Corona-Pandemie belastet Menschen mit niedrigen Einkommen stärker

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Leerer Geldbeutel (Symbolbild) - SNA, 1920, 15.03.2021
Weniger Rücklagen, geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Probleme beim Homeschooling: Finanzielle Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen bisher insbesondere viele Menschen mit niedrigen Einkommen und verringern deren Aufstiegschancen. Das geht aus dem Entwurf eines Berichtes der Bundesregierung hervor, den jetzt ein Verband öffentlich machte.
Die Corona-Pandemie gilt als Verstärker bestehender sozialen Schieflagen. Ein 500 Seiten starker Entwurf für den sogenannten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung liefert nun ebenfalls viele Hinweise darauf. Der Pflegeverband „Der Paritätische“ hat den Berichtsentwurf online gestellt.

Der Armuts- und Reichtumsbericht wird alle vier Jahre unter Federführung des Bundessozialministeriums erstellt und soll eine Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland liefern.

Bundesregierung sollte sich schämen

Nach den vorläufigen Zahlen hatten im August 2020 rund 30 Prozent der Befragten mit besonders niedrigen Einkommen seit Beginn der Pandemie Probleme, laufende Ausgaben zu decken. Hochgerechnet 15,5 Millionen Haushalte mussten bis zu diesem Zeitpunkt Einkommenseinbußen in der Pandemie hinnehmen. Besonders betroffen waren laut Berichtsentwurf Gering- und Normalverdiener.

Für die Ergebnisse dieses Berichts muss sich die Bundesregierung schämen.

Anja Piel
DGB-Vorstandsmitglied
Das Papier zeige, dass sich Ungleichheit verfestige und sozialer Aufstieg ein leeres Versprechen bleibe, so Piel und ergänzt:
„Diese Situation wird durch die Pandemie noch einmal erheblich verschärft.“

Kaum Aufstiegschancen

In dem Entwurf wird deutlich, dass die Bildungs- und Aufstiegschancen einkommensschwacher Menschen durch die Pandemie weiter eingeschränkt werden. So berichteten insbesondere Eltern mit niedrigen Einkommen von weniger Unterstützung vonseiten der Schulen beim Homeschooling und sorgten sich um die Aufstiegschancen ihrer Kinder. Generell sind die Aufstiegschancen insbesondere für Menschen aus den unteren Einkommensschichten seit den 80er Jahren kontinuierlich gesunken. Ihnen fällt es immer schwerer, in die Mittelschicht aufzusteigen.

Zunehmende Probleme am Arbeitsmarkt

Die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt könnten dem Bericht zufolge insbesondere Langzeitarbeitslose treffen. Diese sähen sich verstärkt mit dem Problem eines teilweise verschlossenen Arbeitsmarktes konfrontiert. Und während etwa in der öffentlichen Verwaltung die Beschäftigtenzahlen stabil blieben, gab es bei Beschäftigten in der Gastronomie seit April einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen um 80 Prozent.
"Die bereits vorher großen Herausforderungen, Langzeitarbeitslose und die in den letzten Jahren nach Deutschland gekommenen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, dürften sich somit verstärkt haben", heißt es in der Regierungsanalyse.

Kurzarbeit hilft vorübergehend

Positive Impulse gab es hingegen offensichtlich durch das Kurzarbeitergeld. Insbesondere Menschen mit mittleren oder geringen Einkommen profitierten dem Bericht zufolge von der staatlichen Leistung.
Diese Hilfen haben so die sozialen Härten besonders für die untere Einkommensmitte abgefedert“, heißt es in einer Kurzfassung des Berichts. Insgesamt ist der Anteil der Menschen in Kurzarbeit im vergangenen Sommer gesunken.
Positiv wirkt sich, laut dem Regierungsbericht, bei Geringverdienern auch der Mindestlohn aus. Demnach profitierten 2019 in Deutschland knapp zwei Millionen Jobs vom Anstieg des gesetzlichen Mindestlohns. Laut der Analyse gilt immer noch gut jeder Fünfte in Deutschland (21,7 Prozent) als Niedriglöhner.

Zeit für eine Vermögenssteuer?

Aus Sicht von Verbänden gehen die Bemühungen der Politik jedoch nicht weit genug.

Die Parteien müssen jetzt im Wahlkampf sagen, wie sie mit dem Anstieg von Armut und der verfestigten sozialen Ungleichheit umgehen wollen.

Anja Piel
DGB-Vorstandsmitglied
Es sei unter anderem Zeit für eine Vermögenssteuer, sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel der Deutschen Presse-Agentur. Das Vermögen der Menschen in Deutschland ist auch Thema in dem Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung. Hier ergibt sich eine äußerst ungleiche Verteilung:

"Betrachtet man die Haushalte nach der Höhe des Vermögens, entfielen auf die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung rund 1 Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten 10 Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinten."

Aus dem Entwurf des 6. Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung
(veröffentlicht durch den Sozialverband "Der Paritätische")
Laut den statistischen Angaben der Bundesregierung verfügt rund 3,8 Prozent der Bevölkerung über ein hohes individuelles Vermögen ab 500.000 Euro. Im Jahr 2018 betrug das durchschnittliche Bruttovermögen der privaten Haushalte 194.000 Euro. Immobilien machen mit 70 Prozent den Großteil der Vermögen aus.Jeder neunte Haushalt gab jedoch an, über keinerlei Bruttovermögen zu verfügen. Die Hälfte der Haushalte besitzt weniger als 50.000 Euro.
Der neue, also der sechste Armuts- und Reichtumsbericht wird derzeit noch von anderen Ressorts ergänzt und soll noch im Frühjahr veröffentlicht werden. Eine fundierte Analyse der Pandemieauswirkungen auf die Haushaltseinkommen oder die Ungleichheit in Deutschland wird jedoch erst später möglich sein, wie es in dem Entwurf heißt.
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