandexperte. „Klar, wollte der Westen die Nato erweitern, da gebe ich dem Westen recht, dass es Richtung Konsolidierung von Europa geht. Man hätte doch wissen müssen, dass Russland immer noch die zweitgrößte Atommacht der Welt ist und dass das Land damals unter Jelzin großes Interesse hatte, weiter mit Europa auch sicherheitspolitisch zusammenzuarbeiten. Wieso hat man frühere Institutionen wie die Troika-Treffen zwischen Frankreich, Deutschland und Russland oder den Nato-Russland-Rat, der früher viel demokratischer geführt wurde als später, — wieso hat man diese Institutionen entweder völlig abgeschaltet oder liegenlassen? Und wieso ist man nicht auf die Befindlichkeiten der Russen so eingegangen?“
Deutschland habe im letzten Moment, im Jahre 2008, auf dem Nato-Gipfel in Bukarest, die Nato-Erweiterung auf die Ukraine und Georgien gestoppt, erinnert der Politologe. Die Amerikaner hätten sie durchgedrückt. Es wäre zu größten Konflikten gekommen. Und ich frage mich, warum wir in unserer Sicherheitspolitik in eine solche Schieflage gelangen konnten. Ich glaube nicht, dass es an Russland liegt. Wir haben angefangen mit der Nato-Osterweiterung Russland zu umkreisen, so ist das Befinden Russlands. Die Russen fühlen sich herausgefordert. Wieso muss die Ukraine unbedingt in die Nato? Die Ukraine kann wie Finnland oder Österreich neutral sein. Dadurch werden viele Probleme gelöst.“
Die Behauptung, jedes Land habe das Recht der Nato beizutreten, entkräftet Rahr mit dem Beispiel Israel. „Israel ist doch ein prowestliches Land. Natürlich würde Israels Sicherheit viel dadurch gewinnen, wenn es Teil der Nato wäre. Aber dann müsste die Nato in jedem Moment für Israel einstehen. Und man kann sich vorstellen, dass seine Beziehungen zu den arabischen Nachbarstaaten sich noch kritischer und feindseliger entwickeln würden. Deshalb wird dieses Thema einer Nato-Mitgliedschaft Israels überhaupt nicht auf die Tagesordnung kommen.“
Russland habe als europäische Großmacht ein Mitspracherecht in Europa, ist sich der Politologe sicher. „Es muss an der künftigen Sicherheits- und Wirtschaftsarchitektur des Kontinents mitbeteiligt werden. Es ist nicht zu leugnen, dass Russland Teil Europas ist.“

Doppelte Moral der deutschen Russland-Politik

Alexander Rahr macht in seinem Buch darauf den Leser aufmerksam. „Wieso kritisieren wir, wie Russland mit Nawalny umgeht, aber niemand im Westen beschützt Assange? Warum wird immer wieder im Westen gesagt, die Kosovo-Frage, die damals gegen Serbien gelöst worden ist, wo der Kosovo gewaltsam aus Serbien herausgezogen wurde, und man sagt, dass das laut Völkerrecht gerecht war, und die Krim, Abchasien und Südossetien waren alles Völkerrechtsbrüche? Man stellt bloß meistens so dar, dass die russische Seite in der internationalen Politik immer Schuldbekenntnisse abgehen muss. Das ist gefährlich, weil hier im Verständnis zueinander viel kaputtgemacht worden ist.“

Wer wird deutsche Russland-Politik nach der Bundestagswahl bestimmen?

Die Grünen-Positionen gegenüber Russland sind laut Rahr bekannt. „Sie sind sehr kritisch, sie sind sehr moralisch. Dann wird Deutschland eher so auf der Seite stehen, auf der heute Polen oder Großbritannien stehen, die größten Russland-Kritiker im Westen. Wenn Scholz als SPD-Mann Kanzler wird, dann werden vielleicht Teile der Ostpolitik wieder zu neuem Leben erweckt. Wenn Herr Laschet oder Herr Söder an die Macht kommen, so werden sie als Pragmatiker vor allen Dingen die deutsche Wirtschaft stärker hören als Frau Merkel.“
„Diese beiden Politiker, die jetzt zwei wichtige Bundesländer anführen, kennen diese Problematik ihrer Firmen“, so der Buchautor weiter.
„Und die Tatsache, dass der russische Markt für sie wegfällt, ist ein wichtiges Thema in den deutsch-russischen Beziehungen. Die Wirtschaft spielt immer wieder eine Rolle. Und für diese Wirtschaftsbeziehungen wird vielleicht dann unter einem anderen Kanzler mehr getan werden.“
Es gebe aber auch noch Kräfte in Europa, merkt Rahr an, „die gar nicht mehr so schwach sind, die sich darum bemühen, mit Russland einen aufrichtigen Dialog zu führen. Dazu gehört die AfD, dazu gehört die Linke, dazu gehören Teile der SPD in Deutschland. Es gibt solche Stimmen auch in anderen deutschen Parteien. Es ist bedauerlich, dass das in Italien und in anderen osteuropäischen Ländern vor allen Dingen rechte Parteien sind, die sich nach Russland hin orientieren und weniger linke, wie das vielleicht früher der Fall gewesen ist. Und die Russen wollen nicht die Türen ganz zuschlagen.
Wenn es legitime Parteien gebe, die im Parlament vertreten seien, die selber nach Russland fahren würden, um Gespräche zu führen, wie solle man sie rausschmeißen? – fragt Rahr. „Man führt dann Gespräche mit allen möglichen Partnern, um mit Deutschland im Kontakt zu bleiben. Uns gefällt das nicht. Aber dann müssen wir unseren Dialog so mit Russland gestalten, dass man nicht auf den Gedanken kommt, die Ultra-Oppositionskräfte einzubinden zu versuchen.“
Newsticker
0
Neueste obenÄlteste oben
loader
Live
Заголовок открываемого материала
Um an der Diskussion teilzunehmen,
loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich
loader
Chats
Заголовок открываемого материала